Montag, März 4, 2024
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Und, wohin gehst du?

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 15, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 20. Juli 2022)!

Und, wohin gehst du?

 

Woher und wohin?
Eine spannende Frage, die Gottes Bote da stellt. | Bild (c) Raimund Miller

Liebe Leserin, lieber Leser,

diese Frage – wohin der eine, oder die andere geht – wurde und wird dieser Zeit bestimmt häufig gestellt. Hauptsächlich unter Schüler*innen, mit Blick auf die Sommerferien; aber bestimmt auch auf Arbeit, wenn es den hoffentlich bald anstehenden Urlaub betrifft. Als Antwort kam/kommt dann meist ein bestimmtes Reiseziel, oder eben, dass man zuhause bleibt. Dort ist es schließlich doch am Schönsten!

Und wenn nicht? Was, wenn man einfach nur wegwill oder -muss (nicht in Urlaub) weil einem diese Schönheit des Zuhauses genommen wurde/wird?! Schlimmstenfalls die Heimat selbst?! – Wohin gehst du, wenn du nicht bleiben kannst? Und umgekehrt: Was, wenn du bleiben musst, obwohl du gehen willst?

Wie diese Fragen auch betrachtet werden mögen – ob aus der positiven Warte der Erholung, oder aus der negativen Perspektive der Vertreibung – sie sind hochaktuell. Zugleich sind sie uralt, ja zeitlos. Sie sind das, weil sie uns Menschen schon immer (be)treffen; und es auch in Zukunft werden. Wahrscheinlich, weil wir erholungs- und heimatbedürftige Wesen sind.

Heimatlos und erschöpft – das ist Hagar. Ihre Geschichte steht in der Bibel. In Genesis 16. Sie spielt vor langer Zeit, aber könnte sich genau so auch heute zutragen. Wie sie dort steht, die Sklavin. In der Wüste. Von Sara dazu gezwungen mit deren Mann (Abraham) ein Kind zu zeugen. Dann endlich Mutter und das Gefühl einmal über ihrer Herrin zu stehen. Was diese natürlich nicht toleriert. Dazu der Kindsvater, der zu seiner Frau sagt, „das geht mich nix an, regel das selber!“ Was Sara tut, indem sie Hagar erniedrigt.

Solange, bis diese flieht – und dabei auf einmal mit der Frage konfrontiert wird: „Wohin gehst du?“ Aber v.a., „woher kommst du?“ Durch einen Boten geschieht das. An einer Quelle. Woher er kommt, spielt keine Rolle. Von wem, sehr wohl. JHWH hat ihn geschickt, um Hagar zu zeigen: Ich bin der, ich bin da. Wegen dir und für dich. Um dir im scheinbar Wenigen, das dir geblieben ist, Vieles zu geben.

Doch bevor er das tut, wird klar: Hagar weiß nicht, wohin genau sie gehen soll. Als Ägypterin irgendwo nach Ägypten. Die Frage nach dem Wohin beantwortet sie also mit den Füßen. D.h. geographisch, von A nach B, woimmer das liegen mag. Die Antwort auf das Woher ist hingegen sehr persönlich, ja seelisch: Ich komme von meiner Herrin Sara. Ich fliehe vor ihr, weil sie mich misshandelt.

Erst als das heraus ist und die Fragen beantwortet, kann das Wunder in Hagars Leben seinen Lauf nehmen. Wobei einen die erste Reaktion Gottes zunächst – gelinde gesagt – verwundert: „Kehr zurück zu deiner Herrin und beuge dich unter ihre Hand.“ Wie bitte!? – möchte man da einfach nur rufen und Gott klarmachen, dass das ja wohl nicht sein Ernst sein kann!? Ist es auch nicht. Denn Gott, der die Liebe ist, sagt nicht „geh und lass dich erniedrigen“. Er sagt „beuge dich“, aber nicht „ergib dich“, oder „gib auf“!

