Brot in deiner Hand

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 17, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 19. August 2020)!

Brot in deiner Hand

Erntemonat. Auf manchem Kalender steht das – unter dem eigentlichen Namen dieses Monats. Dem August. – Ernte. Gut, dass es sie gibt. Denn sobald (und nur wenn) sie eingefahren und verarbeitet ist, halte ich am Ende Brot in meiner Hand. „Gott sei Dank!“ sage ich hier und lade Sie mit diesem Artikel ein, über Ernte und was aus ihr wird, nachzudenken. – Raimund Miller, Kurseelsorger

Geschichte mit Wirkung

Getreide und wir Menschen – diese Verbindung hat eine lange Geschichte. Bereits im 6. Jahrtausend v.Chr. finden sich Zeugnisse, dass Emmer, Gerste oder Hirse durch Menschenhand ging. „Durch die Hand gehen“ meint: Menschen säten irgendwann Getreide, ernteten es, um es dann zu mahlen, mit Wasser zu vermengen und als Brei zu essen. Irgendwer gab in dieser Geschichte schließlich den Brei auf heiße Steine und buk daraus Fladen.

Im weiteren Lauf der Zeit wanderten Milch und Fett in den Brei hinein, um ihn zu verfeinern. Noch heute ist dieser Brei in Form von Brot für rund 60% von uns weltweit Grundbestandteil der täglichen Ernährung. Zwei Erfindungen haben daran großen Anteil, weil sie Backen und Gebackenes erheblich veränderten: Ofen und Hefe.

Ton und Zeit

Wer auf Stein backt, bringt nur flaches Brot hervor. Eine andere Form ergibt sich erst, wenn der Brei von allen Seiten mit Hitze umschlossen ist. Irgendwer in der Geschichte drehte daher einen Topf um und stülpte ihn über. In Ägypten wurden daraus Lehm-Öfen entwickelt, die hohe Temperaturen erzeugten. So wurde aus Feuchte Dampf und dadurch das Volumen des Brotes größer. Wer vor dem Backen den Brei stehen lässt, gibt dagegen der Gärung Zeit. Auf diese Art wurde das Brot besser und der Sauerteig entwickelt. – Wer hat´s erfunden?! – Nein, nicht die Schweizer, sondern einmal mehr die Ägypter, vor über 5000 Jahren. Der Weg vom Brei zum Brot ist also lang und mit Mühe verbunden.

Tägliches Brot

Brot ist Grundbestandteil menschlicher Ernährung. Als solcher sollte es für Jede/n in ausreichendem Maß da sein. Möglich wäre es. Die Mittel sind da. Aber leider ist das nicht der Fall. Wir brauchen nur über die Welt zu schauen und entdecken allenthalben Hunger und Elend. Seit jeher, wie es scheint. Es genügt die Bibel als Blick in die Menschheitsgeschichte aufzuschlagen, und man wird fündig: An Berichten über Brot und Getreide als Nahrung – und an Berichten darüber, wie Menschen sich um beides sorgen (z.B. in der Josefsgeschichte, Genesis, Kap. 37-50). Denn jeder Ernteausfall bedeutet/e Unheil. Kein Wunder also, dass die zentrale Bitte um das „tägliche Brot“ Einzug ins Vaterunser hielt.

(Danke an Wolfgang Morscher von www.sagen.at fürs extra nochmals Fotografieren, sowie die Abdruckgenehmigung!)

Zum Glück finden sich im Lauf der Zeit aber immer wieder Gebende, welche dieser Bitte Gehör schenken – wie im Mittelalter etwa eine Elisabeth von Thüringen oder ein Antonius von Padua. 1226 war der Hunger groß, sodass beide Brot unters Volk brachten; und dadurch zum/zur Patron/in wurden: für Bedürftige und Bäcker. In der Basilika von Wilten (Innsbruck) weißen heute noch ein Schild samt Bild darauf hin; und bitten um Antonius-Brot für arme Menschen aus der Pfarrei.

Segensreicher Brauch

Von dort aus betrachtet, ist es leicht eine Brücke zum Brot zu schlagen: Nämlich, dass es selbst Verehrung fand, und sich Bräuche entwickelten, die sich mit dem Glauben an göttliche Kräfte verbunden haben. Z.B. das dreifache Bekreuzen der Brotunterseite: Zum einen kommt darin der Dank an den Dreifaltigen Gott zum Ausdruck, zum anderen die Bitte um den Segen derer, die dieses Brot essen. Ähnlich verhält es sich mit dem Brot (und Salz), das gern beim Einzug in ein neues Haus geschenkt wird. Es soll ein Segen sein. Brot wird von manchen Menschen sogar als Seele eines Hauses betrachtet. Weshalb, macht folgender Abschnitt aus Heinrich Mertens Geschichte „Brot in deiner Hand“ deutlich:

Der alte Bäcker weiß, daß man Brot nicht zum Sattessen brauchen kann… Manche erfahren das erst bei [ihm], an der Jakobstraße, z.B. der Busfahrer Gerard der einmal zufällig in den Brotladen … kam. „Sie sehen bedrückt aus“ sagte der alte Bäcker zum Busfahrer. „Ich habe Angst um meine kleine Tochter“ antwortete der… „Sie ist gestern aus dem Fenster gefallen, aus dem zweiten Stock.“ – „Wie alt?“ fragte der alte Bäcker. „Vier Jahre“ antwortete Gerard. Da nahm der alte Bäcker ein Stück vom Brot das auf dem Ladentisch lag, brach zwei Bissen ab und gab ein Stück dem Busfahrer. „Essen Sie mit mir“, sagte [er dann] zu Gerard, „ich will an Sie und ihre kleine Tochter denken.“ Der Busfahrer hatte so etwas noch nie erlebt, aber er verstand sofort was der alte Bäcker meinte… Und sie aßen beide ihr Brot und schwiegen und dachten an das Kind im Krankenhaus.