Wieso? Weshalb? Warum?

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 19, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 12. September 2018)!

Wieso? Weshalb? Warum?

Vor kurzem stöberte ich durch einen Klosterladen, als mir dort plötzlich ein Buchcover ins Auge stach und ich dachte: ′Cool’ und v.a. ′ist ja schon ewig her, dass ich die beiden das letzte Mal gesehen habe’ – Calvin und Hobbes. Dann habe ich den Titel gelesen und beigepflichtet: Stimmt, mit den Zwei lässt sich prima „philosophieren, über Gott und die Welt“. Also habe ich mir kurzer Hand das Buch gekauft (Zitate daraus entnommen).

Meine Entscheidung rührt daher, dass Bill Watterson, der Schöpfer von Calvin und Hobbes, die „beiden Hauptfiguren immer wieder über die großen Fragen des Lebens nachdenken“ lässt. Etwa, wo wir herkommen und wo wir hingehen – oder, weshalb wir auf dieser Erde sind? Was Calvin und Hobbes an Antworten liefern, lässt einen herzhaft lachen und dann wieder tief Ernst werden. Mir gefällt das.

Aber v.a. laden die Zwei (nicht nur) mich zum Nachdenken ein. Auf der einen Seite Calvin: Sechs Jahre, Grundschüler, loses Mundwerk, lässt Eltern und Lehrerin oft verzweifeln – verkleidet sich gern, spielt mit Pappkartons, liebt Schneemänner, schwärmt für seine Klassenkameradin – und stellt bewegende Fragen.

Die Herausgeber des Buches scheinen zu bezweifeln, dass ein 6jähriger das kann – nach dem Woher / Wohin des Menschen fragen. Da kann ich auf der einen Seite nur sagen: Unterschätzen Sie die Kinder nicht! Und auf der andern: Ich bewundere Erwachsene, wie den Zeichner dieses Comics, die es schaffen / geschafft haben, sich ihre Kindlichkeit zu bewahren. Ganz bewusst heißt es ja in der Bibel: Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder (vgl. Mt 18,3); zumindest für Christ/innen.

Das Kind Calvin wiederum hat einen besten Freund: Hobbes. Das Spannende an ihm: Während seine Umgebung ihn als Stofftiger sieht, ist er für Calvin echt, d.h. „aus Fleisch und Blut.“ Einer, mit dem er reden, kabbeln, diskutieren, lachen, streiten, Quatsch machen, wie auch traurig sein kann. Doch obwohl dieser Tiger menschliche Züge hat, ist er gern ein Tier. Menschen sieht er bisweilen ganz ′schön’ kritisch; vergleichbar dem englischen Philosophen Thomas Hobbes (1588-1679), seinem Namensgeber:

Calvin: Glaubst du an den Teufel? Du weisst schon, ein höheres böses Wesen, das sich der Versuchung, Korrumpierung und Zerstörung des Menschen verschrieben hat? Hobbes: Ich bezweifle, dass der Mensch dazu Hilfe braucht.

Weil diese Antwort des Tigers Calvin nicht gefällt, schließt er, dass man „mit Tieren über sowas … nicht reden“ kann. Was hier letztlich heißt: ‘Ich will nicht selbst für mein Tun verantwortlich sein’. – Seiner Auffassung nach muss er das auch nicht, da eh alles vorherbestimmt sei (von Gott); womit wir bei seinem ‘Patron’ wären, dem Theologen Johannes Calvin (1509-1564) und dessen Prädestinationslehre.

Thomas und Johannes konnten zeitlich bedingt nie miteinander reden. Tiger und Kind schon. Gegensätze ziehen sich hier eben an. „Calvin stellt dabei oft das radikale Element dar, wenn er aufgrund starker Überzeugungen … überraschende Schlussfolgerungen in … konkreten Fällen zieht. Hobbes erdet diese überschießende Energie immer wieder“, z.B. wie folgt:

(Calvin und Hobbes sitzen an einem Baum) Calvin: Warum glaubst du, sind wir hier? Hobbes: Weil wir hergelaufen sind. – Calvin: Nein, nein. Ich meine hier auf der Erde. Hobbes: Weil auf der Erde Leben möglich ist. – Calvin: Nein, ich meine, warum sind wir überhaupt da? Hobbes: Weil wir geboren wurden.

Genervt geben sie auf: „Vergiss es.“ (C) „Mach ich, vielen Dank.“ (H) – Keinem genügt, was der andere sagt. Dabei ist das total erhellend. Sie sprechen auf verschiedenen Ebenen und finden deshalb nicht zueinander. Wobei nicht viel fehlt. Es müsste nur einer fragen: Wie meinst du deins – konkret oder übertragen? Dann nämlich würde klar, Hobbes bewegt sich im Greifbaren, während Calvin das /den Ungreifbare/n im Sinn hat! Entsprechend stellen ihn die Antworten seines Freundes nicht zufrieden.

Ob (ihm) wohl meine Antwort ausreicht, warum ich glaube, dass wir hier sind? – Christlich gesehen, bietet sie jedenfalls einen Sinn: Wir sind ‘überhaupt da’, also ‘auf der Erde’, weil „Gott will, dass wir leben.“ Diese Antwort hat für Christ/innen ihren Grund v.a. in Jesus. Denn „in seinem Leben und Wirken … zeigt[e] er, wie Leben gelingen kann: im Dienst am Anderen, im Miteinander, im vertrauensvollen Einlassen auf dieses »Ja« Gottes.“ – D.h., dieses Sinnangebot will mit Christus erklären, warum ich hier bin.

„Doch niemand wird mir die Aufgabe abnehmen, die Stimme meines Herzens zu befragen“, ob das für mich auch schlüssig ist. „Aber diese Auseinandersetzung … ist wichtig. Ich selbst muss in die Rolle [von] Hobbes schlüpfen und meine … Antwort formulieren“: Z.B. beim Glaubensbekenntnis im Gottesdienst. Wir beten es gemeinsam, aber jede/r muss für sich sagen können: Ich glaube. – Dasselbe gilt für die Vernunft (was nicht heißt, Glaube wäre unvernünftig). Ich muss die Frage nach dem Wieso, Weshalb und Warum selber nachvollziehen, damit ich verstehe/n lerne. Nur so wird das Leben sinnvoll.

In diesem Sinn: Allen erwachsenen ‘Kindern’, dass Sie und ich nie aufhören uns den Fragen und Antworten des Lebens zu stellen; allen heranwachsenden, dass Ihr (wieder) gut und gerne in den Lernort Schule/Betrieb startet; und v.a., dass der ‘Calvin und Hobbes’ in uns sich nicht verlieren: denn Vernunft braucht einen Glauben, der sie beflügelt – und Glaube einen Verstand, der ihn erdet.

Raimund Miller, Kurseelsorger

 

ps: Das Buch (Leseprobe, klick hier =>) „Philosophieren über Gott und die Welt – mit Calvin und Hobbes“ ist im Herder-Verlag erschienen und im Buchhandel für 14,00 € erhältlich. pps: Mehr über Johannes Calvin am 13.09., 19:30h, Kurhotel.