Montag, April 15, 2024
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Klimafasten – So viel du brauchst

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 06, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 15. März 2023)!

Klimafasten – So viel du brauchst

Unter diesem Motto steht die Ökumenische Fastenaktion 2023. Dazu ein Erlebnis, das Freunde mir erzählt haben. Sie waren in Berlin unterwegs und wurden aufgehalten von Asphaltklebern der „Letzten Generation“: ihr ganzer Tag durcheinander, die waren genervt! Und wer durch so ‘ne Aktion richtig in Schwierigkeiten kommt, reagiert verständlicherweise empört. – Andererseits: Haben die von Fridays for Future etc. mit ihren Anliegen nicht Recht? Mit ihrer Angst und Sorge? Seit über 50 Jahren weiß man in Sachen Umwelt und begrenzten Ressourcen, was sich dringend ändern muss. Aber fast nichts ist passiert: Wie ungeheuer träge und bequem sind wir Menschen! Meister im Verdrängen! Kein Wunder, dass die Jungen den Eindruck haben, wir Ältere hätten nach der Devise gelebt „Nach uns die Sintflut“. Und sie würden um ihre Zukunft betrogen!

Albert Einstein sagt treffend: „Die reinste Form des Wahnsinns besteht darin, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich was ändert.“ Die Lage ist global tatsächlich so alarmierend. Kein Wunder, wenn manche Junge die verzweifelte Wut packt und sie, statt ohnmächtig zu resignieren, spektakuläre Aktionen anzetteln.   Natürlich teils mit fragwürdigen Mitteln. Doch die Nötigung ist nötig: sie soll auf krasse Art bewusst machen, dass die drohende Klimakatastrophe die eigentliche „Nötigung“ darstellt! Sie nötigt uns, weil sie alles gefährdet, was uns wert ist. Also brauchen wir es, aufgerüttelt zu werden, damit das Nötige endlich umgesetzt wird. Immer mehr Leuten wird klar, wie wahr das Wort des Dichters Rilke ist: „Du muss dein Leben ändern.“ Drum probieren sie, anders mobil zu sein. Anders einzukaufen, anders zu essen. Energie bewusst sparsam zu nutzen, usw. Lauter Dinge, zu denen die ökumenische Fastenaktion inspirieren möchte.

Wie finden Sie das Motto? Ich find’s erstaunlich: Es klingt so liberal & entspannt! Nix von erhobenem Zeigefinger oder schlechtem Gewissen. Ja! Gerade das ist der Clou! Die Ideengeber der ökumenischen Fastenaktion wissen genau: Sobald den Leuten Verzicht oder Einschränkungen verordnet werden, stellen sie Stacheln! Was moralisch daherkommt, provoziert Abwehr. Z.B. dieses sture Contra gegen ein Tempolimit oder gegen höhere Fleischpreise zugunsten des Tierwohls: Dahinter steckt wohl die Sorge, dass einem was weggenommen wird, was man zu seinem Glück braucht. Beziehungsweise zu brauchen glaubt.

Nun ist‘s natürlich sehr unterschiedlich, was Leute als Glück empfinden. Aber man kann sich selbst, man kann Freunde und Angehörige ja mal fragen: Fühlt es sich echt gut an, über Straßen zu brettern mit dem Wissen, wieviel mehr Spritverbrauch, Emissionen und Lärm das verursacht (vom Risiko ganz abgesehen) – ? Ähnlich mit Flugreisen, die nicht unbedingt nötig sind. – Fühlt es sich echt gut an, häufig Fleisch und Wurst zu essen im Wissen um die CO 2-Bilanz und um die Tierquälerei zur Erzeugung von Billigfleisch? – Fühlt es sich gut an, BilligKlamotten und BilligSpielzeug zu kaufen, wenn man weiß, dass den eigentlichen Preis die Arbeiter*innen in Ländern mit Lohndumping ohne Rechte zahlen?! Braucht es so viel Plastikverpackungen und Tüten? Kann man sich ja mal fragen…

