Bewusstes Erinnern

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 23, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 07. November 2018)!

Bewusstes Erinnern

»Sie wird gesucht und verdrängt, dankbar ans Licht geholt oder als Geheimnis verborgen – die Erinnerung. Oft wohnt sie in unserem Schweigen und bleibt doch eng verbunden mit der Poesie des gesprochenen Wortes: Kulturen und Religionen auf der ganzen Welt sind kaum vorstellbar ohne die Erzählgemeinschaft derjenigen, die sich erinnern an die Urerfahrung ihres Lebens. Menschen erinnern sich in Liedern und Geschichten an das, was sie miteinander und mit Gott erlebt haben, sie erinnern sich an Angst und Hoffnung, an Liebe und Schmerz, an Bedrohung und Rettung – und sie erzählen davon. Immer und immer wieder.

Dort, wo Erinnerungen mit intensiven Gefühlen verbunden sind, gehen sie ein in das Gedächtnis des ganzen Körpers, finden Halt in Bildern, Gerüchen und Klängen – und so lassen sie sich auch dann noch wecken und ausdrücken, wenn das Denken und Sprechen nicht mehr das gewohnte Erzählen erlaubt. Bedrückend und beglückend kann das sein, von tiefen Verletzungen und langen Wegen der Heilung begleitet – aber in allem prägend für das, was unsere Identität und unser Zusammenleben in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausmacht.

Das Erinnern an Unrecht und Leid kann sich in eine Triebkraft für die Hoffnung auf ein besseres und gerechteres Leben verwandeln. Erinnertes Glück ist eine unerschöpfliche Kraftquelle, die auch in dürren Zeiten noch Blüten treibt. Erinnerungen verwandeln sich mit den Jahren und das bewusste Erinnern verwandelt uns. Dort aber, wo versucht wird, das Erinnern für bestimmte Zwecke zu instrumentalisieren, wo Erinnerungen unveränderbar festgeschrieben oder verordnet werden, [kann es passieren, dass Gefühle missbraucht und die Menschenwürde verletzt werden]. Denn zur Würde eines jeden Menschen gehört beides: Respekt vor den individuellen Erinnerungen in einem Menschen, wie auch Respekt im Erinnern an einen Menschen.«

So schreibt Susanne Brandt (Lektorin bei der Büchereizentrale Schleswig-Holstein) unter www.e-wie-evangelisch.de über das Erinnern. – Ich danke ihr dafür, wie auch für die Erlaubnis, ihre Gedanken hier abdrucken zu dürfen. Und ich frage mich, ob nicht manche Erinnerung gerade in dieser Zeit „unveränderbar festgeschrieben“ sein muss, eben, weil sie sonst instrumentalisiert wird, und in ihr Gegenteil verkehrt. Wenn ich mich richtig erinnere, vor geraumer Zeit so geschehen, z.B. mit den Geschwistern Scholl.

Kann das sein? Darf das sein, dass so mit Erinnerung umgegangen wird? Und was ist/wird, wenn wir so handeln? Betrügen wir dann nicht, um es mit dem Philosophen Theodor Adorno zu sagen „die Ermordeten um das Gedächtnis der Lebenden“, und damit letztlich auch uns selbst?!

Deshalb möchte ich, den 09.11. im Blick, ganz bewusst an Inge Auerbacher erinnern. – Über den Abendgedanken „Kinder stark machen“ von Pfarrerin Lucie Panzer, bin ich auf sie gestoßen. – Gott sei Dank lebt sie noch, denke ich und zugleich, dass Inge Auerbacher dennoch eine Betrogene ist – nämlich um einen Gutteil ihres Lebens: Ihre Großmutter und 13 weitere Familienangehörige wurden im Holocaust ermordet. Sie selbst wurde mit 7 vom Stuttgarter Killesberg aus nach Theresienstadt deportiert.

Ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie es ihr ergangen sein muss. Ich merke ‘nur’, wie ich erschauere, wenn ich mir meine Kinder vor Augen führe und überlege, was dies für ihr Leben bedeuten würde. Und ich habe großen Respekt vor den Eltern Auerbacher, dass sie ihr Kind Inge stark gemacht haben, indem sie ihm verdeutlichten: „Nicht: Du musst diesen Stern tragen, sondern: Du bist ein Stern… Sie konnten die Welt [damit zwar] nicht verändern. Aber sie haben [ihrem Kind] etwas mitgegeben, von dem es leben konnte.“ – „Mir macht das Mut“, beschließt Lucie Panzer ihren Abendgedanken.

Mir auch, denke ich. Einmal derart, dass auch wir es schaffen, unseren Kindern Erinnerungen zu schenken, die ihnen bewusst bleiben – als Kraftquellen – bis in deren Zukunft hinein. Und mir macht es Mut, dass Inge Auerbacher sich nicht ihre Erinnerung hat nehmen lassen, sondern sagt:

✡ Sterne am Himmel, ein Stern auf der Brust / Mama, ich weiß, ich habs längst gewusst, / kein Zeichen der Schande ist er, mein Stern, / ich trage ihn mit Stolz, ich trage ihn gern. ✡ Ein Stern als Lohn, der höchste Preis, / so war es immer, ja Papa, ich weiß. / Es ist mir egal, was die anderen sagen, / ich will ihn für mich und trotz allem tragen. / Ich bin ein Stern. ✡ Wenn sie über mich klagen, wenn sie mich schelten, / für mich soll der Stern etwas Anderes gelten. / Sie starren mich an, sie zeigen auf mich, / sie sind ohne Stern, der Stern bin ich. ✡ Sie sind von Gott, die Sterne der Nacht. / Auch mich, auch mich hat er gemacht. / Weine nicht, Mama, hör mein Versprechen, / Niemand wird meine Seele zerbrechen. Ich bin ein Stern. ✡

Mit anderen Worten: Wen oder was immer wir Menschen zu instrumentalisieren versuchen und egal mit welchem Etikett – es wird sich im Sinn dieses Wortes zwar ‘anhängen’ lassen, jedoch nicht hängen bleiben. Weil (zumindest im jüdischen und christlichen Glauben) gilt: Wir sind schon mit einer Aufschrift versehen, nämlich mit der Signatur Gottes. Und die lässt sich weder überschreiben, noch löschen. Gott sei Dank! –

‘Gott sei Dank’ sage ich noch einmal ganz bewusst und erinnere damit daran, dass ‘Jude’ (von hebr. Jehud/a) genau das meint: Gott dafür zu danken, dass er sein Gesetz in uns hineingelegt, ja sogar auf unsere Herzen geschrieben hat (Jeremia 31,33); und zugleich, dass wir in seine Hände eingezeichnet sind (Jesaia 49,16). – Jesus wiederum wusste das, er war Jude. Und als der Gesalbte erinnert er uns daran, die wir Christinnen sind.

Machen wir uns das bewusst und schöpfen wir daraus Kraft – an Tagen wie diesen (dem 09. u. 18.11.) und immer, wenn es um Erinnerung geht.

Raimund Miller, Kurseelsorger