„…und mit euch gehen in ein neues Jahr.“

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 1, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 05. Januar 2021)!

„…und mit euch gehen in ein neues Jahr.“

Mit diesen Worten endet die erste Strophe von Dietrich Bonhoeffers populärstem Text, „Von guten Mächten“. – Ich setze ihn ganz und bewusst an den Anfang dieses neuen Jahres. Denn was er ausdrückt, ist wie Musik, „wie ein Lied, wie ein Gedicht“. Oder „wie ein Schlüssel im Gefängnis“. Und ich glaube, wir können das gerade gut gebrauchen.

Bonhoeffer hat diesen Text an seine junge Verlobte, Maria von Wedemeyer, geschrieben. Als Weihnachtsgruß für sie und die beiden Familien. Er war dem zweiten von drei Briefen beigefügt, die passieren durften. Vor 76 Jahren. Am 19. Dezember. Aus der Gestapo-Haft in Berlin.

Diese war berüchtigt. In einem Keller. Es gab dort weder die Erlaubnis zu sprechen noch jene, besucht zu werden; dafür Folter. Und dennoch wusste sich Bonhoeffer wunderbar getröstet und behütet. Weil er darauf vertraute von guten Mächten umgeben zu sein. Still und treu. Dieses Bekenntnis und seine Botschaft stehen am Anfang des Textes und bilden sein theologisches Zentrum. Dort hinein nimmt Bonhoeffer damals seine Lieben mit – und alle Menschen, welche seine Worte gelesen haben oder noch lesen werden: „So will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.“

Nehmen wir diese Einladung an, und ihn mit – in unsere Tage. Gehen wir zusammen mit Bonhoeffer in dieses noch neue Jahr. Versuchen wir einmal mit ihm zu leben. Wie wäre das für uns? Einem Menschen zu begegnen, der in solcher Tiefe auf Gott vertraut, dass er – egal was ist – sich von IHM getragen weiß?! Wie wäre das für ihn? Würde er bei uns Vertrauen finden? In uns selbst, ineinander und auf Gott, dass 2021 gelingen kann – weil es Heil(ung) ist, die ER für uns will und deshalb geschaffen hat. Oder würde Bonhoeffer uns eher auf böse Tage blicken sehen; schwere Lasten, die drücken; und Altes, das unsere Herzen quält?

Wahrscheinlich bekäme er ein spannungsreiches Bild zu Gesicht:

(1) Viele Menschen, z.B. in Pflegeheimen, die keinen Besuch empfangen dürfen. Jedoch nicht, weil man sie damit bestrafen möchte, sondern beschützen. (2) So manche in unserer Gesellschaft, die sich gefangen fühlen. Wir sind aber nicht – wie er – in einem Gefängnis eingesperrt. Oft können wir einander zwar nicht direkt sehen, aber wir dürfen in Kontakt bleiben. WhatsApp, Mail, Brief, Telefon, Video – ist alles möglich und wird nicht abgepasst. (3) Unser Leben wird derzeit (noch) von einem Virus diktiert. Aber wir leben in keiner Diktatur. Gott sei Dank. (4) Niemand wird bei uns gefoltert, für das, was er oder sie denkt und sagt. Bonhoeffer schon. – Dafür hoffe und bete ich, dass ein schwerer Verlauf von Corona (oder jeder anderen Krankheit) keiner Folter gleichkommt. Sondern, dass alle Erkrankten möglichst unversehrt aus ihrer Lage herauskommen und gut weiterleben können.

In der Begegnung mit uns und aus seiner Erfahrung, denke ich, würde Bonhoeffer dazu raten, den Kelch des Leides anzunehmen. So fremdartig das klingt: Für unser Leben. Dagegen sträubt sich in einem natürlich alles. Warum sollte jemand das tun, und auch noch voll Dankbarkeit, möchte man ihm antworten? Ich glaube, er würde sagen: weil es nicht Gott ist, der den Kelch schwer und bitter macht, und bis oben füllt. Gott ist Liebe und Güte. Folglich wird er uns nur geben, was wir fähig sind zu tragen. Mehr noch: ER wird mittragen. – Vertrauen wir darauf. Gehen wir mit diesem Bewusstsein ins neue Jahr, dass Gott uns Freude schenken will: an dieser Welt und an der Sonne, die in ihr glänzt. – Es braucht diesen inneren Schritt des Gott-Vertrauens, um dem gerecht werden zu können, was war: von heute aus betrachtet, z.B. dem von Corona geprägten Jahr 2020, mit seinen Höhen und Tiefen, Freuden und Leiden, Hoffnungen und Ängsten.

Das bedeutet zugleich auch, Gott als die Kraft des Lebens anzuerkennen und einzugestehen, selbst nicht alles handeln zu können. – Mich entlastet das. Und es macht mir Mut zu wissen: es reicht (auch dieses Jahr), wenn ich tue, was in meiner Macht steht. Ich kann und muss nicht die ganze Welt erhellen, weil ER das Licht in jede Dunkelheit bringt. Gott macht unsere Nächte hell und vereint, wo wir Menschen voneinander getrennt sind; wenn wir es zulassen. –

Stille, wie sie in der Heiligkeit mancher Nächte anklingt, spielt hierbei eine zentrale Rolle. Welche, das gibt Bonhoeffer uns in seinem letzten Brief mit auf den Weg: „Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, je stiller es um mich herum geworden ist, desto deutlicher habe ich die Verbindung mit Euch gespürt. Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. Du, die Eltern, Ihr alle… Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergessene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor…“

Mit anderen Worten: Wenn wir glauben, dass Gott bei uns ist, dann dürfen wir auch getrost erwarten, was kommen mag. Weil sich uns im Vertrauen ein Horizont eröffnet, der über das rein Menschliche hinausweist. Bonhoeffer wechselt damit die Perspektive und lädt uns ein, ebenfalls diesen Schritt zu wagen: vom „Ich & Ihr“ zum „Gott & Wir“. –

Auf die Frage, warum wir das tun sollten, würde er wie folgt antworten, denke ich: „Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: ‚zweie die mich decken, zweie, die mich wecken‘, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute, unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder.“ – In diesem Sinne: Gottes Segen, alles Gute zum Jahreswechsel und bleiben Sie wohlbehalten!

Ihr Raimund Miller, Kurseelsorger

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