Das Reich Gottes ist da

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 25, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 09. Dezember 2020)!

Neue Zeit

Es ist der Beginn einer neuen Zeit. Mitten hinein in die dunkle Jahreszeit, am Ende eines Pandemie-Jahres, das der ganzen Welt Tod und Leid gebracht hat; inmitten einer krisengeschüttelten Kirche, der auch in diesem Jahr wieder viele den Rücken gekehrt haben, beginnt mit dem neuen Kirchenjahr, so die Ansage, eine neue Zeit: nicht irgendein weiteres Kapitel in einem schlechten Roman, der je und je neu beschworene Beginn in einer Endlosschleife des immer Selben, sondern wirklich ein Neuanfang:

„Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.“ (Mk 1,15a) Das jedenfalls ist die zentrale Botschaft des Markusevangeliums, das fortan an den Sonntagen dieses Kirchenjahres verlesen wird. Ein Evangelium mit wirklich guten Nachrichten, insbesondere für all jene, die enttäuscht, verunsichert oder einfach nur erschöpft sind.

Hier und heute

„Frohe Botschaft am Abgrund“, so nennt Andreas Bedenbender dieses älteste Evangelium, das ausgerechnet in der Katastrophe des Jüdischen Krieges entstanden ist (um 70 n. Chr.), unter dem Eindruck der totalen Zerstörung.

Es hatte seinerzeit Aufstände gegeben, bis die römischen Besatzer dem ein für alle Mal ein Ende gemacht und Jerusalem in Schutt und Asche gelegt haben. Von dem Traum einer neuen Ära, dem Anbruch des Reiches Gottes auf Erden, blieb nur das Trauma von Flucht und Vertreibung – und die nüchterne Erkenntnis, wie Jesus schon bei seiner Verhaftung betont hatte, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei. Aber sehr wohl in dieser Welt: auch in unserer Welt im Advent des Jahres 2020.

Jetzt

Da mehren sich die Stimmen derer, die von ihrer Existenzangst sprechen; denen es am Ende dieses Jahres wirklich nicht gut geht; die dieses Jahr nicht schadlos überstanden haben.

Da melden sich aber auch jene zu Wort, die gerade in dieser Zeit von Einschränkung, Entbehrung und Verlust etwas gefunden haben, was ihrem Leben Perspektive und Sinnerfüllung gebracht hat: in der Neu-Besinnung auf das, was für sie selbst ganz wesentlich ist und auch dann trägt, wenn andere Sicherheiten wegbrechen. Die für sich entdeckt haben, dass in jedem Moment ein JETZT Gottes liegt: erfüllte Zeit, in der die Anmutung der Nähe Gottes bereits zur Gewissheit wird, selbst in allem Scheitern, und für die dann auch der Nachsatz jener Zeitansage Sinn macht: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15b).

Im Kommen

Unter dem Anfangsverdacht, dass Gott uns nahekommt, ist es dann auch möglich, die Blickrichtung zu ändern, mit anderen Augen auf unser Leben und unsere Welt zu blicken: weg von dem, was war und nicht mehr ist; hin zu dem, was im Kommen ist. Darin liegt bereits der Beginn der Neuausrichtung: dem Leben zugewandt und allem, was uns je neu entgegenkommt.

„Frohe Botschaft am Abgrund“ – das ist kein nichtssagendes „Weiter so!“ oder ein banal relativierendes „Es wird schon wieder“. Es ist vielmehr die Ahnung und das vorsichtig tastende Vertrauen, dass Gott, wie er versprochen hat, wirklich „da“ ist: auch im Moment des Scheiterns, der Unsicherheit und Ungewissheit, der inneren und äußeren Leere – auch in den Kirchen.

Erfüllung

Es ist vielmehr die Botschaft, dass unsere Leere gerade die Fülle Gottes anzieht, unser Suchen und Fragen sein Wort und seine auffindbare Nähe hervorrufen. Wenn man so will, zeigt sich hier die Weihnachtsbotschaft in Reinform, die – in Corona-Zeiten mit Maske und Abstand vielleicht ganz passend – ziemlich unromantisch daherkommt, ohne Krippe und das in Windeln gewickelte Kind (Markus, Kapitel 1, Verse 1 bis 15), so lieb uns beides auch ist.

Das Markusevangelium präsentiert [so] mit voller Wucht, was der eigentliche Gehalt der Weihnachtsbotschaft ist: „Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe.“ Selig, wer sich dem zuwenden und an den Neuanfang Gottes mit uns glauben kann!

Peter Klasvogt, aus: Anzeiger für die Seelsorge, Nr. 12/2020


Herzlichen Dank an Sie, Herr Klasvogt, für die Abdruckgenehmigung und besonders für Ihre Gedanken! Sie geben treffend Antwort auf etwas, das mir derzeit immer wieder begegnet: die Befürchtung, dass dieses Jahr Weihnachten ausfällt.

Es ist richtig: manch Liebgewonnenes kann und darf nicht sein. Und so mancher Ausfall macht Angst. Aber Gottes Reich ist da, um es mit der Überschrift zu sagen! Es wird also Weihnachten! Ich frage mich bloß: Weshalb höre ich dann über Radio und TV so wenig davon: Gott geboren als Mensch? Dafür aber oft die Vorstellung, wie (und was alles an) Weihnachten zu sein hätte?

„Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15b).

Und ich denke mir: Genau hier ist der Ansatzpunkt für einen wirklichen Neuanfang. Die Chance, die „Endlosschleife des immer Selben“ zu durchbrechen und einen (Yo)u-Turn zu machen (s. Bild aus HDfondos). Wenn nicht im Advent – besonders in diesem – wann dann? Also umzukehren und an die gute Botschaft zu glauben, dass dann Weihnachten ist, wenn Gott Mensch wird! Und nur dann, aber dafür ganz gewiss!

Meiner Meinung nach bedeutet das – so hart es ist – manche Leere auszuhalten und nicht im Reflex sofort wieder zu füllen. Denn wo alles voll ist, gibt es keinen Platz. Weder für Menschen, noch für Gott. Die Herbergssuche bei Lukas (Kapitel 2, Vers 7) ist dafür das beste Beispiel. In Bethlehem war alles voll. Aber die Krippe, irgendwo draußen, war leer. Noch mehr Leere – oder besser Platz – bietet uns in dieser Zeit Markus. Nehmen wir sein Angebot an. Lesen wir, was Gott uns durch ihn sagen will. Lassen wir uns neu mit Jesus füllen, sodass wirklich Weihnachten wird – und Weihnachten wirklich!

Einen erfüllenden Advent wünscht,

Raimund Miller, Kurseelsorger