Donnerstag, Juli 9, 2026
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Ein kleiner Abriss über einen elementaren Stoff

…mit großer Wirkung

Bild zeigt Stift, mit dem etwas geschrieben wirdLiebe Leserin, lieber Leser,

schon früh wurde Blut als Träger unserer Lebenskraft angesehen. Verblutete z.B. jemand, so sah man die Kräfte schwinden und folgerte: Blut gleich Leben. – In der Mythologie der griechisch-römischen Antike galten Götter als Urheber dieses „Stoffes“ und Menschen waren aus ihm gemacht. Ganz ähnlich in der Bibel: der Mensch setzt sich aus Fleisch und Blut zusammen – und Blut bedeutet Leben.

Allerdings beantwortet sie die Frage „wie mit diesem Stoff umgehen“ völlig verschieden. Im AT (Dtn 12,23) sagt sie: „Beherrsche dich und genieße kein Blut; denn Blut ist Lebenskraft, und du sollst (diese) nicht zusammen mit dem Fleisch verzehren.“ Im NT (Joh 6,53) macht Jesus dagegen klar: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht eßt und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.“

So verschieden diese Antworten auch sind, eines haben sie gemeinsam: Blut ist elementar! – Entsprechend wurde es in der Antike als Mittel zur Heilung betrachtet – bspw. für Epilepsie. Dieses griechische Wort heißt übersetzt „Übergriff“. Etwas hatte also auf einen Menschen übergegriffen, ihn scheinbar seiner Seele beraubt. Dem könne mit (Opfer)Blut entgegengewirkt werden, so die Überzeugung.

Auf die Frage, „woher nehmen“, hätte die etruskische Antwort gelautet: von Begräbnisfeiern hochgestellter Persönlichkeiten. Um solche nach deren Tod zu ehren, hielt man an ihren Gräbern Schwertkämpfe ab. Kam dabei ein Kämpfer um, wurde das als heiliges Opfer verstanden: zur Besänftigung der verstorbenen Seelen. – Dieses Denken wurde von Griechen wie Römern übernommen und auf Krankheiten angewandt.

Opferblut galt jedoch in nahezu allen Kulturen als geweihte Substanz. – Im Prinzip auch im Judentum. Es war dort etwas Heiliges – weil es für das von Gott gegebene Leben stand: „Die Lebenskraft sitzt im Blut. Dieses habe ich euch gegeben, damit ihr auf dem Altar für euer Leben die Sühne vollzieht; denn das Blut ist es, das für ein Leben sühnt. Deshalb habe ich gesagt: Niemand unter euch darf Blut genießen.“ (s. Lev 17,11)

Blut durfte von Jüdinnen und Juden also nicht verzehrt werden. Weder weltlich – noch sakral. Und es war klar: sogar das Schlachten eines Tieres ist nie bloß weltlich! „Saul erbaute dem Herrn einen Altar“ „Und er befahl: Jeder soll sein Rind und sein Lamm zu mir bringen und es hier [auf dem Altar] schlachten und essen.“ (s. 1 Sam 14) – Weshalb? Damit niemand auf die Idee kam, (Opfer)Fleisch zu verzehren mit dem Ziel, eigenmächtig die heilige Kraft des Blutes in sich aufzunehmen.

Blut – so der jüdische Glaube – gehört dem Herrn des Lebens. Deshalb wurde es bei jeder Opferung eines Tieres rings um bzw. an den Altar gesprengt. Denn als heiliges Element hat es besondere Kraft und dient zur Festigung der Gemeinschaft, zur Reinigung und zur Sühne. Aus diesem Grund sprengte Mose vom Opferblut – bei der Stiftung des Bundes – die eine Hälfte über den Altar, die andere über das Volk (Ex 24,6-8), um die Gemeinschaft zwischen Jahwe und dem Volk zu begründen.

Auch das Neue Testament spricht genau davon, von dieser Gemeinschaft und Verbundenheit. Z.B. Petrus in seinem ersten Brief „an die Auserwählten, die als Fremde in der Zerstreuung leben“, „um Jesus Christus gehorsam zu sein und mit seinem Blut besprengt zu werden.“ Mit einem fundamentalen Unterschied: Ab jetzt ist von Gott selbst die Rede, vom Blut seines Sohnes!

Durch sein Blut wird der Bund des Vaters mit uns Menschen erneuert: „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“, sagt Jesus (Lk 22,20). Darüber hinaus bietet er auf diese Weise jedem Menschen die Vergebung seiner Sünden an (vgl. Mt 26,28). Entsprechend bedeutet das Trinken des Blutes in der Eucharistie die Vereinigung von uns Menschen mit Gott, sowie unsere Teilhabe an seinem göttlichen Wesen.

Bild, welches das Zentrum des Wurzacher Blutreliquiars zeigt
Die Reliquie in Bad Wurzach: Ein Stückchen Tuch, getränkt mit Jesu Blut. Aus dem Glauben heraus gesehen also Kleidungsstoff gefüllt mit Lebensstoff. Etwas, das damals berührt wurde und heute noch berührt. (Bild: Pfr. Stefan Maier)

Eben dieses Teilhabenwollen an Gottes Wesen, das Vereintsein mit ihm, bringt uns dem nahe, was wir hier in Bad Wurzach haben dürfen: eine Blutreliquie. Das Wort „Reliquie“ bedeutet „Überbleibsel“. Bei uns ein Stückchen Tuch, getränkt mit Jesu Blut. Aus dem Glauben heraus gesehen also Kleidungsstoff gefüllt mit Lebensstoff. Etwas, das damals berührt wurde und heute noch berührt.

Der erste biblische Beleg für Reliquien findet sich in der Apostelgeschichte und betrifft Paulus: „Sogar seine Schweiß- und Taschentücher nahm man ihm vom Körper weg und legte sie den Kranken auf; da wichen die Krankheiten, und die bösen Geister fuhren aus“ (Apg 19,12). – Dieser Vorgang ist besonders, weil das in der Antike grenzwertig war: Der Apostel ist in dieser Geschichte zum Glück quicklebendig. Tot hätte er als unrein gegolten. Alles, was mit ihm in Berührung gekommen wäre, ebenfalls. Ein absolutes NoGo also.

So sehr ein solches Verhalten in jener Zeit verpönt war – es dauerte nicht lange, da setzte es sich durch. Spätestens ab dem 5. Jh. sah man Reliquien als medizinisch wirksam an. Denn nach mittelalterlicher Vorstellung bildeten die sterblichen Überreste eines Märtyrers ein Depot von dessen göttlichen Kräften; ebenso das, was mit ihm in Berührung war oder kam. Noch mehr galt das für Heilig-Blut-Reliquien – so wie jener, die bei uns (nicht nur) am Blutfest verehrt wird.

Der Kern von allem Gesagten ist jedoch, wie ich Reliquien verstehe: Sehe ich etwas Magisches darin, dessen bloßer Besitz mir Heil/ung garantiert. Oder betrachte ich sie als ein Geschenk. Von Gott gegeben. Nichts über das ich verfügen kann. So wie es auch in einer Partnerschaft sein sollte. Als eine Trägerin des elementaren Stoffes, der mich einlädt zu glauben: dass Gott Liebe ist und will, dass ich in Beziehung mit ihm bin. Weil er „an sein Herz uns alle schloß“, wie es im Gottesberger Wallfahrtslied heißt.

Raimund Miller, Kurseelsorge


Artikel der Kurseelsorge in Ausgabe Nr. 14 von „Bad Wurzach Natürlich. Informativ“ vom 04. Juli 2026