Freitag, Juli 19, 2024
Artikel

Zeit sich zu sammeln

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 21, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 13. Oktober 2021)!

Zeit sich zu sammeln

Liebe Leserin, lieber Leser – kennen Sie die Geschichte von Frederick, der Maus?

Frederick beteiligt sich nicht an der Sammelaktivität der anderen Mäuse im Herbst. Auf die Mahnung, doch auch für den Winter vorzusorgen, erklärt Frederick, dass er sehr wohl etwas sammle, nämlich Sonnenstrahlen, Farben und Wörter. Als im Winter die Essensvorräte langsam zur Neige gehen und Kälte und Dunkelheit auch den Hunger nach Licht und Freude spüren lassen, fragen die Mäuse nach Fredericks Vorräten. Er teilt davon aus, indem er ihnen von der Wärme der Sonnenstrahlen, vom Blau der Kornblumen und dem roten Mohn im goldgelben Kornfeld erzählt. Seine Vorräte verwandeln sich in ein Mäusegedicht.

»Frederick« von Leo Lionni kommt zwar als Kindergeschichte daher, ist jedoch auch eine Geschichte für Erwachsene. Vernünftig – wie die anderen Mäuse – sorgen wir, so gut es geht, in materiellen Dingen für uns und die uns anvertrauten Menschen vor. Darüber vergessen wir manchmal, dass es auch Anderes gibt, das uns durch karge Zeiten bringen kann. Z.B. Glück, wenn es geteilt wird; Freundschaften in die wir vertrauen; Erinnerungen an gute Erlebnisse; spirituelle Erfahrungen, die lebendig werden ließen. – Aus alledem und vielem mehr, kann innere Kraft erwachsen.

Vom Draußen ins Drinnen

Die Natur ist eine kluge Lehrerin, die uns ermutigt, zu begreifen, dass wir nicht immer blühen und Frucht bringen können. Gerade jetzt dürfen wir es zulassen, dass es einen Wechsel der eigenen Kräfte von außen nach innen gibt. Dabei kann folgendes Bild hilfreich sein: Das vom öffentlichem und vom privaten Raum.

Ich hoffe, dass es … Bereiche gibt, in denen man – und v.a. Frau – etwas von sich bergen kann. (Bild gemeinfrei aus Pixabay)

D.h., wenn wir jemanden empfangen, wird es vom Grad der Vertrautheit abhängen, welche Räume wir zeigen. Es wird also Bereiche geben, bei denen es einigermaßen egal ist, wer sie sieht. Allerdings sollten auch Rückzugsorte vorhanden sein, die nicht allen zugänglich sind. Denn so positiv es ist, offen zu sein, so verletztlich kann es in einem negativen Fall werden. – Und: was hier so materiell daherkommt, ist zugleich geistig gemeint. Auch die Seele muss sich zurückziehen können und dürfen. Virginia Woolf (1882-1942) formulierte diesen Gedanken so, dass jede Frau ein eigenes Zimmer haben sollte. – Ich möchte sagen „jeder Mensch“!

Gleichwohl erinnere ich mich an ein Erlebnis in Italien, vor 22 Jahren: die Erfahrung, dass eine Freundin eben gar kein Zimmer hatte, während ihre Brüder sich in einer eigenen Wohnung ausbreiten konnten. Für mich war das unfasslich. – Wenn ich bedenke, dass es auch heute noch solche Zustände gibt in unserer Welt, macht mich das traurig. Entsprechend hoffe ich, dass es (wenn schon kein eigenes Zimmer) Bereiche gibt, in denen man – und v.a. Frau – etwas von sich bergen kann: einen Schreibtisch, eine Schublade wengistens, über die allein der eine Mensch, dem sie gehört, bestimmen kann, ob und wer davon etwas zu sehen bekommt. –

Zerstreuen und Sammeln

Zeit sich zu sammeln. Das klingt nach „jetzt aber die Ernte einfahren“. Umgekehrt kann es jedoch heißen, nicht nur die Zerstreuung zu suchen. Wobei ein gewisses Maß an Zerstreuung wohltuend sein kann: z.B. sich ablenken von einer Sorge, oder entspannen nach einem langen Tag. Es geht nichts Anspruchsvolles mehr, aber was Aufheiterndes zum Lesen schon, oder eine unkomplizierte Serie im Fernsehen.

