Lieder-Belebungs-Versuche

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 25, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 08. Dezember 2021)!

Lieder-Belebungs-Versuche

Bild „herz-herzkurve-medizin-leben“, gemeinfrei aus pixabay

Liebe Leserin, lieber Leser, ja, richtig: Nicht (W)ieder-, sondern (L)iederbelebung.

Bei Wolfgang Raible (Dr. Theol., *1959) habe ich dieses Wortspiel gefunden. In einem Artikel berichtet er von einer Einladung zum Singen, mit diesem Titel. Alte Lieder sollten durch frisches Singen neues Leben eingehaucht bekommen.

Und ich dachte mir, dieses Wortspiel „Lieder-Belebungs-Versuche“ könnte auch uns anregen, (1) vertraute Advents-, Weihnachts-, oder Pop-Lieder mit Leben zu füllen und zu spüren, wie frisch und unverbraucht sie klingen. (2) Melodien, die wir schon „ewig“ kennen, neu und bewusst zu hören, oder selbst zu singen (so wie derzeit eben möglich), und ihre Texte mit unserem Leben in Verbindung zu bringen. (3) Plus durch Worte und Töne der (nicht nur) adventlichen Gesänge die „alte“ Botschaft vom Kommen Gottes in unsere Welt wieder in uns lebendig werden zu lassen.

 

Beim Nachdenken darüber, dass bzw. welche Impulse solche Lieder unserem (geistlichen) Leben geben können, ist mir v.a. Peter Maffay im Gedächtnis geblieben: „Über sieben Brücken musst Du gehen“. So wie hier nachzuhören, hatte ich es unlängst in der Mütterkur dabei: von mir aufgenommen und gesungen (coronakonform als mp3), um es mit den Müttern zu hören und zu besprechen. Dabei kam zutage, wie die 7 uns prägt:

Ein Menschenleben in 7er-Jahresschritten; biblisch gesprochen in fette und magere Zeiten; jede Woche in 7 Tage; das Fasten vor Ostern (von der Asche bis zum hellen Schein) in 7 Wochen; und den Advent eigentlich auch: Von St. Martin bis zum Licht der Weihnacht, über welches Johannes in seinem Evangelium spricht (1,1-18).

Deshalb möchte ich „7 Brücken“ mit Ihnen betrachten, über welche uns solche Lieder führen und dadurch beleben können.

Die Brücke in die eigene Vergangenheit

Das Lied „Tau aus Himmelshöh´n“ zum Beispiel kann ich nicht singen, ohne dass die Rorate-Gottesdienste in der Schlosskapelle auftauchen: der dunkle Raum, das Kerzenlicht, der Weg durch die Nacht. Oder dass ich mich bei „Es ist ein Ros entsprungen“ als Kind immer fragte „wieso Pferd“ (= Roß)? Nicht wissend, dass von einem „Reis“ (= Ros) die Rede ist – also Zweiglein, das sprießt. Ich bin überzeugt, Sie alle könnten jetzt Geschichten erzählen. Denn die Lieder dieser besonderen Zeit führen uns meistens auf die Brücke in die eigene Vergangenheit und können so das Gefühl der Dankbarkeit in uns wecken.

Die Brücke zu Sehnsucht und Hoffnung

Das Weihnachtsfest rührt wie kein anderes an unsere Wünsche und Träume – und in den vertrauten Liedern, die wir in der Vorfreude auf dieses Fest singen, kommen sie zum Ausdruck: (1) die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit; (2) die Hoffnung auf Befreiung von verschiedenen Zwängen und Ängsten. – Hinter den Liedern der Advents- und Weihnachtszeit verbergen sich unsere großen Sehnsüchte: (3) der Wunsch nach Gerechtigkeit und Frieden; (4) der Traum von Zufriedenheit und Glück. Die Geburt Jesu besingen wir als die Erfüllung all dieser Wünsche und Träume. Entsprechend führen uns viele dieser Lieder auf die Brücke zu uns selbst, zu unseren tiefsten Sehnsüchten und Hoffnungen.

