Das Herz sprechen lassen

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 2, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 20. Januar 2021)!

Herzen liegen im Trend, schon lange; bei Art & Deko fast inflationär. Steckt dahinter Sehnsucht? Eine Sehnsucht, emotional berührt zu werden, „Herzerwärmendes“ zu erleben, sich herzlich zu geben? Eigentlich ist’s ja leicht, „Herz zu zeigen“: rasch auf-gemalt, in den Schnee gezeichnet, mit den Fingern geformt, etc: nette Geste. Doch gibt es halt Beziehungen, wo’s schwerfällt „Herz zu zeigen“: Leuten, die nerven. Die Probleme machen; die einen verletzt haben. Vor denen man Schiss hat. Aber auch denen, die einen überbeanspruchen, etc  – all solchen Leuten „Herz zeigen“, laut Jahreslosung 2021 (immerhin ein Gebot Jesu) barmherzig zu ihnen sein –
Kann ich das? Bringt mir das auch selber was?

Ich stelle mir vor, mit Konfirmand*innen darüber zu diskutieren.  Da „barmherzig“ umgangssprachlich kaum mehr vorkommt, fragen die vielleicht: Heißt‘s „warmherzig“ oder „barmherzig“? Nur ein Buchstabe vertauscht; und beides hat ja ganz viel miteinander zu tun… Doch vom Gegenteil ist mehr die Rede:
wo es unbarmherzig/ erbarmungslos zugeht, wenn jemand bloßgestellt, gejagt und fertiggemacht wird, in die Enge getrieben oder verurteilt; auch, wo Prüfungen drauf ausgerichtet sind, einen großen Teil der Kandidat*innen auszusieben, u.s.w.

Welche anderen Wörter für „barmherzig“ könnte man nennen? Etwa Mitleid/ Mitgefühl; verständnisvoll; nachsichtig; gnädig; jemanden (ver)schonen… Mit ihnen der Klugheit des Herzens, der Empathie auf der Spur: Dass es einen kümmert, was das eigene Verhalten mit den anderen macht; einen kümmert, wie’s den anderen geht, auch hinter der Fassade… D. Bonhoeffer sagte treffend „Wir sollten die Menschen viel mehr auf das hin ansehen, was sie erleiden, als was sie tun.“

Zur ursprünglichen Bedeutung von „barmherzig“ führt der Reim „Erbarmen mit den Armen“: Wo andere arm dran sind, lässt man sich‘s zu Herzen gehen; auf Schwäbisch „das verbarmt einen“, man muss einfach etwas für sie tun! Allerdings ist ’s ne knifflige Sache mit der Barmherzigkeit: Wer sich in einer Position der Schwäche fühlt, will nicht Mitleid/ Nachsicht/ Schonung/ Gnade, sondern Respekt = Empathie auf Augenhöhe, wo die Würde gewahrt bleibt: weil einen die eignen Defizite selber schmerzen! – Ähnlich heikel ist’s zu helfen, wo’s am Notwendigen fehlt, an Geld; sinnvoller Beschäftigung; Anerkennung; Familie, Freundschaft,  etc.   Bedürftig zu sein macht manche empfindlich. Sie halten dann leicht eine Gabe für Almosen, das Sich-kümmern anderer für die Absicht, sich ein gutes Gewissen verschaffen zu wollen.

Tja, barmherzig zu sein ist gewissermaßen eine Kunst: Schenken ohne zu beschämen. Sich jemand so zuwenden, dass man ihn auch mit seinen Stärken wahrnimmt, sich auch von ihm etwas geben, etwas beibringen lässt. Im Innern sich klar werden über die eigene Motivation, ob man insgeheim die Bedürftigkeit anderer nutzt, um das eigene Bedürfnis nach Gebrauchtwerden zu befriedigen (Helfersyndrom)

Ich vermute, alle diese Kniffligkeiten haben das Wort barmherzig aus der Umgangssprache verschwinden lassen. – Dazu noch eine: Dass „barmherzig“ oft verwechselt wird mit allzu duldsam, als sei es unvereinbar mit angemessener Kritik, als solle man Fehlverhalten besser unter den Teppich kehren, Unangenehmes nicht ansprechen; als dürfe jemand, der sich als Fehlbesetzung erweist, nicht gekündigt werden. Also:
barmherzig = Konflikte vermeiden?

Dann grummelt es unter der Decke! Und hintenrum wird bei anderen gelästert. Das ist viel unbarmherziger, als wenn man, was schiefläuft, sachlich anspricht. Fällt u.U. schwer, denn häufig ist das Probleme-Machen Ausdruck von Probleme-Haben. Da brauchts viel Takt + Fingerspitzengefühl + die Einsicht:
„Menschen sehen auf das, was vor Augen liegt, Gott aber sieht das Herz an“. Oder, wie’s in „Der kleine Prinz“ so schön heißt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“.

Möglicherweise ändert sich der andere in seinem Verhalten auch auf fairer Kritik hin nicht wirklich. Es kann aber befreiend wirken, sich mal ausgesprochen zu haben – vor allem wenn Vorgesetzte dabei selbstkritisch sind und den eigenen Anteil am Problem zugeben. Soll vorkommen, dass sich aus ’nem offenen Gespräch Verständnis füreinander, gar Herzlichkeit im Umgang entwickelt. Und für die (kleinen) Fehler +Schwächen, die wir alle auf verschiedenen Gebieten haben, ein verstehendes Augenzwinkern, barmherzig soz.  Gegenseitigkeit. – Auch sonst kann es sich nicht um ‘ne Einbahnstraße handeln: Genau wie beim Liebes-gebot gilt‘s sich selbst ggü.  ebenso barmherzig zu sein wie gegenüber anderen.

Und schließlich: Es tut einem auch selber wohl, barmherzig zu anderen zu sein, anstatt kalte Distanz zu wahren, Ärger in sich zu hegen; barmherzig sozusagen im Sinne positiver Vergeltung „Wie Gott mir, so ich dir“. Das hieße, von Gott abzugucken, vgl. die Urgeschichte der Barmherzigkeit Luk 15:

Der Vater nimmt den zerlumpten, gedemütigten, mittellos heimkehrenden „verlorenen Sohn“ nicht nur liebevoll in die Arme, sondern ehrt ihn mit Festgewand, Siegelring und Freuden-feier – ein wunderbares Gleichnis, wie Gott uns, ohne Christus verlorenen Menschen, die volle Würde wiedergibt, seine Kinder zu sein, „gekrönt mit Gnade und Barmherzigkeit“ Ps.103,4

Das im Herzen genießen…
Wünsche ich mir, und wünsche ich Dir/ Ihnen von Herzen.

Verena Engels-Reiniger