Montag, April 15, 2024
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Freude – trotz allem

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 26, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 21. Dezember 2022)!

Freude – trotz allem

Wie ist‘s bei Ihnen, lieber Leser, liebe Leserin, mit der Freude aufs Fest? Bei mir: gedämpft. In der Welt liegt zu viel im Argen. Das ist zwar leider immer so, und wenn das generell gegen Feste spräche, könnten wir gar nie feiern. Aber dieses Jahr scheint’s besonders düster: Krieg und Gewalt ganz nah und an zu vielen Orten sonst.

Finsternis am Horizont der Klimaziele.
Zappenduster, was die zunehmenden Fluchtursachen betrifft, und das Elend der Flüchtenden. Bei den Kirchen Abgründe von Misshandlung, Versagen auf Leitungsebene, Hierarchien unfähig/unwillig zur notwendigen Wandlung. Unrecht, Hunger usf., haufenweis Gründe zum Schwarzsehen!

Dabei geht’s uns hier noch gold, die meisten können sich’s an den Feiertagen schön machen. Doch ausblenden lassen sich die dunklen Seiten nicht. Weil wir global e i n e Menschheitsfamilie sind. Gehört doch zum Markenkern von Weihnachten, dass Freude, Erlösung und Frieden Allen weltweit gelten. Da kann‘s einem keine Ruhe lassen, dass es Millionen so geht wie B. Brecht, der im Exil vor der Nazidiktatur „An die Nachgeborenen“ notierte „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!“ Dass sie wie sein Zeitgenosse Arno Pötzsch „voll Not ins Dunkel sehn“ und „in Ängsten schier vergehn“. Deshalb gedämpfte Freude. – Gleichzeitig lässt mich eine Zeile aus dem Adventlied „Die Nacht ist vorgedrungen“ nicht los: „Gott will im Dunkel wohnen…“

Was für ein Trost! DANK im Gedenken an Jochen Klepper, der vor 80 Jahren am 11.12.1942 starb (s.o. korrespondierend zwei Zitate von Zeitgenossen.) Wenn die Zeile stimmt, ist mit Gott gerade da zu rechnen, wo uns noch kein Licht aufgegangen ist. In dem Dunkel, das man auch bei sich selbst und im Zwischenmenschlichen erlebt mit Verletzungen, Konflikten, Brüchen. Wo man kaum durchdringt zu dem göttlichen Leuchten, von dem viele Lieder singen. „Gott will im Dunkel wohnen“, sagt ja schon die Geschichte von Jesu Geburt im Stall. Aber man hat daraus eine trauliche Idylle gemacht, die dran hindern kann zu glauben, dass wirklich mitten im Elend Gott zu einem steht.

Da, wo es aussichtslos verfahren scheint, will Gott  w o h n e n: Er macht nicht nur Stippvisite, sondern  bringt Zeit und sein ganzes „Werkzeug“ an Verstehen, Güte, Geduld und Weisheit mit, um bei Problemen zu helfen. So wird auch die zweite Hälfte der Liedzeile wahr: „Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt“. Wem anders zumute ist, muss nicht „einen auf Feststimmung und Harmonie machen“. Doch kann man sich freuen, und zwar ohne Dämpfer, an dem Liebevollen und Schönen, das Weihnachten schenkt: Schließlich ist auch im äußersten Dunkel Hoffnung.

Das wird, seltsam genug, gerade am Ende von Jochen Kleppers (JK) Leben deutlich. Viele von Ihnen kennen ihn wohl als Dichter geistlicher Lieder (ab 1938 mehrmals unter dem Titel „Kyrie“ publiziert) aus dem evang. Gesangbuch bzw. Gotteslob. – Geboren ist  JK 1903 in Beuthen/ Schlesien, wuchs mit 4 Geschwistern im Pfarrhaus auf und studierte Theologie, ergriff aber nicht den Pfarrberuf – die Beziehung zum Vater war lebenslang konflikthaft, er zudem gesundheitlich nicht sehr belastbar – sondern arbeitete als Schriftsteller, Hörfunkautor und Journalist. Einerseits stark preußisch geprägt, stand er auch den Religiösen Sozialisten nahe und trat der SPD bei. 1931 heiratete er Johanna geb. Gerstel, eine verwitwete Jüdin mit zwei Töchtern aus erster Ehe.

So hatte JK persönlich Glück + beruflich Erfüllung gefunden, mit dem Roman „Der Vater“ sogar großen Erfolg errungen. Doch unter der NS-Diktatur wurde er aus dem Rundfunk entlassen, vom Ullstein-Verlag gekündigt, von der „Reichsschrifttumskammer“ ausgeschlossen, d.h. Ächtung und Berufsverbot. Infolge der Nürnberger Rassegesetze zog sich die Schlinge um ihn + seine Familie immer mehr zu. Stieftochter Brigitte konnte noch emigrieren, doch als für sog. „Mischehen“ die Zwangsscheidung, für Hanni + Tochter Renate die Deportation unmittelbar drohte, ging er mit ihnen in den Tod.

Kaiser Wilhem Church, Berlin | 12. Februar 2017, 09:28:26 | Sergey Galyonkin (Bild cc aus Wikipedia)

Er selbst schrieb im Tagebuch nicht von Freitod, sondern von der Versuchung zum Selbstmord, wohl in Anerkenntnis des biblischen Tötungsverbots. Aber sie konnten einfach nicht mehr! Zu grauenvoll, was bevorstand.

Nicht wenige taten sich schwer damit. Hielten es für Resignation, als hätte er seinen Glauben aufgegeben. Dagegen spricht sein letzter Tagebuch-Eintrag „Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott. (…) Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“ – Zudem hat JK seine Manuskripte einem Freund anvertraut, also für gültig erklärt. Davon sind Lieder wie Tagebücher ein berührendes Zeugnis von Gottvertrauen, durch Anfechtung errungen: Gotteslob aus der Tiefe. JK’s heller Morgenstern wandert mit Ihnen, auf Weihnachten zu und weiter…

Ihre Verena Engels-Reiniger