Seht! – Weshalb wir auf Jesu Herz
… schauen sollten.
„Das ist doch Kitsch!” – Dieses Urteil über viele Herz-Jesu-Darstellungen (ein realistischer Jesus, der mit einer Hand auf das Herz in der Mitte seiner Brust weist) bedeutete meist deren Ende in katholischen Kirchen. – Wenngleich manchmal dieses Urteil in Verwahrung an einem anderen Ort (z.B. dem Dachboden) umgewandelt wurde, so ist schwer zu sagen, was dieser Verehrung den Garaus machte.
Höhen und Tiefen
Immerhin gehörte die Meditation des Herzens Jesu tausend Jahre lang auch zum Schatz westlicher katholischer Frömmigkeit. Im 19. Jh. wurde die Herz-Jesu-Verehrung sogar zum Fest im Kirchenjahr erhoben (immer am Freitag, eine Woche nach Fronleichnam – heuer begangen am 12. Juni). Doch Versuche, nach dem zweiten Weltkrieg an diesen Erfolg anzuknüpfen, scheiterten. Gebete und Bilder gerieten bei uns in Vergessenheit.
Nicht so in Südostasien und Lateinamerika, in Teilen Afrikas und Süd- wie Osteuropas, dort fehlt in kaum einer katholischen Wohnung das Herz-Jesu-Bild. Und auch wer sich hierzulande umschaut, wird feststellen, dass die Verehrung des Herzens Jesu lebt, zum Beispiel in einer Figur aus St. Verena (s. Bild-Ausschnitt). Am Heilig-Blut-Fest ist sie zu sehen, an der ersten Station des Prozessionsweges. Dort, beim Josenhof, lenkt sie den Blick der Reiter/innen auf Jesus und seine Barmherzigkeit.

Berührende Begegnung
Warum ist das so? Die Antwort findet man im dem, worum es bei der Herz-Jesu-Verehrung geht: Nämlich, dass Katholiken hier praktizieren, was jede Meditation sucht: Die den ganzen Menschen berührende Begegnung mit der Barmherzigkeit Gottes. Wenn also im Rhythmus des Atems das »Jesus, Barmherzigkeit« gesprochen wird, so umfängt diese Erfahrung der Barmherzigkeit alles Denken und Fühlen. Das Herz-Jesu-Bild in der Wohnung macht dasselbe. Mitten im Alltag ist es wie ein alles tragendes Stoßgebet: „Jesus, deine Barmherzigkeit.“ Diese Spiritualität kennt dabei zwei Gedanken. Der eine leuchtet auch heute unmittelbar ein, der andere ist tief in der Bibel verwurzelt und uns heute fremd.
Liebe aus Liebe
Der erste Gedanke steht im 1. Brief des Johannes: „Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt“ hat (4,10). Die Betrachtung des Herzens Jesu möchte die eigene Liebe dadurch wecken und stärken, dass im Schauen auf das Bild, im Beten von Versen und im Atmen von Worten die Liebe, die Gott uns erwiesen hat, wieder und wieder vor das eigene Herz gestellt wird; dass aus Liebe Liebe erweckt wird. Christliche Liebe, das weiß diese Spiritualität, ist immer Antwort auf die Liebe, die Gott uns zuvor erwiesen hat.
Fremder Gedanke
Der zweite Gedanke, der die Herz-Jesu-Spiritualität über Jahrhunderte geprägt hat, ist der Gedanke der Sühne; ein uns heute fremder Aspekt. Dabei geht 1 Johannes 4,10 genau damit weiter: „…und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.“ Und ich merke für mich, hier tut eine Erklärung Not. Denn: Sühne hat weder etwas mit dem Bild eines strafenden Gottes noch mit Werkegerechtigkeit zu tun. Vielmehr ist sie das Angebot dessen, der voll Versöhnlichkeit die Schuld vergeben hat. Und er bietet sie an, als eigenen Beitrag im Prozess der Versöhnung. Sühne ist also ein Geschenk an den, der sich versöhnen lassen möchte.
Blick aufs Herz
Entsprechend hat das Volk Israel den Versöhnungsritus als von Gott gnädig Gegebenes gesehen. Und in Jesus ist diese Versöhnung (für Christinnen und Christen) ein für alle Mal geschehen. Die Glaubenden können an ihr Anteil haben, indem sie sich voll Vertrauen an die Seite Jesu stellen, dessen Herz am Kreuz durchbohrt wurde. »Seht das Lamm Gottes!«, beten wir im Angesicht des Brotes, in dem sich der Herr brechen lässt für seine zum Abendmahl versammelte Kirche. Dieses »Seht!« ist der Blick auf das Herz Jesu. Daher hat das Herz-Jesu-Fest seinen Ort nach Fronleichnam, dem Fest des heiligen Leibes Jesu.
Raimund Miller, Kurseelsorge
Artikel der Kurseelsorge in Ausgabe Nr. 12 von „Bad Wurzach Natürlich. Informativ“ vom 06. Juni 2026
