Alles neu – macht der Mai

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 9, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 28. April 2021)!

Alles neu – macht der Mai

Liebe Leserinnen und Leser,

„der Mai macht alles neu“ besagt eine altbekannte Weise. Doch (wie) macht er das? – Eine spannende Frage. Die Antwort: Er macht es wie in einer rabbinischen Weisheitsgeschichte: Wer fragt, erhält keine detaillierten Anweisungen, denen er/sie einfach nur zu folgen braucht. Dafür aber einen Anstoß, der ihn/sie in Bewegung setzt.

Himmelsleiter auf dem Timmelsjoch: Den Blick nach „oben“ richten. Bild gemeinfrei aus Pixabay

Genau das, denke ich, will der Mai: uns einen solchen Anstoß geben. Einen Ruck, damit wir loskommen von dem, was uns am Boden hält; damit wir loslassen, woran wir meinen uns festhalten zu müssen. Denn oft sind wir Menschen so erdverhaftet, dass wir dabei völlig den Himmel über uns vergessen. Entsprechend ermuntert uns die im Bild zu sehende Leiter auf dem Timmelsjoch, den Blick nach oben zu richten.

Der Mai kann uns Hilfe sein, dieses Verhalten aufzubrechen: Einmal durch sein Äußeres, den Aufbruch in und mit der Natur. Dem Himmel entgegen, der über uns zu sehen ist. Aber auch durch sein Inneres, die christlichen Feste, die in ihm liegen, wie Christi Himmelfahrt (13.05.) und Pfingsten (23.05.). Zwei Feste, die letztlich nichts anderes heißen, als sich nach dem Himmel auszurichten. Nur, dass hier der Himmel gemeint ist, den man nicht sehen kann.

Himmelfahrt (hierauf klicken und „Himmel auf“ hören)

Doch wie stellen wir das an, dieses „nach dem Himmel ausrichten“? Christlich gesprochen indem wir lernen Jesus, oder besser das Bild, das wir uns von ihm gemacht haben, immer wieder loszulassen. Und zwar deshalb, weil er nicht will, dass wir ihn festhalten. Wie in Johannes 20,17: „Jesus sagte zu [Maria Magdalena]: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ – Versuchen wir es dennoch, so laufen wir Gefahr, dass uns der Himmel entgeht, welchen uns nur dieser Jesus eröffnen kann, der jenseits aller Bilder steht.

Ganz ähnlich verhält es sich mit weltlichen Angelegenheiten. Auch hier sollte uns das Loslassen zur Aufgabe werden. Denn wie oft machen wir uns ein Bild von unserem Gegenüber, einem Menschen oder einer Sache. Halten daran fest, ohne zu sehen, dass und wie (sehr) sich das Gegenüber verändert (hat). – Anders ausgedrückt: Wie oft stünde uns bereits hier auf Erden der Himmel offen. Bloß wir gehen nicht hinein, weil wir nicht loslassen wollen, oder es auch nicht können?! Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, loslassen ist (nicht nur in dieser Zeit) leichter gesagt als getan; und je länger Corona dauert, häufig auch (zu) viel verlangt. – Was ist, wenn wir es gar nicht vermögen, weil wir lieben, was wir „halten“?! – Zugleich ist mir auch bewusst, dass in den Momenten, in denen wir es schaffen, „Mai“ ist und „Himmelfahrt“; und, dass darin das Neue liegt, die Kraft, die uns dazu anstößt Überkommenes los– und Neues zuzulassen.

Pfingsten (hierauf klicken und „Bonfire Heart“ hören)

Die Frage ist, wie wir zu dieser Kraft kommen. Die Antwort darauf gibt meiner Meinung nach Pfingsten. Nähern wir uns deshalb diesem zweiten Fest an und zugleich auch dem Geist, der damit verbunden ist:

Zunächst einmal sollten wir uns dazu das Brausen eines Sturmes ins Gedächtnis rufen und die Bewegung, wie sie z.B. an Bäumen zu sehen ist. Sturm ist etwas Ergreifendes und Bewegung etwas Geistgewirktes. Auf diese Weise können wir uns in die Jünger:innen Jesu hineinversetzen. Wie es damals war, als das Neue über sie und in sie hereinbrach und wie es bei uns heute ist, wenn Neues sich anbahnt.

Feuer ist etwas „Ansteckendes“. Bild gemeinfrei aus Pixabay

Des Weiteren sollten wir uns die Funken vorstellen, die es braucht ein Feuer zu entzünden. Feuer ist etwas „Ansteckendes“. Symbolisch erinnert es an „Feuer und Flamme sein“, an Begeisterung. Auch über diesen gedanklichen Weg gelangen wir zu den Freunden Jesu. Wie es war, als das Neue sie in Brand gesetzt hat und wie es sich bei uns heute anfühlt.

Wenn also das passiert: Entzündet werden und in Bewegung geraten, dann ist „Mai“ und ist „Pfingsten“. Dann nämlich fährt „Etwas“ in uns: Geist. Ein Wesen, das seinem Ur-Sinn nach Kraft und Dynamik meint. Eines, das Erneuerung bewirkt und vermag, weil es aus dem Himmel kommt, der gerade nicht zu sehen ist.

In diesem Sinn wünsche ich uns für die kommende Zeit und ihre Feste, dass sie alles neu machen und „die Seele frisch und frei.“ Und, wie es in Hermann Adam von Kamps Lied weiter heißt: Dass wir „hinaus“ kommen und unser „Haus“ lassen. Weil dort, draußen, der „Widerschein der Schöpfung blüht, uns erneuend im Gemüt.“

Raimund Miller