Das ist wichtig und macht den Unterschied. Denn im Leben wird es immer wieder Situationen geben, in welchen ich mich beugen muss. Beugen, aber eben nicht aufgeben! Beugen, doch zugleich widerstehen, solange es mir möglich ist. Entsprechend sagt Gott uns zu: „Standhaft zu bleiben, lohnt sich. Zu jeder Zeit und immer wieder. Denn so kann aus dem, was in dir angelegt ist, ein Vielfaches werden! – Außerdem trägt das, was du hervorbringen wirst, meinen Namen: Isma-El = (Er)Höre-Gott!“ D.h. Gott bittet uns darum, ihm zu vertrauen, dass er ganz Ohr ist und da sein wird; was auch immer in einem Leben geschehen mag.

Hagar tut das – vertrauen – weil sie Gott als den erfahren hat, der nach ihr schaut und wagt deshalb die Rückkehr. Und wir heute? – Da sind Männer, die würden gerne aus der Ukraine fliehen. Doch sie dürfen, ja können nicht, weil sie kämpfen müssen, obwohl sie das nicht wollen. Gleichzeitig kehren Ukrainerinnen mit ihren Kindern in die Heimat zurück, obwohl dort Bomben fallen und sie hier in Sicherheit wären. Es klingt verrückt, aber man kann beides verstehen.

Ebenfalls mit der Situation Hagars vergleichbar ist jene innerhalb meiner katholischen Kirche: die Diskrepanz zwischen der Frohbotschaft Jesu und dem Verhalten mancher Institutionsvertreter; plus damit verbunden der jeweils persönliche Zwiespalt zwischen bleiben, oder gehen? – Letztes Jahr haben sich in Deutschland 360.000 Menschen dazu entschieden diese Frage zu lösen und sind gegangen. Vielleicht für immer.

Ganz ehrlich – so leid und weh mir das tut – ich kann viele Gründe hinter solch einer Entscheidung gut verstehen. Und trotzdem: Ich bleibe. Wegen dem Gott und der Botschaft, dem/der ich glaube. Denn – so merkwürdig es klingt – das Schmerzliche und zugleich Beruhigende in dieser Auflösung ist: Wer geht, macht es ja nicht wegen Jesus und seinem Evangelium. Sondern, weil er/sie behandelt wurde wie Hagar. Oder, weil die erfahrene Kluft zwischen dem Glauben auf der einen Seite und dem Handeln auf der anderen nicht mehr auszuhalten war.

Das ist schlimm genug! Und dennoch will ich hiermit allen Unentschiedenen sagen: Bitte bleibt, geht nicht! Sowie den Gegangenen: Bitte, kommt zurück! Denn Gott will Euch! Er will uns alle. In seiner Kirche. Und weil er unser aller Gott ist, so ist seine Kirche auch unser aller Kirche. Wir alle sind die Bausteine, aus denen sie besteht, mit denen und auf die er baut. Natürlich weiß ich, dass es Bausteine gibt, die anderen ihren Platz absprechen und ihnen vermitteln „du bist hier nicht richtig“. Da kann ich nur sagen „das stimmt nicht!“ Und fragen „wer sagt das?“ Richtig: Ein Baustein zum anderen. Mehr nicht – und v.a. Gott sagt das nicht!

Zudem mache ich mir nichts vor: Manches Verhalten war derart verletzend und manche Verletzung schmerzt so sehr, dass dementsprechend viele Verletzte sagen werden „bis die Institution sich nicht geändert hat, komme ich gewiss nicht wieder zurück!“ Rolf-Herbert Peters fragt hierzu in seinem Stern-Artikel, was wohl an Gottes Stelle tritt, wenn Menschen die Kirche verlassen? Meine Antwort lautet: Nichts. Denn wer geht, lässt ja nicht Gott hinter sich! Gott bleibt. Ja mehr noch: Gott geht alle unsere Wege mit. Überall hin. Er taucht plötzlich Mitten im Nichts auf und fragt nach unserem Woher und Wohin. Und wo immer wir gerade sind, mit Hagar dürfen wir voll vertrauen bekennen: Du bist El-Roï – der Gott, der auf uns schaut!

Raimund Miller, Kurseelsorge