Wenn Liebe den Tod überwindet

Wenn Liebe den Tod überwindet …so lautet der Titel des Kurseelsorge-Artikels in Ausgabe Nr. 03 der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 31. Januar 2018.  – Gute Lektüre!

Bild von 1780, gemalt von Naumanns Bruder Friedrich Gotthard

Kennen Sie Johann Gottlieb Naumann? – Ich kannte ihn nicht bis ich bei Wikipedia „über ihn gestolpert“ bin. Der Blick auf ihn lohnt sich, denn er war ein sehr produktiver Komponist. Seinem Schaffen habe ich zu verdanken, dass ich auf ein spannende „Sache“ gestoßen bin. Nämlich auf die Geschichte von Orpheus und Eurydike. Naumann hat sie genau heute, am 31.01. (1786) in Kopenhagen auf die Bühne gebracht. – Ich vermute, dass ihn Monteverdis Werk „Orfeo“ dazu inspirierte; denn Naumann liebte Italien wie die dortige Oper und den Orpheus-Mythos. Weshalb? Weil dieser von der Macht der Musik und der Liebe erzählt:

Ursprünglich

„Orpheus ist [der] Sohn des Gottes Apollon und der Muse Kalliope. Er wird durch seinen Vater im Leierspiel und im Gesang unterwiesen. Seine Musik entwickelt besondere Kraft: Steine und Bäume bewegen sich, Flüsse stehen still, wilde Tiere lagern sich zahm um ihn. Seine Frau Eurydike stirbt unter ungeklärten Umständen und gelangt in den Hades. [Orpheus] geht ihr nach[,] bezaubert die Herrscher der Unterwelt [und] bekommt die Erlaubnis, mit seiner Geliebten auf die Erde zurückzukehren“ (Hawel). Am Ende wird der Tod besiegt durch die Kraft von Liebe und Musik.

Ein wunderbarer Gedanke, den die griechische Urversion dieses Mythos in sich trägt: Der Tod hat gegen Musik und besonders gegen Liebe keine Chance!

Menschlich

Schön, wenn es so einfach wäre, denke ich und frage mich, wer eigentlich garantiert, dass dem so ist? – Nicht umsonst wurde der Mythos doch bereits kurz nach seiner Entstehung entscheidend erweitert: „Orpheus darf sich beim Verlassen der Unterwelt nicht nach seiner Frau umdrehen – bis sie das Tageslicht erreichen.“ Aber das Unvermeidliche geschieht, weil er ein Mensch ist: Orpheus bricht das Verbot, dreht sich um und verliert Eurydike – zum zweiten Mal, d.h. für immer. Mich erinnert das an Lot in Genesis 19; mit dem Unterschied, dass Lot seine Frau verliert, weil sie sich umdreht.

Eine schreckliche Vorstellung, die diese Erweiterung mit sich bringt: Ein Dreh und alles ist aus. Der Tod hat gewonnen und keine Menschenmacht der Welt kann es verhindern.

Christus als Orpheus (Fresko, Marcellinus-Petrus-Katakombe, Rom, 4. Jh.)

Christlich

Wie vorhin, denke ich auch hier “so einfach ist das nicht”; weil mein Glaube es mich anders lehrt: Menschlich betrachtet hat der Tod zwar das letzte Wort – bei Gott jedoch nicht! Davon waren schon frühe Christ/innen überzeugt: Nämlich, dass dieses „Thema des Mythos auch das innerste Thema des Evangeliums ist.“ Mit anderen Worten: „Der Spielmann Gottes, [also] Christus, liebt Eurydike, [d.h.] die dem Tod verfallene Menschheit. Auch ihn treibt die Liebe, hinabzusteigen in die Unterwelt: Er wird Mensch und geht in den Tod“ (Zulehner).

Eines allerdings unterscheidet die zwei: Christus schaut sich nicht um. Er geht seinen Weg “rücksichts-los”. Er kann das, weil er Gott ist – und schafft es auf diese Weise „seine geliebte Eurydike-Menschheit zurückzusingen in das Land des Lachens, der Hoffnung und der Auferstehung“.

Entsprechend wundert mich auch nicht, dass frühe Christ/innen Darstellungen von Orpheus bei den Gräbern ihrer Verstorbenen anbrachten; wie z.B. in der römischen Marcellius-Petrus-Katakombe (siehe Bild unten). Sagten sie doch damit an Orten des Todes: Du, Tod, hast nicht das letzte Wort!

Voraussichtlich

Das klingt wie eine Voraussicht auf das, was kommt: Die Fasnet mit Lachen und Feiern; den Aschermittwoch samt seinem „bedenke Mensch, dass du Staub ist“; und schließlich Ostern, d.h. Auferstehen. – In diesem Sinn wünsche ich uns, dass wir es schaffen, diese drei Stränge zusammenzubringen: Die Liebe, den Tod und den Glauben; weil nur ihr Miteinander, also die Komposition uns voranbringt im und zum Leben.

PR Raimund Miller

 

PS: Wenn Sie noch mehr über Orpheus erfahren möchten, dann herzliche Einladung zu – Mythos, Glaube und Musik: Orpheus. Themenabend mit Auszügen aus einer Tanz-Oper (Gluck / Bausch) und Vortrag – heute, 31.01., 19:30 Uhr, im Kurhotel am Reischberg.