Montag, März 4, 2024
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Wann wird´s mal wieder richtig

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 17, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 16. August 2023)!

…Sommerloch?

Als Jugendliche sangen wir auf Freizeiten häufig „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ In den letzten Jahren haben wir jedoch viel Sommer gehabt. Zu viel. Die Nachrichten von aberteuerlichen Hitzewellen scheinen gar nicht mehr aufzuhören. Tragischerweise ist das nicht nur rekordverdächtig, sondern bitter-dürre Realität.

Man müsste das Lied eigentlich umdichten in: „Wann wird’s mal wieder richtig Sommerloch? Ein Sommerloch, wie es früher einmal war?“ Fragt sich bloß: Gab es früher mehr Sommerlöcher? Zumindest für den Bereich der Politik und der Medien könnte das gelten. Damals, als man noch nicht in Wochen-, Tages-, oder gar Sekundenschnelle Nachrichten aus aller Welt erhalten konnte.

Solch langweilige, gähnend-leere Zeiten heißen auch ‘Saure-Gurken-Zeiten’. Dabei hat das Informationsvakuum weder mit Gurken noch mit Säure zu tun. Sondern mit der ‘Zóres- und Jókress-Zeit’. Und das jiddische Wort ‘Zóres’ klingt wie ‘Saures’. Übersetzt heißt es jedoch: (Zeit der) Not (und der Teuerung). Sprich: Sommerlöcher waren oft Erntelöcher. D.h. wenn im Sommer wenig Gemüse auf dem Markt ist, sind die Preise hoch und die Not groß. Deshalb griff man auf Eingelegtes zurück, auf Saures – wie Gurken! Oder Kartoffeln. ‘Season of the very smallest potatoes’: Saison der allerkleinsten Kartoffeln, sagt man daher in England.

Und wir alle merken: Auch in diesem Jahr ist Vieles wieder karg und kümmerlich; gibt es „Not und Teuerung“. Es ist wahrlich schon wieder eine besondere Zeit. Bedauerlicherweise eher eine besonders spannende, und keine besonders langweilige.

Ich sehne mich aber nach einem Sommerloch. Nicht im Sinn von Nostalgie. Auch nicht als Zeit der Not und des (Lebensmittel)Mangels. Sondern als Hilfe, um z.B. Lebensmittel wieder mehr genießen zu können. Ein Sommerloch könnte dazu anregen, mehr von all dem Guten, das wir ernten und für uns geerntet wird, zurückzulegen und zum rechten Zeitpunkt wieder hervorzuholen. Gutes und Wichtiges konservieren und voller Dankbarkeit genießen. Ein bißchen wie Frederik die Maus. Im Bewusstsein darum, dass letztlich nichts im Leben selbstverständlich ist.

Bei diesem kleinen Ausflug in den Gemüsegarten geht es mir aber nicht nur um die leibliche, sondern auch die um geistliche Nahrung. Auch die geistliche Nahrung scheint im Sommer rarer gesät als sonst. Selbst das Kirchenjahr wird in dieser Zeit karg. Evangelisch mehr noch als katholisch. Am 04. Juni haben wir beide das Fest der Dreieinigkeit Gottes gefeiert. Bis zum Ende des Kirchenjahres im November folgen heuer genau 24 Sonntage. – Protestantisch passiert in dieser langen Trinitatiszeit wenig. ‘Nur’ Erntedank und Reformationstag. Wenige Evangelische feiern noch Johannes (24.06.) oder Michaelis (29.09.). Katholikinnen haben im Sommer zudem noch mehr Feste: Z.B. Fronleichnam, Heilig-Blut-Fest (in Bad Wurzach), oder Mariä Himmelfahrt (15.08.).

Trotzdem will ich mich nicht über das christliche Sommerloch beklagen. Im Gegenteil: Meiner Meinung nach, kommt es gerade recht! Denn nach dem Trinitatis- bzw. Dreifaltigkeitssonntag müssten wir uns – eigentlich – nicht stressen wie sonst. Nicht von einem Fest zum anderen rennen. Weihnachten, Ostern, Pfingsten, etc. sind bereits gewesen. D.h., dass wir auf sie nicht zu verzichten brauchen. Vielmehr können wir diese Feiertage alle mitnehmen. Ins Sommerloch. Und bedenken, dass jeder Sonntag ein kleines Ostern ist. Oder, dass sich an jedem Tag im Jahr so etwas wie Auferstehung, Karfreitag, Weihnachten, Pfingsten uvm. ereignen kann. Manchmal sogar zusammen. Als Christinnen können wir aus diesen Quellen lebendigen Wassers schöpfen. Jeden Tag. Gerade auch in ‘leeren’ Zeiten.

Zugegeben: Der Sommer ist im Kirchenjahr nicht gerade der Höhepunkt; er kann aber in die Tiefe gehen. Denn diese Zeit – abseits der sonstigen Feste – kann uns helfen, längst erworbene, sowie tragende Einsichten und heilsame Gedanken zu vertiefen. – Durch die jährlich wiederkehrende Erfahrung der ‘großen’ Glaubensfeste sind unsere Wurzeln tief in Gottes Boden verankert. Sollten sie nun nicht auch Früchte tragen? (Ja, sollen sie!) Dürfen wir uns nicht Ruhe und Besinnung gönnen, um unsere inneren Pflanzen reifen zu lassen? Um später geistliche Ernte einzufahren und mit anderen zu teilen? (Ja, dürfen wir!)

In diesem Sinn wünsche ich uns ein richtiges Sommerloch: Eine Zeit im (Kirchen)Jahr, um sie für Reifungsprozesse zu nutzen. In aller Freiheit und aus aller Tiefe; wo wir aus Gottes Kraft schöpfen können und durch sie Erfrischung finden!

Raimund Miller, Kurseelsorge

PS: Hier noch…

Grafik (c) Raimund Miller

…und vielen Dank an Benedikt Jetter (Pfarrer im Evangelischen Kirchenbezirk Vaihingen-Ditzingen) dafür, seinen Artikel hier verwenden und verarbeiten zu dürfen!