Montag, März 4, 2024
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Sankt Martin – oder vom Grundsatz her anders leben

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 23, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 11. November 2020)!

Sankt Martin

Wenn ich diesen Namen höre, denke ich an: den 11.11., die gleichnamige Gans, Lieder, Laternen, Umzüge, viele Kinder und Eltern, eine besondere Atmosphäre, die Spannung bis es losgeht, das Anspiel; am Stadttor von Amiens, einen römischen Soldaten zu Pferd, der sein Schwert zieht, seinen Mantel teilt und damit einen armen Mitmenschen vor der Kälte schützt.

Je mehr ich mich auf ihn einlasse, denke ich: an einen Menschen, dessen Vater ein führender Militär ist, der will, dass sein Sohn „dem Kriegsgott Mars gehörig“ lebt und der (ihn) deshalb „Martinus“ heißt; jemanden, der sein Schicksal annimmt und dem Kaiser 20 Jahre seines Lebens für dessen gepanzerte Reitertruppe gibt; jemanden, der ein Ziel hat, ihm treu bleibt und deshalb dem Kaiser sagt – „bis heute habe ich Dir als Soldat gedient; erlaube, dass ich in Zukunft für Gott streite… Ich bin [ab jetzt] ein Soldat Christi“ – und der kämpft nicht mit der Waffe.

Und mir kommt Europa in den Sinn. Denn Martinus wird in Szombathely, Stein am Anger/Ungarn geboren; verbringt seine Jugend in Pavia, Oberitalien; wird dann in Nordgallien und Germanien stationiert (Frankreich, BeNeLux und Deutschland); quittiert seinen Militärdienst in Worms (vgl. Zitat); errichtet 361 in Ligugé bei Poitiers das erste Kloster des Abendlandes; wird zehn Jahre später in Tours zum Bischof ernannt; stirbt mit 81 Jahren am 08.11.397 auf einer Visite in Candes; wird nach Tours „entführt“ und dort drei Tage später unter großer Anteilnahme begraben.

Wirkung

V.a. beeindruckt mich, welche Wirkung Sankt Martin hat: Ein Weggefährte schreibt auf Grund dessen sein Leben auf. Über 1000 Jahre später wird diese Vita ins Deutsche übersetzt. Martin hat solch ein „Gewicht“, dass er zur Vorlage wird für andere Viten. Der Grund liegt darin, dass und wie er sich zu Christus bekannt und seinem Bekenntnis entsprechend gelebt hat. Das wird z.B. daran ersichtlich, sagt Historikerin Judith Rosen, dass Martin „ein untypischer Bischof [war. Denn] er hat seinen mönchischen Lebensstil beibehalten und war sozusagen die fleischgewordene Herausforderung für manche seiner Mitbischöfe (die meist aus aristokratischem Haus kamen)“.

Diese andere Art hat ihn zum Nationalheiligen und Schutzherrn der fränkisch-merowingischen Könige werden lassen. Sein Mantel, die Cappa, wurde zu deren Kronschatz und reiste bei Hofe mit. Unterwegs wurde sie in kleinen Kirchenräumen aufbewahrt. Die heißen seitdem Kapellen. Entsprechend geht auch der Begriff „Kaplan“ auf Martins Kappe (zurück) – die Bezeichnung für jene Geistlichen, die sie zu begleiten hatten.

Name

Apropos Name. Über achtzig Kirchen in Württemberg tragen Martins Namen. Unsere Diözese trägt ihn. Die Kirche am Rottenburger Marktplatz ist ihm bereits geweiht gewesen. Als man sie zum Dom erhob, machte ihn das zu unserem Patron (www.drs.de/dioezese/geschichte). In diesem Sinn: allen Martin(a)s – ob Einzelpersonen, oder gleich ganze Kirchengemeinden wie Eintürnenberg und Hauerz – alles Gute zum Namenstag und Gottes Segen! Insbesondere für dieses Jahr, in dem Vieles anders ist.

Anders

Anders. Dieses Umstandswort trifft es ganz gut. Sankt Martin feiern wir diesmal unter anderen Umständen – und sind damit dem Heiligen ganz nah. Denn er selbst war das von seiner Art. Vom Grundsatz her anders. Durch Christus. Als Christ*innen sollten (nicht nur) wir demnach auch anders sein und handeln: Diszipliniert, wie der Soldat Martin, zum Beispiel manche Vorgabe des Staates annehmen und aushalten. Im Wissen, dass Einiges zwar nur schwer zu (er)tragen ist, aber das Ziel ein gutes. Oder wie Martin sich zu Christus bekennen, d.h. die eigenen „Waffen“ stecken lassen und damit Frieden ermöglichen. Und schließlich wie er teilen. Es lernen. Sich fragen – was teile ich? Egal ob virtuell oder materiell. Überlegen – wendet es konkrete Not? Ist das, was ich (mit)teilen will notwendig und dient damit der Gemeinschaft? – Oder will ich einfach nur mein (vielleicht auch berechtigtes) Anliegen loswerden und wäre dafür nicht ein privater Rahmen besser?

Notwendig

Martin nutzt seine Zeit entschieden für ersteres, wie auf dem Bild (von Richard Mayer, gemeinfrei, aus Wikipedia: St. Martin und der Bettler, Pfarrkirche Eintürnenberg) zu sehen: „Ein Mensch leidet Not. Er braucht dringend Wärme. Mein Überwurf ist oben mit Schaffell gefüttert, besteht aus zwei Teilen und kann die Not wenden. Ich tue also das Notwendige. Ich halbiere, was ich habe und mache damit ganz, was mein Gegenüber nicht hat.“

Zentral daran ist: Martin plant es nicht. Er gerät unvermittelt in diese Lage und handelt aus dem heraus, was ihm sein Glaube an Christus zur Hand gegeben hat: Liebe und Hoffnung. Tun wir es ihm nach. Lassen wir uns an seinem Tag von ihm inspirieren. Gehen wir hoffnungs- und liebevoll in und durch die kommende Zeit. Achten wir auf das, was uns darin begegnet und versuchen wir zu ergänzen, was halb ist. Machen wir also das Notwendige – füreinander.

Raimund Miller, Kurseelsorger