Mir hilft es, an Diabetiker zu denken: Die müssen sich bei manch Leckerem einschränken, weil‘s ihnen schadet. Aber sie tun’s um ihrer Gesundheit willen – weil die für sie mehr wert ist als der augenblickliche Genuss. Dazu gibt’s ‘nen guten Spruch (nicht nur für Diabetiker) „Nicht alles, was Genuss bereitet, ist eine Wohltat. Aber alles, was wohltut (wirklich wohltut, mir wie den anderen) ist ein Genuss“. – Damit sind wir wieder beim Motto „So viel du brauchst“. Das klingt echt großzügig, einladend: ’Nimm, soviel du brauchst.‘ Dahinter steckt eine Erfahrung und ein Vertrauen: Es ist genug da – wirklich genug, um satt & zufrieden zu werden. Genug, um sich gut zu fühlen – ja, um glücklich zu sein!

Tja, dann liegt der Ball bei mir im Feld und bei Ihnen. Uns selbst zu fragen „Wieviel brauch ich, wieviel brauchen wir wirklich? Und was? Klar, das kann nur jede/r für sich entscheiden. Und genau darauf zielt die Fastenaktion: Erspür und erfahre selbst, wieviel Süßes oder Knabberzeug? Wieviel Essen, wieviel Fleisch/ Wurst? – Und wieviel Tempo auf der Straße? – Erspür und erfahre selbst, wie viele Events + Aktivitäten dir guttun und wieviel Muße, Zeit zur Besinnung, für Spiritualität du brauchst… Wieviel Bewegung und wieviel Ruhe? Erspüre und erfahre neu, was und wieviel von allem, um echt glücklich + zufrieden zu sein.

Solche Überlegungen stehen in Kontrast zu dem, was unsere Konsumgesellschaft antreibt. Wo ja nicht gefragt werden soll, ob man all das braucht, was angeboten wird: immer mehr, größer, schneller, das Neueste… Wie raffiniert ständig Bedürfnisse geweckt werden! Nach der Logik ist Maßlosigkeit erstrebenswert.

Es liegt an uns, unser Gespür für das „Genügt“ wieder zu entdecken. Und zwar mit Lust. Denn „genügt“ klingt nicht nur ganz ähnlich wie vergnügt: die beiden sind wesensverwandt! Vergnügt sein mit dem, was genügt. – Zum unbegrenzten Konsum gibt’s längst die Gegen-bewegung: „Einfach leben – Anders leben – überleben“: Viele Initiativen von Menschen, die sich nicht mehr fremdbestimmen lassen wollen. Sondern ihrem eigenen Gespür folgen, was und wieviel ihnen genügt – beziehungsweise: womit sie sich begnügen wollen, damit auch andere gut leben können.

Spannend ist dazu die biblische Manna-Story in 2.Mose 16, aus der unser Motto stammt: Die Israeliten auf ihrer Wüstenwanderung – anders als in Ägypten, wo Lebensmittel in Hülle und Fülle verfügbar waren, gibt‘s jetzt das Lebensnotwendige nur eingeschränkt. Es reicht immer nur so gerade. Dauernd ist man drauf angewiesen, irgend-was zu finden oder zu kriegen. Dagegen meutern die Israeliten. Mose fleht zu Gott, und Gott lässt sie das Manna entdecken. Und damit machen sie dann eine krasse Erfahrung: Was sie davon übers heute genügende Maß hinaus sammeln, verdirbt über Nacht, stinkt sogar! Dennoch dauert‘s bei manchen ziemlich lange, bis sie lernen zu vertrauen, dass es auch morgen wieder Manna geben, dass fürs Lebensnotwendige gesorgt sein wird…

„So viel du brauchst“ – Noch ist uns Zeit verliehen, den MehrWert wiederzuentdecken: Dass man wahrhaft vergnügt ist mit dem, was genügt. An Essen. Kleidung. Tempo. Energie. Verpackung, etc. – um einer lebenswerten Welt willen auch für unsre Kinder und Enkel.

Viel Vergnügen damit!

Verena Engels-Reiniger