Lies den Lukas

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 21, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 12. Oktober 2022)!

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Lies den Lukas

Liebe Leserin, lieber Leser,

»welches der vier Evangelien ist Ihr Favorit? Die meisten Theologen würden wohl Johannes nennen, den großen Intellektuellen, die Pazifisten Matthäus – wegen der Bergpredigt – und die Historiker Markus, weil der zeitlich am nächsten am tatsächlichen Geschehen mit Jesus dran sei. Doch die große Mehrheit der ’normalen‘ Gläubigen? –

Ich vermute sie favorisieren Lukas. Also den Schöpfer der Weihnachtsgeschichte, dessen Gedenktag am 18. Oktober ist. – Schon der Anfang seines Evangeliums nimmt für Lukas ein: Unter den vier Evangelisten richtet nur er ein kurzes Vorwort an seine Leserschaft. Das hat er sich bei den Autoren der Antike abgeschaut. Gewidmet ist sein Werk dem „hochverehrten Theophilus“, also dem Gottesfreund, hinter dem sich möglicherweise ein Mäzen der Gemeinde verbirgt. Er, Lukas, habe sich entschlossen, „allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen“, damit wer es lese, sich von der „Zuverlässigkeit der Lehre“ überzeugen könne, in welcher er unterwiesen worden sei.

Und im zweiten Kapitel dann erzählt Lukas die grandiosen Geburtsgeschichten von Johannes dem Täufer und, wie oben gesagt, von Jesus – mit Krippe, Engeln und Hirten. Eine ebenso volkstümliche wie theologisch durchdachte Erzählung. Man vergleiche sie nur mit den anderen Evangelien: Das erste Kapitel bei Johannes versteht nur, wer ein Vorseminar in ‚Mittelplatonismus‘ belegt hat, Matthäus langweilt mit einem Stammbaum vom Urvater Abraham bis Jesus. Und bei Markus wird es gleich unbequem: Kaum hat man mit der Lektüre begonnen, wird die Leserschaft zur Umkehr aufgerufen.

Um einen größeren Ausschnitt des Deckengemäldes anschauen zu können, klick aufs Bild! (Quelle: Kirchengemeinde St. Verena.)

In der Kunst wird Lukas mit einem Stier an der Seite dargestellt (wie auf diesem Ausschnitt des Deckengemäldes von St. Verena zu sehen). Tatsächlich ist über den Verfasser des Evangeliums nichts bekannt. Auch ‚Lukas‘ hieß er wahrscheinlich nicht. Weitgehend einig ist sich die Forschung darin, dass dieser Autor auch die Apostelgeschichte verfasst hat. Und, dass er Jesus nicht persönlich kannte. Entstanden ist sein Evangelium nach Auffassung vieler Bibelwissenschaftler*innen um 90 n.Chr. Wo es geschrieben wurde, ist unklar. Im Angebot sind u.a. Antiochia, Ephesus, Caesarea, Kleinasien und Rom. Einigermaßen fest steht nur, dass der Verfasser nicht aus Palästina stammt. Dafür sprechen einige Fehler in geographischen Beschreibungen, die Ortskundigen nicht unterlaufen wären. Mit dem Namen ‚Lukas‘ wird das Evangelium erstmals um 150 n.Chr. in Verbindung gebracht. Lukas wird hier mit dem gleichnamigen Mitarbeiter des Paulus identifiziert, der in der Apostelgeschichte erwähnt wird und Arzt gewesen sein soll.

Das Publikum, für das er schrieb, war eine mehrheitlich heidenchristliche Gemeinde. Das schließen die Fachleute u.a. daraus, dass er semitische Begriffe ins Griechische übersetzt. Lukas verwendet z.B. das Wort ‚Meister‘ statt ‚Rabbi‘. Und er hat abgeschrieben, so wie alle Evangelisten. In der Antike erhöhte das die Autorität des eigenen Werkes. D.h., Lukas übernahm viele Passagen aus Markus und einer weiteren Quelle, welche auch Matthäus benutzte. Weil diese Quelle vorwiegend Gleichnisse und sonstige Worte Jesu enthält, wird sie in der Bibelwissenschaft ‚Logienquelle Q‘ genannt. Dann gibt es noch Erzählungen und Gleichnisse, die nur Lukas hat; wie die bereits erwähnte Weihnachtsgeschichte, aber auch das bekannte Gleichnis vom sog. barmherzigen Samariter.

