Freitag, Juli 19, 2024
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O Heiland reiss

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 23, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 10. November 2021)!

O Heiland reiß die Himmel auf

Eine spannende Version des Liedes bieten Thomas Friz und Klaus Wuckelt. Dazu entweder den QR-Code scannen, bzw. draufklicken, oder direkt unter Thomas Friz abspielen

Liebe Leserin, lieber Leser,

warum nicht – gut zwei Wochen vor dem Advent – sich (wieder) einmal mit einem Kirchenlied-Klassiker und dessen Autor beschäftigen?! Zumal dieser (der Jesuit Friedrich Spee) mehr war, als nur Dichter von Messgesängen, wie bspw. sein „O Heiland, reiß die Himmel auf“ zeigt:

  1. Heiland, reiß die Himmel auf,
    herab, herab vom Himmel lauf,
    reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
    reiß ab, wo Schloss und Riegel für.
  1. Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß,
    im Tau herab, o Heiland, fließ.
    Ihr Wolken, brecht und regnet aus
    den König über Jakobs Haus.
  1. O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,
    dass Berg und Tal grün alles werd.
    O Erd, herfür dies Blümlein bring,
    o Heiland, aus der Erden spring.
  1. Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
    darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
    O komm, ach komm vom höchsten Saal,
    komm, tröst uns hier im Jammertal.
  1. O klare Sonn, du schöner Stern,
    dich wollten wir anschauen gern;
    o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein
    in Finsternis wir alle sein.
  1. Hier leiden wir die größte Not,
    vor Augen steht der ewig Tod.
    Ach komm, führ uns mit starker Hand
    vom Elend zu dem Vaterland.

Wer sich zu diesem Text die tiefe und leicht melancholische Melodie hinzudenkt, dem wird das Lied einen tiefen Eindruck hinterlassen. Doch worin besteht die Besonderheit dieses Adventsgesangs?

Biographie

Die Welt des Dichters und Jesuiten Friedrich Spee v. Langenfeld (1591-1635), ist undurchschaubar geworden. Als er 27 war, brach der Dreißigjährige Krieg aus, Spee wird zur Pflege Pestkranker eingesetzt (wo er sich schließlich irgendwann infiziert und im Alter von 44 Jahren stirbt).

Zudem erlebte er die Hoch-Zeit der Hexenverfolgung im deutschsprachigen Raum, die ihn zutiefst entsetzte. Spee wäre am liebsten geflüchtet, stellte sich aber seinen Aufgaben und hinterließ ein beeindruckendes Werk. Berühmt ist er für seine Schrift „Cautio Criminalis“. In Würzburg hatte er selbst Hexenprozessen beigewohnt. Deshalb wandte er sich – anonym – gegen diese Praxis und die damit verbundene Folter.

Bald wurde er als ihr Autor er- und bekannt, nicht zur Freude seiner Vorgesetzten. Die schickten ihn in eine rheinische Gemeinde, als Gegenreformator; was Spee mit Härte, ganzem Einsatz und Erfolg machte. Entsprechend wird er auf dem Weg zwischen den Dörfern seiner Pfarrei eines Tages überfallen und schwer verletzt.

Dieser biographische Abriss klärt die Sprachverwendung des Dichters. Spee bedient sich einer Sprache der Gewalt, die ihm aus dem Alltag vertraut ist. Doch versucht er sie gerade gegen die Verhältnisse seiner zerbrochenen Zeit umzukehren.

Sympathie

Beate Heinen, „O Heiland, reiß die Himmel auf“, 1993, © Ars liturgica Klosterverlag Maria Laach, Nr. 5499, www.klosterverlag-maria-laach.de

Was an dem Lied berührt, ist die darin spürbare Sehnsucht. Sie bedingt die starken Verben und die Aus- und Anrufe, besonders eindrücklich das mehrfache „Ach“. 1622, zur Zeit der Entstehung, herrscht seit fünf Jahren ein Krieg, der seinen Höhepunkt längst noch nicht erreicht hat.

Was Spee im Wortsinn „sympathisch“ macht, ist die Verzweiflung. Hier spricht keiner, der schalen Trost spenden will. Besonders in der vierten Strophe ist zu spüren, dass er nicht frei war vom Gefühl der Gottverlassenheit; was kaum verwundert bei den Niederschlägen, die Spee erlebte.

Je mehr man den Text des Liedes liest und hört, hat man das Gefühl, der Autor steht auf einer Kippe zwischen Verzweifeln und Hoffen. Der „ewig Tod“, den er vor Augen sieht, ist der Sturz in die „Krankheit zum Tode“, wie es Kierkegaard nannte. Doch Spee hofft, und die Bewegung des Liedes geht auf das lyrische Ich zu: eine Stimme, die von außen kommt.

Aus ihr spricht der angerufene Gott, der handelt. Der Mensch kann in Spees Augen nur „erwarten“, passiv, weil sein eigenes Tun ihn in die Sackgasse geführt hat.

„O Heiland, reiß die Himmel auf“ ist – im Blick auf unsere Zeit und Welt – aktueller denn je. Ebenso die Antwort, die es uns geben kann: Nämlich, nicht dem Nihilismus zu verfallen, sondern aus dem Glauben heraus zu vertrauen, dass das Versprechen eingelöst wird: in der Erfahrung von Trost, Licht und Heimat.

Raimund Miller