Freitag, Juni 14, 2024
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Grundsätzlich hast du Recht

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 13, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 06. Juni 2024)!

Grundsätzlich hast du Recht

Haus auf gemauertem Fundament, direkt über einem Fluß
Bröckelt das Fundament GRUNDGESETZ? @Foto: Canadian-Nature-Visions auf Pixabay

Das hat sie cool rübergebracht, unsere  Lehrerin damals in Gemeinschaftskunde, als wir die deutsche Verfassung, unser Grundgesetz „GG“  durchgenommen haben. Sie sagte: „GRUNDGESETZlich habt Ihr erstmal Rechte.“ Interessant!

Mittlerweile im Alter von „Omis für Demokratie“, guck ich noch anders interessiert auf unsere Verfassung: Voll Respekt, ehrwürdige 75-er Jubilarin! Aus weit zurückreichenden Wurzeln wahrhaft humaner Überzeugungen bist du nach finstersten Zeiten der Menschenverachtung (wieder) aufgerichtet worden! – Voll Dank an alle, die an diesem Fundament freiheitlicher Rechtsordnung mitgewirkt haben, teils unter hohen Opfern!

Voll Sorge, weil inzwischen Leute, viele in ihr großgeworden, sie ausnutzen zu rassistischen, antidemokratischen Umtrieben. Und sie so unterminieren. Drum alle, die wissen, was wir am GG haben: Lasst uns Demokratie & Rechtsstaatlichkeit hochhalten und verteidigen!

Liebe Leserin, lieber Leser, was bedeutet Ihnen das GG?
Als 16jährige Schüler ahnten wir: Artikel I ist Spitze! Wird derzeit auch in den Festreden betont. Wir verstanden, dass Menschenwürde etwas Großes, fast Heiliges bedeutet. Aber was heißt „unantastbar“ in der Praxis? Für mich  wurde es konkret, als ich erlebte, wie Tante Hanna meinen Patenonkel, der die letzten Lebensjahre völlig dement war, voll Feingefühl,Takt und Herzensgüte betreute. Sie hat ihm volle Würde bewahrt. –

Oder mit sog. behinderten Kindern in der Schule, wo ich 11 Jahre unterrichtete: Klar, sie brauchen Hilfe, können vieles nicht wie „Normale“. Dafür aber allerlei Wertvolles, das sog. Leistungsträger der Gesellschaft teils nicht bringen… Muss man miterleben, mit welcher Kompetenz, Empathie und Kreativität ihre Lehrer:innen, Eltern und Therapeuten sie fördern! Wie sie miteinander in Würde ein sinnerfülltes Leben hinkriegen. – Oder, was Kolleg:innen der Gefängnis-Seelsorge aus ihren Begegnungen mit Häftlingen berichten: Bei aller Verfehlung und Schuld, es sind und bleiben Menschen. Die nur dann möglicherweise einen besseren Weg einschlagen, wenn sie sich in ihrer Würde respektiert erfahren.

Fazit: Artikel I GG ist echt eine Herausforderung. Und will doch als Chance wahrgenommen werden: Die Würde jedes Menschen dieser Erde als GRUNDGESETZlich geschützt zu wahren unter allen Umständen! Was da für ein Menschenbild dahinter steht… Mal ganz persönlich realistisch: Jede/r kann durch Krankheit, Unfall oder Alter die Selbstständigkeit einbüßen. Nur gilt es uns, die selbstbestimmt leben wollen,  als gegen die eigene Würde, auf Hilfe angewiesen, gar pflegebedürftig zu sein. Doch es sind ganz andere Dinge, die die Menschenwürde bedrohen!

Als junge Leute hat uns da das Thema Gerechtigkeit elektrisiert: Empörend, wie ungerecht es auf der Welt zugeht! Dabei waren seit der Französischen Revolution und der amerikanischen Grund-rechtserklärung allgemeine & unveräußerliche Menschenrechte von vernünftigen, gutwilligen Leuten anerkannt. Und deklariert als die wahre Basis für eine faire Gesellschaft! Wirklich eine Erleuchtung, die Aufklärung! Wie man dieses entschlossene „Herausgehen aus der Unmündigkeit (aufoktroyiert und selbstverschuldet) nannte.

Nun ist sie seit über 300 Jahre in Gang. Ausgehend von Europa teilten immer mehr Leute diese Ideen, die ja längst universelles Weltkulturerbe sind: Sehr wertzuschätzen, auch wenn man be-denkt, wieviel diese Errungenschaft unzählige mutige Vorfahren von uns gekostet hat: Dass man rauskam aus der Beschränktheit. Dem Buckeln und sich ducken! Friedrich Schiller rief es Herrschaften und Zeitgenossen ins Ohr „Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und wär er in Ketten geboren!“ (Die Worte des Glaubens 1780) Noch 200 Jahre später hat das uns Junge begeistert: Sich frei entfalten als Persönlichkeit, mündig mitreden, selbstverantwortlich die Welt mitgestalten.

Was der Meister der  Philosophie und Jubilar Immanuel Kant *1724 damals riet, ist heute genauso nötig:

Trau dich, deinen eignen Verstand zu gebrauchen! – Was kann ich wissen? Frag nach, informier dich, sei kritisch. – Was soll ich tun? Kategorischer Imperativ: Handle so, dass die Maxime deines Wollens als Grundlage für eine allgemeine Gesetzgebung (Regelwerk für alle) dienen kann.

Denn alle Menschen sind gleich, erstens an Rechten, zweitens an Pflichten: Alle sind vor dem Gesetz gleich. – Ha, schöne Theorie! Konkret bedeutet das: Auch der lästige Kerl, die blöde Zicke. Der schwierige Angehörige. Die vielen Migranten. Der Transtyp, der befremdlich wirkt. Schrille Demonstranten. Leute mit Ansichten zum Haareraufen. Irregeleitete (aus meiner Sicht) Zeitge-nossen, die ihre Macht missbrauchen. Solche, die ihnen folgen. Und die übrigen, auch ich & Du: Alles Menschen, gleich an Würde und an Rechten: gleichwertig, gleichberechtigt.

Tja, es ist nicht zum Ausruhen, das Fundament Grundgesetz. Vielmehr zum Auslegen, Diskutieren und Anwenden. Gegen FakeNews und Populismus gilt es dranzubleiben an den Leuten, die sich zurückziehen bzw. verweigern. Gilt es, gesprächsbereit zu sein. Denn divers bis gegensätzlich sind die Ansichten, welche Werte bei uns gelten sollen. Was Demokratie bedeutet, wem wem welches Recht zukommt. Noch können wir Zivilcourage zeigen, die Stimme erheben. Das hat ja auch etwas mit Selbstachtung zu tun.

Die Ur-Inspiration dazu gibt die Bibel: Gott schuf die Menschen sich zum Ebenbild. Das bedeutet höchste Ehre! Gott gab ihnen den Segen und Lebensraum: die Welt. Erst so im wahrsten Sinne des Wortes begabt, erhielten sie dann den Auftrag, die Erde zu bebauen und bewahren. Übertragen auf unsere Mandat heute in der Gesellschaft, Mitmensch und Mitbürger zu sein gilt es: Zuerst wahrnehmen, mit welchen Chancen wir gesegnet sind. Wo uns der richtige Spirit und die Kraft gegeben werden. Und dann ans Werk!

Verena Engels-Reiniger