Montag, April 15, 2024
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Pilgern

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 13, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 21. Juni 2023)!

Mit den Füßen Beten

Sie nehmen den Pilgerstab in die Hand, packen den Rucksack und brechen auf. Für eine Strecke, die ein Auto in kürzester Zeit zurücklegt, brauchen sie einen ganzen Tag. Pilger entdecken die Langsamkeit wieder und kehren verändert in den Alltag zurück.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Pilgern war immer der Beginn eines großen Abenteuers mit ungewissem Ausgang, aber mit einem klaren Ziel: das Heil für die Seele zu finden. Im Christentum hat das Pilgern eine lange Tradition. “Leute des Weges” haben sich Christinnen in den ersten Jahrhunderten genannt. Ein Leben lang waren sie unterwegs zu Gott, auf der Suche nach dem Heil. Diese Welt sei ihnen kein Zuhause, weil ihre wahre Heimat im Himmel ist, so wurde es ihnen oft gepredigt… Beim Pilgern konnte man dem Paradies bereits hier – im Elend der Welt – ein Stück näherkommen.

Den ersten, namentlich bekannten Pilgerinnen begegnen wir im 4. und 5. Jahrhundert: Kaiserin Helena und Egeria Silvia, zwei gebildete Frauen, waren unabhängig voneinander zu den Stätten im Heiligen Land zogen. Sie wollten mit ihren eigenen Augen sehen und mit ihren Füßen den Boden betreten, wo Jesus gelebt und gewirkt hatte, wo er litt, starb und auferstand. Die Berichte dieser Pilgerinnen wirkten damals wie eine Werbebroschüre: Viele Menschen machten sich auf, um ihren Spuren zu folgen.

Pilgern wurde zu einer Bewegung der Massen, zu einem frommen Tourismus auf festgelegten Straßen, die im Laufe der Jahrhunderte ein Wegenetz durch ganz Europa bildeten. Herbergen entstanden an diesen Wegen, Kirchen wurden gebaut und die Pilger transportierten ihre Eindrücke, ihre Erkenntnisse und das Wissen aus fernen Ländern und Kulturen in ihre Heimat. Die Pilgerwege waren demnach so etwas wie ein “Internet des Mittelalters”.

Dennoch war und ist christliches Pilgern zuallererst religiös motiviert. Die geistige Kraft der heiligen Orte sollte und soll den Glauben stärken… Der lange und häufig mühsame Weg dahin diente der Vorbereitung mit allem, was dazu gehörte: Kälte und Entbehrung, Gefahren durch Tiere und Menschen, Blasen an den Füßen, Einsamkeit und Verzweiflung, aber auch die Freude an der Schönheit der Natur und an der Gemeinschaft mit gleich Gesinnten.

Pilgern war und ist also keine Individualreise. Das bedeutet: Wer pilgert, sucht – zumindest für weite Strecken des Weges – die Gruppe. Denn mit anderen zu pilgern heißt, bei Gefahren, Unfällen, oder in Krankheit versorgt zu sein und für andere bei falscher Anklage in der Fremde zum Zeugen/zur Zeugin werden zu können.

Wer pilgert, tut sich zusammen, um auf dem Weg zu singen und zu beten,…

Wer pilgert, tut sich zusammen, um auf dem Weg zu singen und zu beten, um sich durch Erzählungen die Zeit zu vertreiben und um gemeinsam zu essen und zu teilen, was jeder hat. Das Bild (von mir 2022 bei der musikalischen Pilgerreise rund um Seibranz aufgenommen) bringt das gut zum Ausdruck:

Zum Pilgern gehört auch die Abenteuerlust. Viele der frommen Globetrotterinnen ließ die Sehnsucht nach der Ferne aufbrechen; oder auch die Hoffnung, dort das Glück des Lebens zu finden. Bis ans Ende der Welt wollten sie vordringen, und auf ihren Wegen dorthin erlebten sie sich ganz anders als in der Routine des manchmal engen Alltagslebens. Pilgerinnen stießen auf ungeahnte Hindernisse wie hohe Berge oder breite, reißende Flüsse. Sie mussten weite Hochebenen unter sengender Sonne durchqueren und lernten ihre Grenzen kennen.

Pilgern hat Menschen zu allen Zeiten fasziniert und verändert. Es verhilft vielen neu oder ganz anders zum Glauben an Gott; es erweitert Horizonte und fördert das Staunen und die Freunde an der Vielfalt der Menschen, Kulturen und Regionen, die einem auf dem Weg begegnen. Und Pilgern schafft eine tiefe Befriedigung, wenn das Ziel erreicht ist.

Raimund Miller, Kurseelsorge


PS: Sie möchten selbst gerne „mit den Füßen beten“? Dann seien hiermit herzlich eingeladen! Jeweils samstags: Am 24.06., zur musikalischen „Pilgerreise“ nach Seibranz; und am 08.07., zum Pilgern „zwischen Kräutern und Glauben“