Donnerstag, Januar 8, 2026
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Voll Liebe das Große im Kleinen annehmen wollen

Bild zeigt Stift, mit dem etwas geschrieben wirdLiebe Leserin, lieber Leser,

wie unsere Geschwister jüdischen Glaubens, so beten (wir) Christinnen und Christen „Groß ist der Herr“ – z.B. mit Psalm 145. Und (dort) weiter, „seine Größe ist unerforschlich.“ Dasselbe bekennen Muslime und Musliminnen: „Gott ist groß“. Auch Angehörige anderer Religionen stimmen darin überein; und, dass wir ihn nie groß genug denken können. „Gott ist je größer!“ bringt es Ignatius von Loyola auf den Punkt.

Vor Ehrfurcht staunen

Folglich gehört zum Kern jeder Religion das Staunen darüber, wie unerforschlich Gott in seiner Größe ist. So verstanden geht einem Menschen etwas Wesentliches ab, wenn er diese Haltung der Ehrfurcht nicht erlernt (nicht mit Angst zu verwechseln). Denn Ehrfurcht „macht das Herz froh“! (Jesus Sirach 1,12)

Aus Stolz wegdenken

Für Atheisten wiederum wäre solch eine Haltung undenkbar: „Weshalb ehrfürchtig vor Gott sein? Den gibt’s doch gar nicht!“ – Manch ‘einer’ vertritt diese Position voller Stolz, weil ‘er’ meint, so über jedem Glauben zu stehen. Damit hält man jedoch auch Gott selbst von sich fern. Einem Atheisten ist das aber nicht weiter unangenehm. Denn mit jemandem kommunizieren, den es nicht gibt, macht keinen Sinn. Wozu sich dann von ihm etwas sagen lassen? Gott wird hier also mit dem Verstand weggedacht.

An der Unfassbarkeit leiden

Auf der anderen Seite stehen dagegen immer wieder Menschen, welche daran leiden, dass Gott scheinbar nicht da ist: „Ist Gott auch für mich zuständig?“, fragte einmal ein junger Mensch, denn ‘er’ wusste nicht recht, ob ‘er’ zu Gott auch mit seinem Liebeskummer kommen dürfe. – Ganz ähnlich klingt das bei der Schriftstellerin Christine Lavant, in ihrem Gedicht „Es riecht nach Schnee“: „Ich weiß nicht, ob der Himmel kniet, wenn man zu schwach ist, um hinaufzukommen?“

Mit gutem Grund feiern

An diesen Kniefall des Himmels glauben jedoch (wir) Christinnen und Christen. Das ist für sie (uns) der Grund Weihnachten zu feiern: Nämlich, dass der Himmel, also Gott in seiner Größe, im Kind von Bethlehem auf die Welt gekommen ist. –

Ausschnitt aus Giottos Geburt Christi, in der Scrovegni-Kapelle, Padua (gemeinfrei aus Wikipedia)

Kelsos, ein Philosoph aus dem 2. Jh., bedachte diesen Glauben nur mit Spott. „Ihr Christen habt einen Gott, der in die Windel macht“ sagte er voll Häme, nicht wissend, wie Recht er hatte. Denn, so heißt es im Weihnachtsevangelium: „Das soll Euch als Zeichen dienen – Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt ist“. (Lukas 2,12)

Annehmen wollen

Mit anderen Worten: Der unerforschliche Gott hat die Größe, um in Jesus Christus so klein und hilflos zu werden, dass ihm nichts Menschliches mehr fremd ist. Er weiß: „Der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst und verdrängt, schwärmt und stillt, wärmt und erzählt, hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt, weil er lacht und lebt“ – und ihm etwas fehlt (Grönemeyer, Mensch). Genau deshalb schenkt sich Gott in unsere Hände; weil er diese Lücke schließen will. Das geht jedoch nur per Annahme. Die Frage ist, ob wir das wollen und so seine Liebe erwidern.

In diesem Sinn: Frohe Weihnachten und lassen Sie uns wollen – voll Liebe das Große im Kleinen annehmen!

Raimund Miller, Kurseelsorge


Artikel der Kurseelsorge in Ausgabe Nr. 25 von „Bad Wurzach Natürlich. Informativ“ vom 20. Dezember 2025