Weil Lukas sich vorwiegend an die Reichen in der christlichen Gemeinde wendet, gilt er bisweilen auch als Evangelist für Besserverdienende. Allerdings lässt er für´s Predigen wenig Spielraum, die Rolex-Träger im Gottesdienst zu schonen; wohingegen Matthäus ihnen eine Hintertür öffnet. Denn wo es bei diesem in der Bergpredigt heißt „Selig sind, die da geistlich arm sind“, meint Lukas die materiell Armen… Auch sonst spielen Reichtum und Armut in der Gemeinde bei Lukas eine große Rolle. Hintergrund dafür ist, dass immer mehr Wohlhabende zum Kreis der christlichen Gemeinde stießen. Jesus sagt dem reichen Vorsteher bei Lukas, er müsse alles verkaufen und den Armen geben, wenn er ihm nachfolgen wolle. Diesem Negativbild stellte der Evangelist das Idealbild der Urgemeinde gegenüber, die auf persönlichen Besitz verzichtete und das Privateigentum gemeinschaftlich nutzte. Ist Lukas also doch mehr ein Evangelist der Armen? Der Neutestamentler Udo Schnelle formuliert es salomonisch: Lukas schreibe „ein Evangelium an die Reichen, für die Armen“.

Besonders an Lukas ist auch, dass er sich, wie kein anderer Evangelist, für Geschichte interessiert. Warum er einmal als erster ‚christlicher Historiker‘ bezeichnet wurde, macht z.B. besagte Weihnachtsgeschichte deutlich. Da ist von der Steuerschätzung des Kaiser Augustus ebenso die Rede, wie von einem Quirinius, der zu dieser Zeit Statthalter von Syrien gewesen sei. So verbindet Lukas die Geschichte Jesu mit der seiner Zeit und wird zum Erfinder der Heilsgeschichte, das heißt einer theologischen Betrachtung der Historie. Dies war nötig geworden, nachdem den christlichen Gemeinden zunehmend bewusstwurde, dass das Ende der Welt und die Wiederkehr Jesu Christi möglicherweise doch nicht mehr zu Lebzeiten eintreten wird.

Lukas ist auch der Evangelist ‚der Kirche‘. Weitergabe und Sicherung der Tradition ist eines seiner zentralen Motive. Wie kein anderer Evangelist wurde er daher in den Sog konfessioneller Auseinandersetzungen gezogen. Namhafte protestantische Neutestamentler, wie Hans Conzelmann oder Christoph Bultmann, warfen ihm in den 1950er bis -70er Jahren „Frühkatholizismus“ vor. Heute ist Lukas jedoch kein Zankapfel mehr, zwischen katholischer und evangelischer Wissenschaft. Unter einfachen Gläubigen war das wahrscheinlich auch zuvor nicht der Fall. Der Evangelist und sein Werk wurden eher pragmatisch gesehen. So gab man Kühen früher – am Gedenktag des Lukas – geweihte Zettel, mit Versen aus dessen Evangelium zu fressen, um sie vor Seuchen und Unfällen zu schützen. Auch Kranke, oder Frauen bei schwerer Geburt, bekamen solche Evangeliums-Häppchen.«

Bekömmlicher ist sicherlich, ihn zu lesen. Am Besten das gesamte Evangelium. Mit anderen Worten und für alle, die mögen: Lies den Lukas. Es lohnt sich! – Kann sein, dass dafür zwei Stunden genügen, wie Thomas Jansen, der Autor dieses Artikels schreibt. (Danke an www.katholisch.de für Genehmigung ihn bearbeiten und abdrucken zu dürfen!) Doch in Etappen und mit Zeit ist sinnvoller. Weil es nur so Raum zur Entfaltung bekommt. – ‚Katholisch‘ gesehen, bietet sich das geradezu an. Denn bis 20.11. steht da noch Lukas auf dem Leseplan. (Die Kapitel 18 bis 23, d.h. Lesejahr C, vom 29. Sonntag im Jahreskreis bis Christkönig. Einfach hier auf www.perikopen.de klicken und nachschauen.)

In diesem Sinne: Gute Lektüre, und die besten Wünsche allen, die am 18. Oktober ihren Namenstag feiern!

Ihr Raimund Miller