Wenn Christus selbst durch Ort und Flur zieht

Wenn Christus selbst durch Ort und Flur zieht …so lautet der Titel des Kurseelsorge-Artikels in Ausgabe Nr. 11 der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 23. Mai 2018.  – Gute Lektüre!

 

Wenn Christus selbst durch Ort und Flur zieht …dann ist für Christinnen und Christen katholischer Profession ‘Fronleichnam’. Sie/ wir begehen an diesem Datum (heuer dem 31. Mai) das „Hochfest des Heiligsten Leibes und Blutes Christi“. Anders gesagt: Zehn Tage nach Pfingsten wird hier die wirkliche Anwesenheit von Christus in der Eucharistie gefeiert.

Aber das ist doch in jeder Eucharistie „Gegenstand der Anbetung“ und der Grund sie zu feiern: „Die Realpräsenz Christi“?!

Stimmt, dass Christus wirklich da ist, ist der Grund Eucharistie zu feiern – Danksagung, von griechisch ‘Eucharistía’. D.h. die/wir Gläubigen danken Gott dafür, dass er sich hingegeben hat/hingibt – in seinem Sohn; und dass er Gemeinschaft gestiftet hat/stiftet – mit sich und unter uns – in der Kommunion.

Dieses ‘echte Dasein Gottes’ geschieht wiederum durch ihn selbst (immer dann, wenn die Einsetzungsworte gesprochen werden und der/die einzelne Gläubige sie annimmt). Sprich: ER ist es, der handelt und wandelt – auf der einen Seite Brot und Wein, zu Leib und Blut seines Sohnes, auf der anderen Seite uns.

Was ER wandelt, ist das Wesen/die Substanz, nicht das Material/die Akzidenz. So bleibt z.B. das Brot ‘materiell’ Brot. Sein Wesen dafür ändert sich, wird zu Christus. Und wer IHN sich dieser Gestalt ‘einverleibt’, wird aufs Engste mit IHM verbunden und ebenfalls verwandelt. Manche Theologie spricht deshalb hier von Wesensverwandlung (Trans-Substantiation).

Tabernakeltür, St. Verena Bad Wurzach

Weil katholisch gesehen diese Wandlung dauerhaft ist, bleibt das Brot ‘wesentlich’ Christus und wird deshalb im Tabernakel aufbewahrt – im ‘Zelt’/ der ‘Hütte’, je nach Bibelübersetzung.

Von seinem Ursprung her ist dieses Zelt „Gottes Heimstätte auf Erden“. In ihm „wurden die Gebotstafeln Moses (als Allerheiligstes) aufbewahrt und auf den Wanderungen des Volkes Israel mitgeführt“; was mich u.a. am Tabernakel von/ in St. Verena beeindruckt – diese Verbindung mit den Zehn Geboten (s.Bild).

Neben diesem ‘Rückgriff’ ist ein Tabernakel immer auch ein ‘Ausblick’ – weil er Bezug auf das himmlische Jerusalem nimmt. Um es in den Worten der Offenbarung (21,3) zu sagen: Ein Tabernakel ist „das Zelt Gottes bei den Menschen.“ – Und was heißt das alles im Zusammenhang mit Fronleichnam?

Fronleichnam erhielt seinen „besonderen Charakter durch die Prozession“. Denn: „Zum Ende des Osterfestkreises symbolisiert sie den christlichen Lebensvollzug, das gläubige „Wallen“, das Ziehen durch die Zeit, dem ewigen Vater entgegen. Es ist die Heimkehr der Kinder Gottes in das Himmlische Jerusalem.“

Und das Schöne daran ist sozusagen das Schöne darin, also Christus: Weil er selbst in „Gestalt der geweihten Hostie durch Stadt, Flur und Wald“ mitzieht. Mit anderen Worten: Gott wird hier sichtbar, indem er das Heilige/Fanum verlässt und sich in das hineinbegibt, was sich ‘davor’ befindet, das Profane.

Dass er das tut – auf uns zu geht – dafür spricht schon sein Name: Ich-bin-der-ich-bin-da (von hebräisch, Jahwe). Wie, das sagen uns die mittelhochdeutschen Worte ‘Vrône lîcham’: Nämlich ‘in des Herren Leib’, getragen in der Monstranz, begleitet vom ‘Tragehimmel’. – Der Letztere ist ursprünglich ein Zeichen der Herrschaft. Die Erstere will zeigen, de-monstrieren.

Folglich lautet die Frage an und mit Fronleichnam: Lasse ich mich darauf ein, dass Christus mir sich selbst zeigen will? Schaffe ich es zuzulassen, dass ER mein Leben beherrscht? Nehme ich IHN an und in mir auf, so dass ER durch seine Wandlung auch mich verwandelt? Und wie geht das jeweils?

Ich denke, indem ich mitziehe, ja mich von IHM mitziehen lasse – jeden Sonn/Tag und besonders an einem Fest wie Fronleichnam; und derart, dass ich mich an IHM orientiere – an seinen Geboten und seinem Leben. Folgendes Gebet aus der Gemeinde Ruhmannsfelden mag uns dabei Hilfe und Begleitung sein:

Auferweckter Herr, Du bist allezeit mit uns unterwegs. Du gehst all unsere Wege mit, aber oft erkennen wir dich nicht. Nimm uns das alte Gewohnheits-Herz, gib uns ein neues Überraschungs-Herz.  Lass uns die leisen Zeichen deiner Gegenwart erspüren: dass du da bist, wenn wir unterwegs miteinander unsere Not ausreden, wenn wir dich suchen in den Schriften, wenn wir einander Gastfreundschaft gewähren und unseren Glauben an dich einander mitteilen. Lob sei dir und Dank, Mitgeher unseres Glaubens, jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Raimund Miller, Kurseelsorger