Sonntag, Juli 26, 2026
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Noch zu wünschen übrig

Bild zeigt Stift, mit dem etwas geschrieben wirdLiebe Leserin, lieber Leser,

Merken Sie‘s auch mit Wehmut, liebe Leserin, lieber Leser? Die Tage werden schon kürzer. Bislang nur um Minuten, aber die Mittsommerzeit neigt sich dem Ende zu – leider! Wer genießt nicht die langen lichten Abende, noch weit entfernt von der dunklen Jahreszeit?

In Skandinavien und im Baltikum, wo dunkel und hell im Jahreslauf viel stärker ausgeprägt sind, spricht man zur Sommer-sonnwende von den Weißen Nächten. Und erzählt sich eine romantische Geschichte, die seltsam ausgeht. Aber gerade deshalb besonders berührt, denn
da bleibt noch viel zu wünschen übrig…

Es heißt ja, Vorfreude sei die beste Freude. Vermutlich, weil man noch ganz ungetrübt dran glauben kann, dass es einfach wunderbar wird, wenn in Erfüllung geht, worauf man sich so freut. Wenn es jedoch Wirklichkeit wird, ist man manchmal ein bisschen enttäuscht.

Trotzdem lassen die meisten Menschen sich immer wieder auf die Vorfreude ein – zum Glück! Allein schon sich vorzustellen, wie schön das Ersehnte sich dann erfüllt, beflügelt und inspiriert. Gibt Energie, sich voll dafür einzusetzen. Ein Hoch auf die Vorfreude! Und – auf die Sehnsucht! Arthur Schnitzler (1862-1931, Arzt/ Dichter/ Dramatiker in Wien) sagte:
„Die Sehnsucht ist es, die unsere Seele nährt, und nicht die Erfüllung“. –

Ob das stimmt, gerade auch in Liebes- und Freundschaftsbeziehungen, etwas vom Kostbarsten im Leben – ? Es sind ja Verbindungen, in denen man einander durch dick und dünn begleitet. Sich gegenseitig bereichert, herausfordert und trägt. Dabei wollen Nähe und Distanz immer neu ausbalanciert sein: Was und wieviel für sich allein – was und wieviel gemeinsam? Worin ist und bleibt man „eigen“, worin ist es nötig, sich anzugleichen, sich im Kompromiss einig zu werden? – Dies und manch anderes in Ausgleich zu bringen, gehört wohl zu der „Kunst, als Paar zu leben“ (Longseller seit 1992 von Helmut Jellouschek, Theologe und Psychotherapeut). Es bleibt spannend, sich immer wieder neu zu finden.

Ein uralter Mythos erzählt von zweien, die sich dafür entscheiden, dass zwischen ihnen Sehnsucht und Erfüllung in der Schwebe bleiben sollen (nach Sigrid Früh, Die weißen Nächte):

„Über den Ländern des Nordens liegt zur Zeit der Sommersonnwende ein besonderer Zauber.

Das Tageslicht verweilt jeden Abend ein wenig länger, immer zögernder senkt sich die Dunkelheit herab, bis sie endlich ganz ausbleibt und nur eine zarte, geheimnisvolle Dämmerung den vergangenen Tag mit dem folgenden verbindet. Ist die Sonne sehr spät am Horizont versunken, erlischt ihr rosiger Widerschein nicht, sondern wandert kaum merklich von Nordwest nach Nordost und flammt schon nach wenigen Stunden mit neuer Glut auf, bis sie aufsteigend wieder voll erstrahlt. Nach den langen kalten und dunklen Monaten sind die Wochen um Mittsommer mit ihrer Fülle von Grünen und Blühen die hohe Zeit der nordischen Natur. Sie geht manchen auch etwas wehmütig zu Herzen, weil sie nur eine kurze Frist währt…orizont versunken ist

Da erfüllt sich die Sehnsucht der unsterblich Liebenden, des Mädchens Hämarik und des Jünglings Koit. Sie standen seit Urzeiten im Dienst des Allgütigen und führten den Lauf der Sonnenfackel. Diese empfing Hämarik, die Abenddämmerung, jeden Abend aus Koits Händen, der sie herabholte, und verwahrte sie, sorgsam mit Dunkel bedeckt. An jedem neuen Morgen übergab Hämarik die Sonnenfackel wieder Koit, der sie hoch emportrug, damit der Tag hell erstrahle.

So begegneten sich die beiden jeden Abend und jeden Morgen, und der Jüngling und das Mädchen begannen, einander zu lieben. Als es Frühling wurde, zögerten sie den täglichen Abschied mehr und mehr hinaus. Immer später löschte Hämarik die Sonnenfackel, und kaum war das getan, erschien Koit schon wieder und empfing das Licht aus Hämariks Händen. Immer länger blieben sie beieinander, blickten sich in die Augen und wussten sich so viel zu sagen…

Schließlich geschah es, dass Koit und Hämarik einander umarmten. Sie hielten sich innig umfasst, so dass in dieser Nacht die Fackel des Lichtes gar nicht erlosch. Am nächsten Tage ebenso, und noch an vielen weiteren: Die beiden waren untrennbar ineinander versunken.

Der Allgütige, dem nichts verborgen bleibt, sah ihre Liebe und rief sie zu sich. Er sprach: „Ich sehe, dass ihr euch liebt. Darum will ich euch freigeben aus meinem Dienst, damit ihr euch nie mehr zu trennen braucht.“

Koit und Hämarik wechselten einen langen Blick. Dann sagten sie: „Wir danken dem Allgütigen für seine große Freundlichkeit. Doch wir bitten, auch weiterhin in seinem Dienst bleiben zu dürfen und uns auf ewige Zeit als Brautleute zu lieben. Nur möge er uns erlauben, jedes Jahr zu Mittsommer ungetrennt miteinander zu sein. In der übrigen Zeit wollen wir uns aus der Ferne anblicken und unvergängliches Verlangen in unserer Seele verspüren. Wenn er uns das gestattet, werden wir glücklich sein.“

Der Allgütige erfüllte ihren Wunsch. Seitdem begegnen sich Koit und Hämarik täglich und sehen einander von ferne an in leuchtender, unsäglich kostbarer Sehnsucht. Nur zur Zeit der hellen Nächte vereinen sich die Ewigliebenden. Dann schmückt der Allgütige selbst ihnen die Natur zur Brautkammer. Er schenkt ihnen Himmelslicht und Blütenfülle, welcher keine Schönheit der Welt gleichkommt.“

Was für eine Geschichte! Nicht das übliche Happy End. Aber glücklich in der Balance, dass da immer etwas zu wünschen übrigbleibt, im wahrsten Sinne des Wortes. Voll Vertrauen, dass der Wechsel zwischen Zeiten des Dunkels und des Lichts, zwischen Warten und Eintreffen, Sehnen und Erfüllung uns, den Lebendigen zugute, weise geordnet ist.

Verena Engels-Reiniger

 


Artikel der Kurseelsorge in Ausgabe Nr. 15 von „Bad Wurzach Natürlich. Informativ“ vom 18. Juli 2026