Nicht nett. Aber sympathisch
„Echt sympathisch“ – wie schön! Nette Leute hat man gern. Schade, dass man’s nicht nur mit solchen zu tun hat! Alles liefe besser, wenn’s bloß die netten gäbe. Müsste nicht „Der da oben“ dafür sorgen? Warum nur sind auch so widerwärtige auf der Welt zugelassen wie …?? Er sollte einfach bloß nette kreieren, dann hätten wir Frieden! Denn was nett ist, darüber dürften sich alle einig sein, oder? – Zurück in die Realität: Wie mit den weniger oder überhaupt nicht netten Leuten umgehen? „Finde sie sympathisch!“ würde Ludwig G. Kosegarten (1758-1818, Gelehrter und Pfarrer) raten. Ups! Wie soll das gehen? Was versteht der denn unter sympathisch? Das ist weiter unten zu lesen. –
Normalerweise versucht man ja, einigermaßen aneinander vorbeizukommen. Wenn das aber nicht möglich ist – wie in der Kita „Regenbogen“ beim Feierabend-Treff, wo es plötzlich gar nicht mehr nett zuging. TOP „Sommerfest: Wann?“ wurde beraten, ein Papa sagte „Bitte nicht im Ramadan!“ – und los ging’s mit Beschwerden:
„Ständig sollen wir Rücksicht nehmen auf die Muslime! – Sind überhaupt zu viele hier! – Genau, es kommen bloß noch Ausländerkinder in die Kita! – Und nehmen den Deutschen Plätze weg! – Kein Wunder, die Politik macht ja auf Multi-Kulti und lässt alle rein! – Auf unsere Kosten, von unseren Steuern! – Dabei passen die einfach nicht hierher, total andere Mentalität, können kein Deutsch … Genau, und wir ziehn uns hier Islamisten heran! – Weil, die Araber wolln sich ja gar nicht integrieren! – Aber Kinder kriegen sie massenhaft … Die aus Afrika genauso! Was hat sich meine Luna-Lissy erschrocken, als der Negerbub, dieser Senap, sie einfach bei der Hand genommen und sein Kauderwelsch auf sie eingequasselt hat! – Ja, ‘s gibt bestimmt viel mehr Streit unter den Kindern von so viel Nationalitäten! Ich sag, höchstens 25% Migrantenkinder sollten erlaubt sein!“
Die Emotionen gehen hoch, manche Bemerkung kommt aus unterster Schublade. Aber jetzt meldet sich die Kita-Leiterin zu Wort: „Liebe Leute, bitte grade mal kurz durchatmen! Und schau‘n Sie einfach mal 2-3 Minuten Ihren Kindern zu!“ Da sind manche am Rumtoben, andere basteln oder malen still für sich, spielen oder turnen miteinander – alle bunt durcheinander. „Sehen Sie? Hören Sie? Unsre Kids verständigen sich alle irgendwie, auch wenn manche kaum Deutsch sprechen.“
„So läuft‘s im Fußball doch längst! Sind ja auch Türken und Schwarze usw. in unserer Nationalmannschaft!“ kommentieren zwei „bio-deutsche“ Mamas. – „Stimmt, die Kinder haben kein Problem mit Ausländer oder deutsch“ meint der syrische Papa „… wenn die Großen sie ihnen nicht einreden!“ ergänzen die Mamas. – „Mann, jetzt tut doch nicht so, als ob die Migranten und Asylanten nicht ne Riesen Belastung für unser Land wären!“ empört sich ein „bio-deutscher“ Papa. Etliche stimmen ihm zu.
„Liebe Leute“ ruft eine Vertreterin des Trägers, „wir brauchen hier zum Glück keine Politik zu machen. Wir müssen nur mit den Dingen, wie sie nun mal sind, möglichst konstruktiv umgehen. Und dazu haben wir für unsere Kita ein Leitbild: ’Alle Kinder, welcher Herkunft auch immer, sind gleich an Würde, an Wert, an Rechten. – Ebenso die Eltern und alle, die hier arbeiten. Wir respektieren uns gegenseitig und halten uns an dieselben Regeln.‘ Wenn also die unterschiedlichsten Kinder von klein auf miteinander spielen und auszukommen lernen, hilft das ganz viel zur Integration.“ –
„Seh ich genauso“, ergänzt eine Erzieherin. „Ich arbeite seit 40 Jahren im Kindergarten und hab ‘ne Menge Veränderungen mitgemacht. Inzwischen sind hier Kinder aus 14 Nationen, aber deshalb gibt‘s nicht mehr Streit. Klar, andere Probleme, doch mit denen können wir umgehn. „Ausländer“ sind schließlich auch ‘ne Bereicherung.“
„Die sind einfach Menschen wie wir alle! Mehr oder weniger nett, wir tun uns mit manchen leichter, mit anderen schwerer – genau wie mit „Bio-Deutschen“! Aber egal, wir müssen miteinander auskommen. Wir sind alle – Mitmenschen. Dieser alte Philosoph, dieser L.G. Kosegarten, hat doch Recht mit seiner „heiligen Sympathie“:
„Wir mögen sein, wer wir wollen: reich oder arm, vornehm oder niedrig, Christ, Jude oder Moslem … Wir mögen weiße, schwarze oder gelbe Haut haben, braune, kupferrote oder olivenfarbige: wie immer vom Äußern her und gleich ob alt oder jung: Wir sind alle einerlei Fleisch und Blut. Sind wir aber alle einerlei Fleisch und Blut, so haben wir auch alle einerlei Bedürfnisse! Einerlei Fühlen und Empfinden: Was dich schmerzt, das tut wahrlich auch deinem Nächsten weh. Und was dir Freude bereitet, das freut wahrlich auch deinen Mitmenschen. Von Natur ist der Mensch keineswegs nur voll Eigenliebe und Selbstsucht! Sondern er ist auch mitfühlend: mitfreuend und mitleidend. Es ist für jeden ganz natürlich zu lächeln, wenn er andere jauchzen hört. Und betrübt sich zu führen, wenn er andere weinen sieht. Dies ist die heilige Sympathie, die Quelle aller herzlichen Liebe. Beachtet jedoch auch dies: Es wird nichts von Euch gefordert, was Eure Kräfte übersteigt! Dass Ihr nicht so helfen könnt, wie Jesus half, ist einleuchtend. Denn ihm standen die Natur und die Elemente zu Gebote. Aber zu gering sollt Ihr Euer Können und Vermögen auch nicht veranschlagen! Auf tausenderlei Art könnt Ihr tätig Euern Nächsten Gutes erweisen, selbst wenn Ihr nur wenig besitzet. Es braucht gar nicht große Spenden, ruhmreiche Taten, um das höchst Gebot: das Gebot der Liebe, zu erfüllen! Sondern es braucht nur den guten, nach bestem Wissen und Können sich tätig erweisenden Willen.“ –
Ist das nicht ein prima Impuls in unserer so vielfältigen Gesellschaft? Für ein echt sympathisches Miteinander.
Ihre Verena Engels-Reiniger
Artikel der Kurseelsorge in Ausgabe Nr. 13 von „Bad Wurzach Natürlich. Informativ“ vom 20. Juni 2026
