Samstag, Mai 25, 2024
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Ein Fingerzeig

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 10, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 11. Mai 2022)!

Ein Fingerzeig

Liebe Leserinnen, liebe Leser, sagen Sie, wie gehn Sie mit Ihrer Erschütterung über den Wahnsinn des Ukraine-Kriegs um?

In Gedanken wüten. Debattieren. Beten. Natürlich spenden, helfen so gut man kann. Und sich ablenken. Wie soll man‘s sonst verkraften: Corona noch nicht ausgestanden, und jetzt diese Bedrohung! –  Ich hatte die letzten Wochen ein Mordsbedürfnis, Expert:innen zur Lage zu hören. Aber nach gefühlt 20 Talkshows, Zeitungsartikeln etc. merke ich:

Alle Erklärungen helfen nicht, das Unfassbare zu verstehen. Unsre Sicherheit ist zerbrochen. Die Gewissheit, dass es zumindest in Europa keinen Angriffskrieg mehr geben könne. Dass man gelernt hätte aus den Erfahrungen des 2. Weltkriegs, aus Diktatur und Holokaust. Und dass „WIR“ selbstverständlich Russland miteinschließt!

Wie sehr dieser Glaube unser Lebensgefühl trug, merken wir erst jetzt, wo er weggefegt ist.  Worauf können wir denn jetzt bauen? Woran uns halten? – Denn in Frage steht auch, was in jetziger Lage das Morden und Zerstören beenden und Frieden schaffen kann. Hatte man die letzten Jahrzehnte nicht notwendig mit Recht auf Abrüstung hingearbeitet? „Frieden schaffen ohne Waffen“ auch, um die Mittel humanitär einzusetzen! Doch wofür die Friedensbewegung einstand, scheint seit 24. Februar diskreditiert, als naiv, als realitätsfern entlarvt.

STOPP! Entlarvt ist nur die Illusion, guter Wille mache gute Menschen. Realistisch hingegen die Bibel: In jüdisch-christlicher Sicht war immer bewusst, dass Menschen aus Verblendung, Gier, Machtwahn oder sonstwie irregeleitet, zu größten Grausamkeiten fähig sind. Trotzdem – nein, gerade deshalb war die Botschaft „Friede auf Erden“ nie exklusiv nur „für die Guten“. Die gibt’s ja gar nicht. Wer eine weiße Weste behalten, sich die Finger nicht dreckig machen will, lässt dem Unrecht seinen Lauf. Sich raushalten ist für Christen keine Option. Allerdings kann militärischer Einsatz nur Ultima Ratio sein, wenn alle zivilen Wege zur Konfliktlösung begangen werden. Nur letztes Mittel, um weiteres Unrecht abzuwehren, um abzuschrecken.

Der biblische Friedensruf bleibt in Kraft. Und damit sind wir mit drin im Konflikt. Weil der Kreml der Welt die Kriegslogik aufzwingt, stecken wir im Dilemma: Soll unser Staat schwere Waffen liefern? Schrecklich! Trotzdem kommt man nicht drumrum: Wir sind verantwortlich für das, was wir tun und was wir bleiben lassen! Wir können nicht vermeiden, schuldig zu werden.

Dietrich Bonhoeffer, anfangs noch Pazifist, hat sich zu dieser Erkenntnis durchgerungen. Hat die gewaltsame Kollaboration gegen Hitler unterstützt aus der Einsicht: „Man muss dem Rad in die Speichen fallen!“ So nahm er seine Verantwortung wahr damals in finsterer Zeit. – Liegt darin ein Hinweis auch für unsre Situation heute? Man sucht Orientierung, man diskutiert: anstrengend! Drum hier als Fingerzeig zur Leichtigkeit ein Lied:

Bild gemeinfrei aus Pixabay

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt? Dass das Leben nicht verging, soviel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit. Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht – Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt. (Text: Schalom Ben-Chorin, Melodie: Fritz Baltruweit, Arrangement: Christoph Spengler)

Schalom Ben Chorin hat es der Welt geschenkt. Er, Zeitgenosse Bonhoeffers, kannte alles: Das abgründige Rätsel, dass die Menschen frei sind auch zum Bösesten. Konflikte und Dilemma, Grauen und Leid, er tödlich bedroht als Jude, beraubt, entrechtet, verachtet. Geboren wurde Ben Chorin 1913 als Fritz Rosenthal in München. Emigrierte 1935 noch rechtzeitig nach Israel. Lehrte und arbeitete als Journalist und Religionswissenschaftler und wurde nach 1945 der großen Brückenbauer zur Begegnung zwischen Juden und Christen.

In allem schrecklichen Erleben, in Zweifeln und Fragen kommt er nicht mit einem schlagenden Argument, sondern mit einem Lied! Heute, 77 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs, so wunder-sam wie sein hebräischer Name. Dieser bedeutet „FRIEDE, SOHN DER FREIHEIT“.

„Freunde“, die lieb vertrauten Menschen, mit denen er seinen Kummer teilt. Fassungslosigkeit und Ohnmacht, Zweifel und Zorn. Wohl auch Schuldgefühle, weil selbst dem Untergang entronnen. Wie sie leider auch viele Flüchtlinge aus der Ukraine und von anderswo haben. – „Freunde“ sagt Schalom Ben Chorin und deutet auf etwas, das im Krieg scheinbar irrelevant ist: der blühende Mandelbaum. Nur ein Fingerzeig.

Doch, ein Fingerzeig! Denn in der Weltgeschichte geschieht ja ständig so vieles gleichzeitig. Total Unterschiedliches, Glückliches und Furchtbares, passiert zur selben Zeit. Wir Menschen leben am selben Tag, zur selben Stunde in völlig verschiedenen, ja gegensätzlichen Realitäten… Und da, aufhorchen: ‘Schau hin, der Mandelzweig hat auch Recht! Und die helle Kirschblüte. Der duftende Flieder…. Wir haben Mai. Der war und ist Wonnemonat! 1942 mitten im Weltkrieg. 1945. 2022. Das Blühen ist so real wie das Schlimme. Die Blumen haben Recht. All das kraftvolle Grünen & Wachsen hat volles Recht. Ist Wirklichkeit. Ohne Frühling würde die Welt eh alt aussehen. Bald nicht mehr bestehen.

Also, wenn Nachrichten und Bilder einen fassungslos machen, dann ist dieses Lied vollends zum Staunen. Dass jemand mit Erfahrungen wie Schalom Ben Chorin 1942 so etwas dichten konnte! Er blendet den Wahnsinn nicht aus: „Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht, soviel Blut schreit!“ Beamt sich nicht raus aus der bösen Wirklichkeit. Hat aber Augen und Herz offen für Mandelzweig, und was sonst im Frühjahr auch in Israel herrlich erblüht. Das ist wundersam. Wunderbar. Wie Ostern, die Auferstehung Jesu von den Toten. Kann man nur wünschen, dass die Geplagten zur „trübsten Zeit“ trotzdem einen Mandelzweig erblicken! In der Ukraine und an so vielen anderen dunklen Orten der Welt. Dennoch den Frühling als Stärkung verspüren. Als Indiz immerhin, dass die Kräfte des Lebens stärker sind als alles Tödliche…

Es lohnt, Schalom Ben Chorins Fingerzeig zu folgen. Statt unsre Aufmerksamkeit ständig nur vom Schweren, Problematischen belagert zu haben, die Ohren offen halten für Vogelstimmen. Den Blick entschlossen auf Mandelzweig, frisches Grün, auf alle Zeichen neuen Lebens richten.

Verena Engels-Reiniger