Die Brücke zur Gemeinschaft

Singen stiftet Gemeinschaft – mehr als das Reden. Oder wie Paul Claudel in „Der seidene Schuh“ sagt: „Singe, wer nicht mehr zu reden versteht! Es braucht nur ein schüchternes Herz den Anfang zu machen, und schon horchen alle anderen auf, geben Antwort und stehen im Einklang.“ Egal ob frei von der Seele weg, oder gedämpft durch und mit Maske – jedesmal wenn ich in der Mütterkur tätig war/bin, erlebe ich das: Lieder (ob Pop, neugeistlich, advent- oder weihnachtlich) führen uns auf die Brücke zu den anderen, zur Gemeinschaft – und stärken uns im Vertrauen, mit unseren Freuden und Sorgen nicht allein zu sein.

Die Brücke zur biblischen Botschaft

Lieder sind wie Predigten, die wir uns gegenseitig halten. Sie wollen (die) Worte (der Bibel) in unser Leben hinein übersetzen. Sie möchten bewirken, dass uns (die biblischen) Geschichten erreichen und berühren, dass sie uns zu denken und zu handeln geben. (1) Adventslieder lassen uns die Sehnsucht spüren, mit der das Volk Israel auf den Retter, den Messias gewartet hat – und wollen uns dazu bewegen, ihn auch für uns persönlich zu erwarten; wachsam zu sein, dass wir sein Kommen nicht übersehen. (2) Weihnachtslieder lassen uns die Freude der Menschen ahnen, die in Jesus den Erlöser gefunden haben – und sie wollen uns damit anstecken. (3) Ein Popsong wie „Lay your worry down“ von Milow sagt auf seine Weise „Kommt alle zu mir, die mühselig und beladen seid“ (Mt 11,28) und kann uns zu Jesus führen.

Die Brücke zum Glauben von „früher“

Kirchenlieder sind in einer ganz bestimmten Zeit entstanden, in einem gesellschaftlich bedingten Rahmen – auf dem Hintergrund einer Theologie und eines Kirchenbildes. Sie sprechen die Sprache ihrer Zeit und spiegeln das musikalische Empfinden bei ihrer Entstehung wider. Wenn wir sie heute singen, müssen wir das bedenken. Auf der einen Seite sind sie uns dadurch fremd. Auf der anderen stellen sie uns in eine große, über Jahrhunderte hinweg bestehende Glaubensgemeinschaft hinein. Sie zeigen uns, wie unterschiedlich unser christlicher Glaube artikuliert werden kann. Sie machen uns vertraut mit Vorstellungen von „früher“. Wenn wir uns bewusst mit älteren Advents- und Weihnachtsliedern beschäftigen, begehen wir die Brücke zum Glauben von „früher“, um uns selbst zu vergewissern, wer wir sind.

Die Brücke vom Verstand ins Herz

Von manchen Liedern wissen wir, wer sie verfasst hat. Wir wissen, (1) unter welchen Umständen er/sie leben musste; (2) welche Ereignisse jemanden umgetrieben haben; (3) worunter sie/er gelitten hat oder worüber sich gefreut wurde. – Das hilft uns, besser zu verstehen. Und je besser wir eine/n solche/n Musiker/in kennen, desto stärker wird uns auch ihre Botschaft in Wort und Ton berühren; desto bewusster können wir ihre Lieder mitsingen. Wir entdecken, dass sie ähnliche Gefühle, Sorgen und Hoffnungen durchlebt haben wie wir – und das bringt uns näher. D.h., es lohnt sich, auch diese Brücke zu überschreiten, weil sie zu Herzen geht.

Die Brücke zum Geheimnis Gottes

Die Musik führt uns oft näher an das Geheimnis Gottes heran als viele Worte. Melodien können die Frohe Botschaft tiefer in uns eindringen lassen. Sie sprechen nicht nur den Verstand, sondern auch das Gefühl an. Zum Beispiel kann eine absteigende Tonfolge uns sofort nachempfinden lassen: Gott kommt in unsere Welt; er lässt sich auf die Niederungen unseres Lebens ein. So gesehen sagen Lieder mehr als Worte. Wenn wir sie also genauer betrachten und sie singen – besonders jene zu Advent und Weihnachten – werden wir das alle hoffentlich bestätigen können.

In diesem Sinn: Gute Lieder-Belebungs-Versuche! Beleben wir altbekannte Weisen und lassen wir uns von Ihnen beleben. Begeben wir uns auf den Weg der 7 Brücken, in der Erwartung des hellen Scheins, der am Ende steht – für uns.

Raimund Miller