Vorfreude ist die beste Freude

…so lautet der Titel des Kurseelsorge-Artikels in Ausgabe Nr. 24 der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 22. November 2017.  – Gute Lektüre!

Vorfreude ist die beste Freude – finden Sie nicht auch, Liebe Leserin, lieber Leser?

Bei mir passierte es Anfang November. Irgendwer hatte gesagt „Sind ja nur noch acht Wochen bis…“ – und da kam sie, die Vorfreude auf Weihnachten! Kam als Melodie:

„Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud“. Vielleicht kennen Sie das Lied auch aus Kindertagen? Klingt so verheißungsvoll, weckt frohe Erwartung. Stimmt ein auf Advent, diese besondere Zeit… Aber – man hört es heute gar nicht mehr. Scheint ja auch naiv, „Vorfreude auf Weihnachten“! Den Kindern wollen wir sie gönnen. Aber als Erwachsene meinen wir’s besser zu wissen. Darum ist, was man allzu oft hört, ein Seufzer:

In was für Zeiten leben wir bloß??? 

Alles andere als freudig klingt das. Klingt erschüttert. Erschüttert von schlimmen Nachrichten. Empört über skrupelloses Lügen und Betrügen so oft dort, wo Macht und Geld angehäuft sind. Entsetzt über schreiendes Unrecht gerade an den Schwächeren. Zutiefst besorgt über bedrohliche Entwicklungen unserer Zeit: Terror und Anschläge, vor denen man nirgends sicher ist. Der Klimawandel. Wie die Kluft zwischen Arm und Reich sich vertieft. Dass immer mehr Menschen weltweit zur Flucht getrieben werden durch schreckliche Umstände. Und so weiter… In was für Zeiten leben wir bloß?! Tatsächlich hat man zu allen Zeiten so gefragt. Hat gemeint, die eigne Zeit sei schlimmer als alle zuvor.

Nicht verharmlosen will dieser Hinweis. Aber relativieren, ja wohl: Die Perspektive erweitern! Denn bei all den Negativschlagzeilen gerät aus dem Blick, wieviel guten Fortschritt es gab und gibt, auf vielen Ebenen unseres Lebens! Wie viele positive Entwicklungen und Chancen in Sachen Gesundheit, Bildung, Schutz vor Naturgewalten, Recht und demokratischem Zusammenleben. Der Mensch hat den Hang, auf die finstere Seite der Realität zu starren. Den bedienen die Medien eifrig. Weit überproportional bringen sie Meldungen von Unglück, Konflikten, Schwierigem. So dass man glaubt, die Welt sei vor allem gefährlich, sei schlecht. Und das tut uns gar nicht gut.

Deshalb grad zum Trotz – mag‘s für naiv halten, wer will – aber es gelten doch auch ganz andere Zeiten:

Advent, Weihnachten, die Jahreswende. Sie bewusst zu erleben tut gut. Diese drei besonderen Zeiten liegen nah beieinander, überschneiden sich sogar: Während mit dem 1. Advent das neue Kirchenjahr beginnt, geht im Dezember das Kalenderjahr zu Ende – merkwürdige Gleichzeitigkeit! Die könnte einen fragen lassen:

Was ist an der Zeit?

Und dies nun nicht global oder gesellschaftlich, sondern ganz persönlich gefragt: Was ist für mich, für mein Leben an der Zeit? Dazu eine Anregung von Anselm Grün (aus „Heilendes Kirchenjahr“): Nimm das Charakteristische jeder Jahreszeit, ob von der Natur oder christlich-kirchlich geprägt, als Impuls für Dein Suchen, den Blick auf Deinen Lebensweg. Da wäre im Advent die Sehnsucht, das Warten auf eine Wende zum Guten, vielleicht unter Leiden und Zweifeln, jedoch mit einer göttlichen Verheißung…

Weihnachten dann die Erfüllung – aber so anders als erwartet…

Gott als Mensch zur Welt gekommen, auch Dir ganz nah… in der Armut, der Bedürftigkeit Deines Lebens – überraschend beschenkt… Der Friede, Wunsch und Aufgabe… Und, dass Menschsein bedeutet, Kindsein und Kinder zu bejahen. –  Schließlich Silvester und Neujahr: Du erinnerst teils dankbar, teils mit Bedauern; ziehst Bilanz; es gilt manches abzuschließen und neu zu beginnen…

Die drei besonderen Zeiten hat Uwe Seidel poetisch ‘verdichtet‘ unter dem Titel „Bethlehem“. Lass Dich mitnehmen. Verweile dort – und dann mit neuem Mut…

 Ich habe mich auf den Weg gemacht. Wie die Sterndeuter suchte ich nach dem einen besonderen Stern am dunklen Himmel. Wie die Verzweifelten suchte ich nach einem Funken Hoffnung in dieser Welt. Wie Menschen in der Verlorenheit suchte ich nach Geborgenheit, einem Zuhause.  Ich suchte – und fand: einen Blick voll Verstehen. Ein offenes Ohr. Eine Hand, mir hingestreckt. Einen Mund, der Ja sagt zu mir. Ich fand nach langem Suchen – Gott. Ganz einfach, nicht mächtig, nicht prächtig. Bescheiden, alltäglich, als Kind in der Krippe, das mich als Menschen sucht – mit einem Lächeln durch die Zeiten… Das erreichte mich in meinen Dunkelheiten. Gott fängt ganz klein an. Auch bei mir.

Gute Zeit(en) wünscht Ihnen,
Verena Engels