Vermutlich nicht sehr viele

Vermutlich nicht sehr viele …so ist das Interview von Patrick Müller mit mir in der aktuellen Ausgabe des Südfinders überschrieben. Ein Gespräch über Pfingsten, christliche und muslimische Feiertage – und den Heiligen Geist.

Dank Pfingsten dürfen sich viele Arbeitnehmer auf ein langes Wochenende freuen. Oft ohne zu wissen, was an Pfingsten eigentlich gefeiert wird. Bad Wurzachs Pastoralreferent Raimund Miller erklärt es im Interview mit dem SÜDFINDER. Außerdem sagt er, was das immer größere Nichtwissen für die Kirche bedeutet und wie er zu muslimischen Feiertagen steht.

 

72 Prozent der Baden-Württemberger (Stand 2011) gehören einer der beiden großen christlichen Konfessionen an. Was schätzen Sie, wie viele davon wissen, was an Pfingsten gefeiert wird?

Ich weiß es nicht, aber vermutlich nicht sehr viele. Ich habe gerade zu Fronleichnam recherchiert und bin dabei auf ein entsprechendes Video der Süddeutschen Zeitung gestoßen. Darin konnten nur wenige der Gefragten sagen, was an diesem Tag gefeiert wird. Bei Pfingsten dürfte es ähnlich sein.

Um diesen Zustand etwas zu verbessern: Können Sie in maximal drei Sätzen erklären, was an Pfingsten gefeiert wird?

An Pfingsten feiern wir den Geburtstag der Kirche, sowie die Sendung und den Empfang des Heiligen Geistes. Außerdem ist Pfingsten der Abschluss der Osterzeit, genau 49 Tage nach Ostersonntag. Daher auch der Name „der fünfzigste Tag“, der sich vom altgriechischen „pentecoste“ ableitet.

Wer oder was ist denn der Heilige Geist?

Gute Frage (lacht). Für mich ist es eine Kraft, die auch in der Bibel nur umschrieben wird. Es gibt dort keine Aussage, der Heilige Geist ist das oder das. Die Anfänge des Begriffes liegen schon in der Schöpfungsgeschichte, weswegen es für mich auch eine schöpferische Kraft ist. Es ist die Verbindung, die uns Gott zwischen ihm und uns gelassen hat. Interessant ist auch, dass man immer von dem Heiligen Geist spricht, obwohl der Begriff im Hebräischen weiblich ist.

„Wenn wir die Feiertage zweckentfremden, verdienen wir sie nicht mehr“, lautet in Zitat des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick. Hat er Recht? Gehören Feiertage wie Pfingsten oder Himmelfahrt, von denen die meisten nicht mehr wissen, warum sie gefeiert werden, abgeschafft?

Die Aussage des Bamberger Erzbischofs wirft bei mir die Frage auf, ob Feiertage überhaupt verdient werden können? Die Antwort darauf möchte ich jedem selbst überlassen. Aber eins ist für mich klar: Feiertage gehören erhalten und die Aufgabe von uns als Kirche sehe ich darin, Menschen wieder nahezubringen, was an diesen Tagen gefeiert wird. Und das in einer Sprache, die sie verstehen und die ihren Alltag betrifft.

Das Grundgesetz bezeichnet die Feiertage als besonders geschützte Tage „der seelischen Erhebung“. Müsste man dann die Feiertage nicht der veränderten Gesellschaft anpassen und auch muslimische Feiertage in den Kalender aufnehmen?

Für mich heißt das zunächst: Auch wenn ich kein Christ wäre, könnte ich die freien Tage ja trotzdem zur individuellen seelischen Erhebung nutzen. Von dem abgesehen ist meine Sorge aber eher, dass irgendwann christliche Feiertage abgeschafft werden, weil die Gesellschaft sich immer mehr von Kirche und christlichem Glauben entfernt. Wofür dann selbstverständlich wir und nicht der Islam oder die Muslime verantwortlich wären. – Die eigentliche Diskussion über muslimische Feiertage ist meiner Meinung nach in der derzeitigen, aufgeheizten Stimmung nur schwer möglich. Dafür müsste sich in den Köpfen noch viel ändern – und zwar auf allen Seiten. Viel wichtiger als muslimische Feiertage finde ich, dass man versucht, sich gegenseitig besser zu verstehen.

Zum Abschluss: Wenn die christlichen Feiertage in einer Tabelle nach der Wichtigkeit geordnet wären – auf welchem Platz wäre dann Pfingsten?

Würde man diese Frage öffentlich stellen, vermutlich eher im hinteren Bereich. Dabei gäbe es ohne Pfingsten gar kein Weihnachten und Ostern. Auch wenn das im Bewusstsein oft nicht so verankert ist: Nur wegen Pfingsten glauben wir an das, was sich an Ostern und Weihnachten ereignet hat.

 

Infokasten: An Pfingsten wird die, von Jesus angekündigte, Entsendung des Heiligen Geistes gefeiert. Laut der Apostelgeschichte wurden die versammelten Jünger bei ihrer Zusammenkunft, nachdem sie sich nach Ostern zerstreuten, vom Heiligen Geist erfasst und konnten plötzlich in fremden Sprachen reden, so dass alle Anwesenden das verstanden, was ihnen der Geist eingab. Vereinfacht gesagt also der Beweis, dass Jesus, die Wahrheit gesagt hat, wirklich göttlich ist und damit auch die Geburt der Kirche als Glaubensgemeinschaft.

 

Danke an Patrick Müller fürs Interviewen und für die Abdruckgenehmigung.

Allen Leserinnen und Lesern frohe wie gesegnete Pfingsten!

Raimund Miller