Von Innen gesehen

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 02, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 18. Januar 2023)!

Von Innen gesehen

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Offene Kirchen sind doch ‘ne feine Sache. Ob feiertags oder werktags, man kann dort mal ganz für sich sein. Zur Ruhe kommen, den besonderen Raum zu sich sprechen lassen, Zwiesprache mit Gott halten: eine Wohltat. – Mit Kindern lässt sich in Kirchen eine Menge Altbekanntes neu erkunden. Gut, dass die katholischen Gemeinden sie noch fast überall offenhalten! Und mancherorts auch die evangelischen, wie z.B. die Martinskirche in Albstadt-Ebingen (Bild links und rechts). Sie ist wirklich sehenswert!

Bis 2017 war ich dort Gemeindepfarrerin, und da haben Kinder mich auf etwas aufmerksam gemacht – ein Phänomen, das Sie, liebe Leser, auch alle kennen. Aber wie bemerkenswert es ist, hab ich erst mit den Kita-Kindern verstanden. Und das kam so:

Bei Sonnenschein leuchten in der Martinskirche ebenso wie in vielen anderen Kirchen die Farbglasfenster wunderbar. Auf Wänden und Boden erscheinen wie hingezaubert bunte Lichtmuster. Dazu der hohe, weite Raum, die Stille – das ergibt eine fast mystische Atmosphäre. Schön zu erleben, wie sich das auch den Kindern mitteilt. Fasziniert vom Spiel der Farben, wollten sie nach den lichtbunten Mustern greifen und bekamen natürlich nichts zu fassen.

Sie wunderten sich: Etwas Wirkliches, ihnen deutlich vor Augen, war unbegreiflich im wahrsten Sinne des Wortes! Staunend entdeckten sie die Lichtreflexe sogar auf ihren Händen und Gesichtern. Sie fragten „Woher kommt das? Wer macht das?“ – Antwort: „Das Licht der Sonne, wenn es durch buntes Glas scheint!“ – Klar, dass diese besonderen Fenster nun von draußen angeguckt werden mussten. Aber welche Enttäuschung! Dunkel und stumpf sehen Kirchenfenster bei Tageslicht von außen aus!

(Pfn Verena Engels-Reiniger und damaliger Kollege)

Warum außen so anders als innen?

Ist dieser Gegensatz nicht sinnbildlich dafür, wie die Kirche sich in der Welt darstellt? Sinnbildlich auch für den Glauben, in gewisser Weise sogar seinem Wesen entsprechend? – Äußerlich macht Kirche, egal welcher Konfession, heutzutage wenig her. Die meisten Christen leben ihre religiöse Überzeugung kaum sichtbar, selten entfaltet ihr Glaube eine besondere Ausstrahlung. Das Einzige, was in der Medienberichterstattung grell in die Augen sticht, sind Skandale, Verfehlungen, das Vertuschen. Abgesehen von Papst/Vatikan oder Events gibt es, vordergründig betrachtet, kaum Aufsehenerregendes am Christentum.

„Aber es geht doch um Inhalte!“, wendet vielleicht jemand ein. Na, die Glaubensinhalte erscheinen den meisten Außenstehenden auch eher „dunkel“ und stumpf oder schwer verständlich. Das ist sehr schade und darf den „Insidern“ keine Ruhe lassen: Dass viele Menschen von den Schätzen innerhalb der Kirche/n und im Herzen des Glaubens nichts mitbekommen! Auf die Außenperspektive beschränkt bleibt es bei der (Ent-) Täuschung. Auch Goethe war das bewusst, und er hat dagegen die Innensicht empfohlen:

„Sieht man vom Markt aus in die Kirch‘ hinein, / erscheint da alles dunkel, düster… / Kommt aber nur einmal herein, / beschaut den heil’gen Raum von innen! / Farbhell zu leuchten wird beginnen / das Heilige für eure Sinnen, / bedeutsam wirken Bild und Schrein. / Dies soll euch Kindern Gottes taugen, / erbaut euch und erfreut die Augen!“

Ausgerechnet Goethe rät dies! Er war gewiss kein „Kirchspringer, eher „kirchendistanziert“ (kannte aber selbstverständlich das Wesentliche von der Bibel, das gehörte zur Bildung).

Wie auch immer, ob distanziert oder mit Kirche vertraut: Wer sich auf das Christliche ehrlich einlässt, sich ab und zu soz. einlässt in eine Kirche, dem wird etwas vom Geheimnis des Glaubens aufleuchten. Von der unfassbaren Herrlichkeit dessen, von dem Kirche samt Fenstern, Gottesdienst, Kirchenmusik etc zeugen – natürlich ebenso, was unspektakulär aus Nächstenliebe & Zivilcourage, Hunger nach Gerechtigkeit & Frieden praktisch getan wird! –

(Bild „Vitrage“ gemeinfrei aus Pixabay)

Übrigens sind wir mit den Kita-Kindern mal abends hin zur Martinskirche, so dass sie das Licht aus der Kirche scheinen und die Fenster außen bunt erstrahlen sehen konnten.

Und das ergibt ein ebenso treffendes Sinnbild fürs Christsein, wie Peter Strauch es ausgedrückt hat:

„In die Nacht der Welt hast Du uns gestellt, Deine Freude auszubreiten…“

Die Zeile stammt aus dem Lied „Herr, wir bitten, komm und segne uns“.

Das ist mein Wunsch auch für Sie.

Verena Engels-Reiniger