Die andere Form der Zerstreuung, greift dagegen tiefer: „In alle Winde zerstreut“ nennt man z.B. eine Familie, die durch Ortswechsel auseinandergerissen wurde. Völker, die vertrieben werden, verlieren sich, ihren Zusammenhalt und ihre Geschichte, sie werden zerstreut in alle Himmelsrichtungen. – In diesem Fall ist Sammlung etwas Schweres, zutiefst Ersehntes und wird mit aller Kraft versucht. Menschen wollen Gemeinschaft wiederherstellen, um ihre Kräfte zu bündeln und um sich am Zusammenhalt zu stärken.

Wer sich aus seiner geistigen Zerstreuung wieder sammeln möchte, den/die kostet das ebenfalls Mühe. Er/Sie muss aus dem Vielen, was einen beschäftigt, das Wichtige heraussieben; in dem Vielen, was einen bedrängt, das Wesentliche erkennen, das, worum sich wirklich bemüht werden sollte. Daraus kann das wesentliche Thema und die Chance einer Zeit der Stille sowie des Rückzugs werden. Um in der Bewegung von Außen nach Innen zu entdecken „welche Ressourcen sind noch da, wo braucht und woher gibt es neue?!“

Unsere innere Gestalt

Der Zugang zu unseren innersten Ressourcen ist auch der Zugang zu unserer inneren Gestalt. Im Rückblick auf bestimmte Lebensphasen staunen wir vielleicht über bewältigte Zeiten und fragen uns, wie manches überhaupt zu schaffen war. – Aufgrund solcher Erfahrungen können/dürfen wir unseren Kräften trauen, auch wenn wir uns kaum mehr vorstellen können, dass es geht.

Der Jesuit Alex Lefrank beschreibt die Menschwerdung im Laufe des Lebens als Prozess der Reduzierung: Aus den vielen Möglichkeiten wählen wir – hoffentlich – im Laufe des Lebens unsere je eigenen Möglichkeiten. Je genauer wir diese Wahl treffen, desto klarer wird unsere Gestalt, unsere innere und äußere Kontur. Wir werden lernen, mit den uns gegebenen Kräften umzugehen; sie zu spüren und zu nutzen, auch wenn sie scheinbar am Ausgehen sind. Und wir werden erkennen, welche Kräfte uns behilflich sind beim Gestalten unseres Lebens.

Die Kraft Jesu – für uns

Das griechische Wort für die Kraft aus der heraus Jesus handelte, ist „dynamis“. In den Evangelien können wir lesen, dass er ihr seine Aufmerksamkeit widmete. Dazu zog er sich von Zeit zu Zeit zurück (z.B. Lk 6,12), entzog sich damit vielen Einflüssen und betete. Auf diese Weise versicherte er sich seiner Herkunft, seines Auftrags, seiner Botschaft und dessen, was ihn trug, der Liebe Gottes.

Die Frage ist (v.a. christlich betrachtet), was hindert uns am Nachmachen? Also uns eine Zeit der Sammlung zu nehmen, in uns zu gehen und – verbunden mit Jesus – zu bitten:

Gott, wir bitten dich,
 
um die Kraft des Himmels
Weite und Raum zum Atmen
Windhauch, der durchlüftet
Taufrische, die belebt
 
um die Kraft der Erde
Halt und Standfestigkeit
Lebendigkeit und Herzenswärme
Lebensfunken
 
Gott, richte uns auf
zwischen Himmel
und Erde.
 
Amen.

Raimund Miller, Kurseelsorger