Montag, April 15, 2024
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Eine Bitte mit bizarrer Kraft

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 07, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 27. März 2024)!

Eine Bitte mit bizarrer Kraft

Bild zeigt einen Stift, mit dem etwas geschrieben wird

Liebe Leserin, lieber Leser,

im aktuellen Heft von Andere Zeiten (Magazin zum Kirchenjahr 1/2024, www.anderezeiten.de) bin ich auf den folgenden Artikel zu Karfreitag gestoßen. Was dort steht, ist tief berührend und trifft ins Schwarze:


Einen Tag vor seinem Tod spricht Jesus das innigste Gebet, das ich kenne. Es ist der bittere Ruf an den Vater: »Dein Wille geschehe.« Er sagt es im Garten Gethsemane. Verzweifelt, niedergeworfen auf einen Felsen betet er: Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst.

Die Szene bewegt mich, seit ich zum ersten Mal in der Todesangstbasilika war, im Garten Gethsemane, oberhalb der Jerusalemer Altstadt. Dort, wo sich der Felsen befindet, auf den Jesus sich geworfen hatte, um zu beten. Nie werde ich das vergessen. Ich war fast allein in der Kirche, und ich hörte nichts, und ich sah niemanden. Ich sah nur den Felsen. Und ich kniete nieder und legte meine Hand auf den Boden, den Felsen seiner Tränen, und ich betete und weinte … und Jesus war da. Er war da, mit seiner Angst und seinem Flehen, mit seinem Rufen und seinen Tränen. Er war da, mit mir. Wir, er und ich. Ich und er. Dort, wohin er seine Jünger Petrus, Jakobus und Johannes mitgenommen hat. Wo ihn Furcht und Angst ergreifen. Und er zu den Jüngern sagt: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht! Wo er zweimal fortgeht, um zu beten. – Und jedes Mal schlafen die Jünger ein.

Wie ein Kind, das in seiner Hilflosigkeit nach dem Vater ruft, wendet sich Jesus an Gott. Wie ein Kind ruft er Abba. Er ruft ihn mit dem Namen, der seine ganze Sehnsucht nach Gott umschreibt, nach dem Vater, der kommt und ihn rettet. – Wie ein Kind habe auch ich mich gefühlt, als ich dort war. Es war, als hätte sich Jesu Gebet in einem einzigen Wort verdichtet: Abba. Herzzerreißend.

Er konnte so beten, weil Gott einen Plan hatte. Für ihn und mit ihm. Jesus wusste das. Und obwohl Gott ihm nicht antwortete und ihn allein ließ, dort im Garten Gethsemane, hoffte Jesus auf ihn. Er ergab sich dem Willen Gottes in der festen Zuversicht, dass Gott ihm hilft; dass er ihn nicht verlässt in seiner Not. Er wusste, dass er sterben musste, um auferstehen zu können. Um der Welt zu zeigen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Um ihn zu besiegen. So war es just jenes verzweifelte Gebet, das Jesus wieder aufrichtete, sodass er gestärkt zu seinen Jüngern gehen konnte, sie weckte und sprach: Steht auf, wir wollen gehen!

Doch mein Leben hat mit dem Leben Jesu nichts zu tun. Ich kenne keinen Plan Gottes. Ich kann nur hoffen, dass mein Leben am Ende nicht umsonst gewesen sein wird. Aber ich habe keine Gewissheit. Tatsächlich weiß ich gar nichts. Wie könnte ich da beten wie er?

Worte, die ins Schwarze treffen: Dein Wille geschehe
Worte, die ins Schwarze treffen (Bild: Raimund Miller)

Ich fände es auch anmaßend, wie Jesus zu beten: Aber nicht, was ich will, sondern was du willst. Mit seiner Innigkeit. Und seiner Gott-Ergebenheit. Und doch ist da eine Verbindung zwischen ihm und mir. Sie steckt in dem Gebet. Dass Jesus die Verzweiflung kennt und sich in seiner größten Not an Gott wendet, das verbindet uns. Und ermutigt mich. Es ermutigte mich zu beten, dein Wille geschehe. Und Ermutigung brauche ich.

Seit dem Mord an meinem Bruder fällt es mir schwer, beim Vaterunser zu beten, dein Wille geschehe. Fritz war Arzt und wurde am 19. November 2019 nach einem Vortrag in der Schlossparkklinik Berlin von einem psychisch kranken Täter erstochen. Seither bin ich vorsichtiger geworden, ja beinahe misstrauisch. Was von all dem, was um mich herum geschieht, ist denn nun Gottes Wille? Und was nicht? Das Gute, ja? Das Schlechte, nein?

Trotzdem betete ich in jener Zeit, dein Wille geschehe. Ich betete die Worte, weil ich selbst keine Worte mehr hatte. Weil ich ohnmächtig war und keine Macht mehr hatte über mein Leben. Und keinen Anker mehr spürte. Weil ich mich ausgeliefert fühlte. Ausgeliefert dem Willen des Mörders. Seiner Willkür. Seinem Wahnsinn. Seiner Tat. Und den Folgen. Je verzweifelter ich darüber war, was der Wille dieses Mannes angerichtet hatte, und je überzeugter ich wurde, dass das nicht Gottes Wille war, desto mehr sehnte ich mich nach Gottes Willen. Desto stärker war mein Bedürfnis zu beten, möge doch dein Wille geschehen, mögest doch du mein Leben bestimmen und nicht die Tat und der Täter.

Ich betete mit brennender Hoffnung und trotziger Entschlossenheit.  Ich betete in hilfloser Verzweiflung und kämpferischer Wut. Weil ich nichts mehr ändern konnte am Schicksal meines Bruders. Und gerüstet sein wollte für das, was nun kam.

Mitten in der Katastrophe entfaltete die Bitte, dass Gottes Wille geschehe, eine fast bizarre Kraft. Ausgerechnet der Satz, den ich mit Argwohn betrachtete, gab mir Halt. Vielleicht weil mir noch nie so bewusst war, dass nicht alles von meinem Willen abhängt. Dass in Wahrheit, wenn es darauf ankommt, gar nichts von meinem Willen abhängt. Weder von meinem Willen noch von mir. Und ich gerade dann abhängig bin von einer anderen Kraft. Von Gott. – Mit dieser Glaubenserfahrung kann ich Karfreitag ertragen.

Beatrice von Weizsäcker (Juristin und Publizistin)


Meinen herzlichen Dank an die Autorin sowie den Verlag für die Abdruckgenehmigung! – Und Ihnen gesegnete Kar- und Ostertage, Raimund Miller (Kurseelsorge)