Warum Weihnachten?

Warum Weihnachten? …so lautet der Titel des Kurseelsorge-Artikels in Ausgabe Nr. 26 der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 20. Dezember 2017.  – Gute Lektüre!

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Warum Weihnachten?“ Diese Frage versteht sich doch von selbst! Oder gerade nicht? Für viele ist Weihnachten halt Tradition: Genieß einfach die angenehmen Seiten davon. Der Sinn? Der Grund für dieses Fest? Interessiert dann kaum. Und versteht sich in unserer säkularen, zugleich multireligiösen Welt keineswegs mehr von selbst. Deshalb hier für alle, die Grund und Sinn gern auch in eine Geschichte verpackt mögen, hier „Die Harfe“

…oder „Warum wurde Gott Mensch?“
Manchmal sagt man voller Überdruss: „Ach, das ist doch immer die alte Leier! Ich kann’s, ich will‘s nicht mehr hören!“ – Mit Weihnachten würde man das nie in Verbindung bringen, nicht wahr? Doch lassen Sie sich erzählen…

In das große Schloss war eben eine neue Herrschaft eingezogen. Die wollte nun alles in ihrem Sinne neu ordnen. Dabei stieß man auf eine Harfe. Ihr Lack war abgeblättert, die farbige Bemalung unter der Staubschicht kaum mehr erkennbar, und man sah tiefe Risse im Holzrahmen: Sie musste irgendwie zu Schaden gekommen sein.

„Mit der ist nichts mehr anzufangen!
Weg damit!“, meinte der Schlossherr. Doch die zwei ältesten Diener, die schon lange unter der früheren Herrschaft gedient hatten, erhoben Einspruch: „Mit Verlaub, Herr, es handelt sich ursprünglich um ein sehr wertvolles Instrument! Von kundiger Hand gespielt, hat sie einst Hallen und Gemächer mit herrlichsten Klängen erfüllt…“ – „Nun ja, das war einmal“, antwortete der Herr. „Ihr seht selbst, dass diese Harfe völlig aus dem Leim gegangen ist, die meisten Saiten sind gerissen, viele Wirbel abgebrochen“ – „Ja, leider!“ antworteten die Diener.

 „Aber es würde sich lohnen…
sie zu reparieren: sie ist es wert!“ Der Schlossherr willigte ein, weil gerade diese Diener sich bisher sehr bewährt hatten. Ein Kunstschreiner machte sich ans Werk, ein angesehener Restaurator, dann noch ein Sachverständiger für Saiteninstrumente: Die Harfe sah schließlich prächtig aus, als sei sie völlig wieder hergestellt.  So war die Herrschaft gespannt, wie sie klingen würde. Sie bestellten einen guten Harfenisten ins Schloss.

Doch welche Enttäuschung
…als dieser die Harfe erprobte! Kaum hatte man einige Takte schöner Musik vernommen, mischten sich störende Dissonanzen ein. Zwischen harmonischem Wohlklang erschreckende Missklänge, mal untergründig, mal jede Melodie übertönend. Der Harfenist mühte sich wieder und wieder, das Instrument zu stimmen – vergeblich! Die Diener horchten verstört, die Herrschaft voll Unmut. Dabei war klar: Bei dem Spieler hatte es nicht an Kunst und Einsatz gefehlt. Er war zutiefst verwirrt und betroffen. Der Schlossherr jedoch sagte: „Schuld seid nicht Ihr –

das Instrument ist schuld!
Alle Mühe der besten Handwerker war umsonst. Ich lasse es hinauswerfen!“ „Oh, tut das nicht!“ rief der Künstler. „Diese Harfe ist wahrlich kostbar! Nur muss der Schaden viel tiefer liegen!“ „Aber welchen Sinn sollte es haben sie  aufzubewahren?“ – „Ach, vielleicht findet sich doch einmal jemand, der sie zu heilen vermag.“ – So wurde die Harfe in eine Ecke der Halle gestellt.

Jahre später klopfte es eines Abends
an die Pforte des Schlosses: Ein alter Mann begehrte gastliche Aufnahme. Die Schlossherrschaft war misstrauisch: Keiner kannte ihn, und er selbst mochte nicht sagen, woher, wohin… Da man den Alten in der Winternacht nicht draußen lassen wollte, bereitete man ihm in der  Halle ein Lager, damit er unter Aufsicht der Bediensteten sei. Sogleich erblickte er die Harfe und bat, auf ihr spielen zu dürfen. Die alten Diener erzählten ihm ihre Geschichte. „Der Schaden liegt zu tief!“ – „Ich möchte…

sie dennoch in die Hand nehmen“
…erwiderte der Greis. Von Stund an beschäftigte er sich hingebungsvoll mit ihr. Am dritten Tag ertönte auf einmal Musik in der Halle… Es war der Alte, der in die Saiten griff: Ohne Missklang, ohne jede schmerzliche Dissonanz durchzogen die, Klänge und Melodien das Schloss so wunderschön in reiner Harmonie, dass alles atemlos lauschte.

Auf die staunenden Fragen antwortete der Greis: „Ich sollte diese Harfe nicht heilen können – ich, der sie vorzeiten selbst erschaffen hat?!“

In dieser Geschichte ist eine Antwort auf die Titel-Frage angedeutet: Der Mensch,  das ursprünglich kostbare Instrument, aber längst nicht mehr rein und harmonisch gestimmt…Gott kennt den tiefen Schaden. Er nimmt sich seiner geliebten Schöpfung hingebungsvoll an. So dass unser Leben neu erklingt als Lied voll Freude – „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!“

Die wünscht Ihnen sehr,

Pfn. Verena Engels