Frühlingserwachen

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 06, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 16. März 2022)!

– Böses Erwachen

Bild „Neuanfang“, von Dorothee Krämer, Dipl. Grafik-Designerin (FH), zur Jahreslosung 2019. Danke für die Abdruckgenehmigung!, Pfn Verena Engels-Reiniger

… am 24. Februar „in einer anderen Welt“: Krieg! War da nicht noch Fasching? Ja, aber ganz schnell Schluss mit lustig und der Aschermittwoch da. Doch das Wetter kümmert sich nicht drum: Die ganze Zeit ist hierzulande strahlender Sonnenschein! Lockt die Blumen hervor, das Herz geht einem auf! Aber gleich fällt wieder der Schatten drauf: Ist doch Krieg! So nah bei uns! Menschen massenhaft verwundet und umgebracht. In Not gestürzt, vertrieben. Menschen  bedroht, unterdrückt und inhaftiert. Familien & Beziehungen zerrissen. Land & Kultur zerstört. Lügenpropaganda regiert, Gewalt triumphiert. Unter solchen Umständen sich trotzdem am Frühling freuen? Macht fast Schuldgefühle…

Welch Privileg, wie gut es uns hier geht! Sichere Wohnung, weiches Bett, nachts Stille: Wir könnten ruhig schlafen. Könnten, wenn einen nicht Entsetzen, Kummer und Mitgefühl umtreiben würden. Angst und Sorgen. Bange Fragen. Und ohnmächtige Wut! – Viel zu gutgläubig seien wir gewesen, heißt es jetzt. Ja, es fühlt sich bitter und beschämend an, wie die um Verhandlungen Bemühten vom Kreml aufs übelste düpiert wurden. Und mit ihnen alle, die nach Diktaturen und Weltkriegen des letzten Jahrhunderts glaubten, man hätte draus gelernt: in Europa würde es nie wieder einen Angriffskrieg geben! – Trotzdem, Mensch, bewahr‘ Dir guten Glauben! Du brauchst ihn, gerade jetzt. Etwas ganz anderes ist ein Wunschdenken, das die Realität leugnet nach dem Motto „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“. Daraus erleben wir jetzt ein bitteres Erwachen, eine große Ernüchterung. Und die ist nötig. Bonhoeffer fragte aus den schrecklichen Erfahrungen unter den Nazis in seiner Haft: “Haben wir bisher zu wenig nüchtern vom Menschen gedacht?“ Jedenfalls wohl nicht wirklich der Realität ins Auge gesehen, dass unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung von vielen abgelehnt und vom russischen Machthaber (u.a.) als schlimmer Feind bekämpft wird.

Wir „westlich gesinnte“ Christen halten sie für die beste Staatsform, die uns unperfekten Leuten erreichbar ist in dieser Welt, wo noch überall die destruktiven Gewalten Angst + Gier, Lüge, Hass und Tod am Werk sind. Eigentlich müssten wir wissen, wozu Menschen fähig sind, wenn irre-geleitet, verblendet und von Großmachtgelüsten verführt. Also nüchtern von ihnen denken. Und dennoch nicht in das verfallen, wovor Bonhoeffer warnte: der „großen Gefahr, die Menschen zu verachten“. Auch der, der arges Unrecht begeht, der abgründig böse erscheint, muss als Mensch geachtet und behandelt werden. Etwa das dürfte mit Jesu Wort von der Feindesliebe gemeint sein.

Was sollen dann wir in der jetzigen Lage  t u n ? – Zum Beispiel beherzigen, dass gerade Fastenzeit angesagt ist, Buße + Besinnung. Die Worte der Bibel zu sich sprechen lassen, die erschütternd wahr und kraftvoll sind. Z. B. dieses: „Seid nüchtern und wacht! Denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, gegründet im Glauben! Und wisst, dass dieselben Leiden eure Brüder und Schwestern in der Welt treffen“ – ja genau, heutzutage unter autoritären bis totalitären Regimes und in den Kriegsgebieten! – Und wir, die hierzulande noch sicher leben? Jesus hat seinen Leuten nicht „alles easy“ in Harmonie versprochen. Keine Komfortzone, sondern den Schalom Gottes, wo das Eintreten für seine Sache sie in Gegensatz selbst zu nächsten Angehörigen und Freunden bringen kann: Friedensfähig sein setzt Konfliktfähigkeit voraus. Welch eine Herausforderung! Für Bürger & Christen gilt es, sich der Realität zu stellen, die Jesus so beschrieb: „Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben!“ –  Klugheit hat mit nüchternem Denken zu tun. Mit genauem Hinhören, wach & kritisch. Sich breit und seriös informieren. Nachdenken – und miteinander reden, diskutieren. Klar in der eigenen Überzeugung und geduldig mit ganz andersartigen Meinungen. So fair wie standhaft. Dialog, gerade auch mit Russlanddeut-schen und Leuten mit Beziehungen in die Ukraine, nach Russland, Belarus, Moldawien, Polen… Das Debattenklima in der Öffentlichkeit + den Social Media kann jede/r einzelne positiv beeinflussen, indem man auf die eigene Haltung & Sprache achtet. Aufs Rechthabenwollen verzichtet, darauf, sich zu den „Guten“ zu zählen. Nicht zu unterschätzen, wie dies auch das schwierige Geschäft uns- rer Politiker bis in die Diplomatie hinein unterstützt! Selbstkritisch sein und mutig, weil Gott uns „nicht einen Geist der Furcht gibt, son-dern den Geist der Kraft & der Liebe & der Besonnenheit“ (2. Tim 1,7)

Und: Natürlich werden wir als Christen & Bürger mit allen Menschen guten Willens alle nur mögliche praktische + finanzielle Hilfe leisten denen, die nun so leidvoll betroffen sind. – Doch wo bleibt das „Selig die Friedfertigen…“ von Jesus? Wo bleibt die Friedensethik?

Im Krieg jetzt sprechen die Waffen. Der Ruf nach Aufrüstung ist unvermeidlich. Wenn dies notgedrungen gebraucht wird, um die Gewalt einzudämmen, dann müssen Christen darauf dringen, auch alle zivilen Mittel zur Konfliktlösung, zur Deeskalation anzuwenden: u.a. Sanktionen. Harte. D.h. noch ein Aufwachen, eine Ernüchterung: Frieden + Wohlstand kosten auch uns hier einiges! Was für Signale senden Bürger & Christen der Politik, welchen Preis sie zu zahlen bereit sind? Weiterer Stoff für heiße Debatten… Doch mit ein paar effek-tiven Verhaltensänderungen in Sachen Energieverbrauch könnten gleich 2 Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: Putin an den Verhandlungstisch zwingen plus Klimaschutz. – Keine Frage, die Sprit- und Heizkosten sind für einige Bürger und Branchen ein Problem. Aber es gibt Stellschrauben, an denen gedrosselt werden könnte, ohne unsere Wirtschaft zu ruinieren. Da prüfe jede/r selbst den eigenen Lebensstil…

Fazit: Um nüchtern & klug, um friedensfähig zu werden und bei sich selbst das Nötige zu ändern, brauchen ich und Du – Inspiration! Neue Kräfte. Also: Auftanken! Nur gut, dass „Spirit“, der Heilige Geist, gratis zu haben ist. Z.B. bei Friedensgebeten, wo wir Ruhe finden. Uns miteinander verbun-den spüren. Gott in uns wirken lassen. Etwas von seinem „Frieden höher als alles Denken“ (Sorgen + Ängste, Mühe + Streit, Wollen + Versagen) verschmecken und darin bewahrt bleiben.

Verena Engels-Reiniger