Der Tag, der kommt…

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 09, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 27. April 2022)!

Der Tag, der kommt…

Liebe Leserinnen, liebe Leser, was soll ich schreiben in dieser Zeit – und für diese Ausgabe (die bis zum 11. Mai gilt)?

Hier gelangen Sie zum David Lübke Trio und dessen Version von „Sag mir wo die Blumen sind“

Der Blick in den Kalender sagt mir: Etwas zum 8. Mai. Der Muttertag fällt dieses Jahr darauf. Aber seit 77 Jahren steht dieses Datum v.a. dafür, dass der Krieg zu Ende ist. Verbunden damit, bin ich auf die wahrscheinlich wichtigste Rede Richard von Weizsäckers gestoßen. Er hat sie 1985 im Deutschen Bundestag gehalten, als Bundespräsident, zum 40. Jahrestag des Kriegsendes.

Ich habe sie Anfang April gelesen, als der Krieg in der Ukraine in seine sechste Woche ging. Und ich muss feststellen: Seine Worte von damals treffen und berühren mich heute. Es ist, als wären sie für jetzt geschrieben, so aktuell sind sie. Deshalb gebe ich Zitate daraus – kursiv gedruckt! –verknüpft mit meinen eigenen Gedanken, hier an Sie weiter:

Viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging – und wir in unserer Gegenwart hoffen, dass der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine, obwohl er sich bereits auf die ganze Welt auswirkt, nicht zu einem Dritten Weltkrieg wird.

Der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa. Anfang April, da ich diese Worte lese und meinen Artikel schreibe, frage ich mich, was wohl morgen sein wird? Am 08. Mai 2022, oder einem anderen Tag in dieser Zeit: Sieg oder Niederlage? Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übergang zu neuer Abhängigkeit? Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen? All das ist möglich und wird auch uns betreffen.

Wir Deutsche begehen den Tag unter uns, und das ist notwendig, sagt der damalige Bundespräsident. Ich denke: Damals mag das vielleicht richtig gewesen sein. Heute werden wir die Not jedoch nur dann wenden, wenn wir nicht unter uns bleiben. Es gilt also Viele zu werden, eine Union von Nationen.

Dementsprechend heißt das: Wir müssen die Maßstäbe [eben nicht] allein finden! Denn eine Schonung unserer Gefühle durch uns selbst oder durch andere hilft nicht weiter. Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit.

Der 8. Mai wird so für uns alle zu einem Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten und müssen. Zugleich wird er zu einem Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.

Wenn nicht gerade der Muttertag auf ihn fällt, ist der 8. Mai kein Tag zum Feiern. Denn wir denken an ihm an ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück, v.a auch an die, die in den letzten Monaten gemacht wurden:

Viele Ukrainer:innen wurden heimatlos. Viele fragen sich, ob sie überhaupt einmal heimkehren werden, oder nicht, weil sie tot sind?! Viele sind einfach nur dafür dankbar, daß Bombennächte und Angst vorüber – und sie mit dem Leben davongekommen sind?! Andere empfinden Schmerz über die Zerstörungen in ihrem Land, stehen vor zerrissenen Illusionen. Wieder andere stehen dankbar … vor dem geschenkten neuen Anfang in den Nachbarländern.

Es war schwer, sich alsbald klar zu orientieren. Ungewißheit erfüllte das Land, formulierte von Weizsäcker. Auch heute stehen die Ukraine und ihre Verbündeten, also auch wir, vor dieser Ungewissheit. Eine militärische Kapitulation war und ist das Ziel Russlands. Dem gegenüber sagte Bundeskanzler Olaf Scholz am 06. April im Bundestag: „Es muss unser Ziel bleiben, dass Russland diesen Krieg nicht gewinnt.“ Damit formuliert er, was das Ziel all derer sein muss, die nicht auf der Seite Putins stehen.

Unser Schicksal lag in der Hand der Feinde lesen wir bei von Weizsäcker. Und unser Schicksal heute, insbesondere das der Ukraine? Es liegt – mal mehr, mal weniger – in der Hand von uns allen. D.h., aber auch in russischen Händen. Doch wie mag es für viele Russen sein, damit umzugehen? Zumal russische Soldaten wie damals viele deutsche geglaubt hatten, für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen… Und nun sollte sich herausstellen: Das alles war nicht nur vergeblich und sinnlos, sondern es hatte den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung gedient.

Erschöpfung, Ratlosigkeit und neue Sorgen kennzeichneten die Gefühle der meisten Soldaten, die ab 1945 wieder nach Deutschland heimkehrten: Würde man noch eigene Angehörige finden? Hatte ein Neuaufbau in diesen Ruinen überhaupt Sinn? Dasselbe fragen sich viele Menschen heute, alle die aus der Ukraine fliehen mussten und jene, die geblieben sind sie zu verteidigen.

Ich hoffe, dass auch in Russland so manche dieser Fragen laut werden wird, durch Eltern, Väter und Mütter, die nachhaken: Kommen unsere Söhne wieder? – Sie kommen nicht! Wo sind sie geblieben, was ist geschehen? Aber auch durch die Klage zurückkehrender Soldaten – gegen sich selbst, gegen die anderen und gegen ihre Regierung: Was haben wir da in der Ukraine bloß getan, und für wen oder was? Was war da bitte der Sinn, außer Zerstörung und Tod?

Es ist ein Blick in die Gegenwart, sowie hoffentlich bald zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse noch dunkle Zukunft.

Und dennoch… gilt: Der 8. Mai [1945] war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Daran dürfen wir uns auch in diesem Jahr erinnern. Wir darauf bauen, dass von Tag zu Tag klarer [wird], was es [in hoffentlich naher Zukunft] für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der „Tag, der kommt“ wird ein Tag der Befreiung. Er wird uns alle befreien vom menschenverachtenden System der jetzigen Gewaltherrschaft.

Nach von Weizsäcker liegt es nicht in diesem Gedenktag die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit zu sehen. Sie liegt vielmehr [im Anfang des Krieges] und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die [dazu] führte. Wir dürfen deshalb das Ende nicht vom Anfang trennen.

Was wir jedoch tun sollten, ist, den 8. Mai als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft birgt. Diese Erkenntnis zu dem „Tag, der kommt“ gilt auch in unserer heutigen Situation. Sowohl für die Ukraine, als auch für Russland, als auch für uns alle: Auf der einen Seite die Hoffnung auf Neuanfang und auf der anderen einen Sinneswandel hin zum Guten.

Raimund Miller, Kurseelsorger


ps: Wenn Sie auf www.bundespraesident.de gehen und dort unter „Bundespräsidenten“ nach Richard von Weizsäcker suchen, finden Sie seine Rede in voller Länge.

pps: „Sag mir wo die Blumen sind“ basiert übrigens auf „Koloda Duda“, einem Lied der Donkosaken.