Montag, April 15, 2024
Artikel

Zeit schenken – anstatt Mauern bauen

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 09, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 29. April 2020)!

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie in so vielen Bereichen des Lebens, ist es das gesunde Mittelmaß, das entscheidet, ob etwas nun „gelingt“ oder nicht. Diese „Regel“ ist weder neu, noch stammt sie von mir. Vielmehr denke ich, dass sie immer schon und für jeden Menschen gilt. Auch für hohe Würdenträger.

Aus einem Brief an Papst Eugen lll., der im 12. Jahrhundert gelebt hat, geht z.B. hervor, dass jener sich voll und ganz seinen Nächsten verschrieben hatte. Seine eigenen Bedürfnisse stellte er dabei immer hinten an. Im dreifachen Liebesgebot (Mk 12, 28-34; Mt 22, 34-40; Lk 10, 25-37) weist Jesus jedoch daraufhin, dass wir dem Herrn unsern Gott lieben sollen; und unseren Nächsten wie uns selbst. Was daraus – neben des Gottes- und Nächstenliebe – also auch hervorgeht, ist der Appell, gleichermaßen für uns selbst zu sorgen und uns um unser eigenes Wohlergehen zu bemühen. Dementsprechend lautet die Botschaft des besagten Briefes wie folgt: „Wie kannst du aber voll und echt sein, wenn du dich selbst verloren hast? Auch du bist ein Mensch. Damit deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für dich selbst ein aufmerksames Herz haben.“ (Bernhard von Clairvaux)

Was heißt das konkret für uns? – Ich möchte einen Häftling zitieren, um einen anderen Zugang zu dieser Frage zu finden. Dieser beschrieb seine Situation im Gefängnis folgendermaßen: „Die Zeit hinter diesen Mauern vergeht nicht einfach nur sehr langsam, sie verschwindet förmlich.“ Er meinte mit den Mauern sicherlich seine Gefängniszelle, aber was sind unsere Mauern? Welche Lasten erschweren uns den Weg? Wofür sind wir unaufmerksam geworden, weil wir uns hinter einer Mauer verstecken?

Mit meinem Gott überspringe ich Mauern (Ps 18,30). Bild “Jump” © Fotoline/Photocase

Die Mauer für Papst Eugen lll. war sein Wunsch, sich vollkommen seinem Nächsten zu verschreiben. Wir sehen also, eine Mauer muss nicht aus falschen Absichten entstanden sein.  Heute, in Zeiten der Kontaktvermeidung ist diese Mauer, die uns einengt, für den ein oder anderen sicher auch die Einsamkeit; für andere, die nun widerwillig zuhause bleiben müssen, fällt möglicherweise eine entscheidende Ausweichs-, ja sogar Ausgleichsmöglichkeit weg. Und wie wirklichkeitsnah ist so betrachtet – um ein Beispiel zu nennen – dann das Bild einer harmonisch lebenden Familie im Vergleich zur Realität? Und hinter welchen Mauern leben wir, die wir vielleicht selbst in einem derartigen Zwiespalt stecken? Wie begegnen wir den Menschen in unserem Umfeld?

Eine und wie ich finde, gute Möglichkeit um Antwort zu geben, ist diesen Mai der Muttertag. Dort haben wir die Gelegenheit unsere Mauern einzureißen und uns bewusst zu machen, wie wir die Zeit während der Corona-Krise bereichern können. Vielleicht wäre es mal wieder an der Zeit, sich zu unterhalten; mögliche Probleme anzuschneiden oder einfach nur zuzuhören, was unser Gegenüber zu sagen hat. Nur dort wo gesprochen wird, können Mauern überwunden, sowie Ausgrenzung und Isolation verhindert werden. Durch Integration und Verständnis bringen wir zudem einen Teil des Gottesreichs in unsere Gesellschaft.

Mir ist dabei bewusst: Sie und ich bewältigen Erlebtes auf vielfältige Arten. Und es ist nicht immer etwas Negatives, das wir verarbeiten müssen. Wenn wir es jedoch nicht tun, wird es zu unserer Gefängniszelle, in der wir nicht merken, wie die Zeit vergeht. Um dem entgegen zu wirken, möchte ich Sie und mich dazu anhalten, den Muttertag dieses Jahr ganz besonders zu gestalten: Schenken wir Zeit. Zeit zum Zuhören, Zeit zum Lachen und zum Weinen. Schenken wir uns Zeit mit unseren Müttern. Zeit nur mit der Mutter; Zeit in der das Handy ausgeschaltet im Auto und die Armbanduhr zuhause im Bad liegen bleibt. Zeit, die wir bewusst mit unserer Mutter verbringen. Damit wir danach bewusst Anderen Zeit schenken können – inklusive Gott wie uns selbst.

Unsere Ausgangsfrage war ja, wie wir es schaffen, ein gesundes Mittelmaß zu finden in dem, was wir tun? Ich denke, indem wir das dreifache Gebot der Liebe beherzigen – weil dieses, wie Jesus sagt, maßgebend ist. Tun wir es nicht, gerät immer etwas aus dem Blick: Gott, die Nächsten, oder man selbst. Aber mit ein bisschen Vertrauen sehen wir weiter, schaffen wir es sogar aus unserem Gefängnis auszubrechen und die Mauern hinter uns lassen, die uns einengen. Anders gesagt: Es ist nicht notwendig wieder bei Mama einzuziehen, nur um ihr zu zeigen, dass man sie liebhat. Eine Stunde, die sorgfältig gewählt ist und in der die Beziehung im Mittelpunkt steht, ist deutlich mehr wert.

Doris Krol,

für die Kurseelsorge Bad Wurzach