Wenn das Neue im Alten beginnt

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 01, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 02. Januar 2019)!

Wenn das Neue im Alten beginnt – Gedanken zum Anfang

Wann beginnt eigentlich das neue Jahr? Einfache Frage. Am 01.01. Wann sonst? – Bei alten Kulturen begann es meist im Frühling. Das leuchtet ein, weil das Leben an die Natur gekoppelt war. Geprägt einerseits von Dunkelheit und Kälte, andererseits von Licht und Wärme. Hier Ende und Ausklang. Da Anfang und Aufbruch. Entsprechend wurde in vielen Naturvölkern empfunden: Mit dem Frühling fängt das neue Jahr an. Aber nicht mehr bei den Römern. Die sagten 153 v. Chr.: Das Jahr beginnt, wenn die Konsuln ihr Amt antreten, also am 01.01.!

Wieder anders war und es ist im hebräischen Denk- und Sprachraum: Dort werden im Herbst die „Zehn Tage der Umkehr“ gefeiert. Ein Übergang, sinngemäß, vom 6. auf den 7. Schöpfungstag, oder von der Arbeit zur Ruhe. Eine Zeit, in der Versöhnung (Jom Kippur) und Neuanfang des Jahres (Rosch ha-Schana) liegen. D.h. Ersteres, also versöhnt werden, Ruhe finden und damit Friede (Shalom), schließt das Alte ab; zieht Bilanz, hilft, unbeschwert in Neues hineinzugehen, einen neuen Durchlauf zu wagen. Erst dann kann das neue Jahr wirklich beginnen – im Herbst.

Es lohnt sich, dem gedanklich nachzugehen, was für Menschen im Judentum Anlass gewesen sein könnte, das Jahr im Herbst anzufangen: Vielleicht war es die Erkenntnis und das Gefühl, dass wir vor aller neuen Aktivität zuerst Ruhe brauchen; dass wir (gleich der Natur) bevor wir wachsen, uns entfalten und aktiv sind, uns erst einmal zurückziehen, nach innen gehen, um die Felder brach liegen zu lassen. – So wie mit dem Wechsel von einem Jahr auf das andere, verhält es sich, jüdisch gedacht, mit jedem einzelnen von unseren Tagen: Sie beginnen mit dem Abend. Nicht mit dem Kommen des Lichtes; nicht nach der Nacht, wo Kraft und Lebendigkeit in uns zurückgekehrt sind. Sondern mit der Dämmerung, dem Feierabend beginnt jeder Tag. Genauer: mit dem Auftauchen der ersten drei Sterne am Himmel. D.h., zuerst kommt das Loslassen, bei sich sein, zur Ruhe kommen – und dann, aus dieser heraus, entwickelt sich Aktivität und neuer Tatendrang.

Es ist eine schöne Vorstellung, den Tag mit dem Aufatmen zu beginnen und die Hände in den Schoß legen zu dürfen. Ruhen vom Tagwerk als Anfang, das ist ein klarer Akzent. Denn d.h., erst Empfangen, dann Tun. Theologisch formuliert: Zuerst Evangelium, dann Gesetz; Hingabe vor Aufgabe; oder um es mit Jesaia (30,15) zu sagen: „Nur in Umkehr und Ruhe liegt eure Rettung, nur Stille und Vertrauen verleihen euch Kraft.“ – Stellt sich die Frage, ob wir das wollen? Oder ob wir sagen: „Auf Rennpferden wollen wir reiten“; um bei Jesaias Wortwahl zu bleiben. Auch wenn das hieße, außer Acht zu lassen, dass selbst das schnellste Pferd erst der Ruhe bedarf, um in ein Rennen gehen zu können.

Schenken wir dem Gesagten Beachtung, merken wir: Das macht Sinn. Und es kommt vertraut vor – weil dieses jüdische Denken nichts anderes ist, als die Wurzel unseres christlichen Glaubens. Aus dieser ist uns bspw. der Sonntag erwachsen. Doch selbst wenn das eine Unterscheidung zum Sabbat bedeutet, so ist eines geblieben: Nämlich, dass auch der Sonntag mit dem Vorabend beginnt. Und: mit ihm endet nicht die alte, sondern beginnt jede neue Woche. Ganz ähnlich das Jahr. Wie jeder Tag und jede Woche, geht es los mit einer Ruhephase. Christlich gesprochen ist der Advent genau das. Eine stille Zeit, damit ankommen kann, was ankommen soll: Gott in uns, wir in ihm – und schließlich wir bei uns selber.

Nicht umsonst ist der Herbst zuvor geprägt von (Ernte)Dank und Vergänglichkeit; der November durch Allerheiligen/-seelen, Volkstrauer, Reformation, Buße/Gebet – und von Ewigkeitssonntag bzw. Christkönig als Jahresschluss. Denn in dieser Weise erleben wir eine wirkliche Zäsur und können dadurch neu beginnen. In aller Ruhe. Jedoch nicht ins Nichts hinein. Beruhigend. Denn der Schlusspunkt zeigt uns bereits das Neue; dass es von Ewigkeit her ist; und, dass es uns hier auf Erden König sein will;  von Anfang bis Ende – und darüber hinaus.

Und wenngleich wir dieses neue Jahr wie sonst auch mit dem 01. Januar begonnen haben, wünsche ich uns, dass wir es nicht wie ein Rennpferd davongaloppieren lassen; und dass wir die Kraft haben, bei allen Anfängen, die es uns bringt, zu handeln wie Beppo Straßenkehrer aus Momo: „Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, immer nur an den nächsten Schritt, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude… Und so soll es sein.“

Ein gutes Jahr 2019 und Gottes Segen,

Ihr Raimund Miller

Interessant: Wann beginnt das Neue?

Jeder neue Tag beginnt am Abend des alten, wenn die ersten drei Sterne am Himmel auftauchen. –

So haben das, vor mehr als 2000 Jahren, auch drei Magier aus dem Osten gesehen; und sind aus dem Alten heraus dem Stern gefolgt, um den Neuen (König) zu grüßen.

In diesem Sinn: Seien Sie herzlich eingeladen, es den drei Magiern nachzutun und kurz vor´m alten Weihnachtstermin den Stern von Bethlehem neu zu entdecken: Am Freitag, 04. Januar, 19:30 Uhr, im Großen Hörsaal der Rehaklinik, mit Günther Höhne vom Sternentheater Laupheim.