Nicht bange machen lassen

Nicht bange machen lassen“ …so lautet der Titel des Kurseelsorge-Artikels in Ausgabe Nr. 14 der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 04. Juli 2018.  – Gute Lektüre!

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

das ist in heutigem Deutsch, würd ich sagen, ein 11. Gebot. Sie kennen bestimmt noch andere, die je nach Situation als 11. deklariert werden. Doch in der Bibel steht für jeden Tag im Jahr 365 x „Fürchte dich nicht!“/ „Fürchtet euch nicht!“

Gott hat gut reden ! werden Sie denken, bei den ständigen Meldungen von Anschlägen und Gewalt: Schrecken, Trauer, Wut jedes Mal. Doch allmählich gewöhnt man sich ans Erschrecken: Abstumpfung – oder psychischer Schutzmechanismus? Denn wer kann jedes Mal echte emotionale Anteilnahme empfinden, außer man selbst bzw. jemand Nahestehendes wäre persönlich betroffen? Also

…zur Tagesordnung übergehen. Oberflächlich ja. Trotzdem erreicht der Terror sein Ziel: das Gefühl einer allgegenwärtigen, zunehmenden Bedrohung mitten unter uns. Und ohnmächtige Wut auf solch gewissenlose, feige Attentäter. Wie anders die Männer des 20. Juli mit ihrem Anschlag auf Hitler 1944! Ihr verzweifelter Versuch, das massenhafte Morden und den Krieg zu stoppen geschah aus Verantwortung! (s. folgende BGInfo-Ausgabe).

Heute aber eine Gratwanderung…
In unserer global vernetzten Welt sind wir von zahllosen Konflikten, Extremismus, Gewalt mit betroffen, obwohl wir im Wohlstand und Rechtsstaat leben: Eine Herausforderung – nur nicht dazu, mit denselben Mitteln zurückzuschlagen! Trotzig wird propagiert, wir sollten uns den Spaß am Leben nicht verderben, unsre Freiheit nicht nehmen lassen. Doch die immer aufwendigeren Sicherheits-Maßnahmen gegen das Anschlagsrisiko schränken die kostbaren, in Jahrhunderten errungenen bürgerlichen Freiheiten zunehmend ein:

SICHERHEIT contra FREIHEIT?
Sicherheit – eins der tiefsten und stärksten Bedürfnisse des Menschen. Allerdings gibt es sie stets nur unvollkommen –  Erich Kästner hat Recht mit seinem Vers „Wird‘s besser? Wird‘s schlimmer? fragt man alltäglich. Seien wir ehrlich: L E B E N

… ist immer lebensgefährlich.“
Wir können uns heutzutage gegen vieles absichern, sodass es scheint, wir hätten das Leben im Griff. Desto erschreckender, wenn sich dies als Illusion erweist. Dabei keine Frage: Auch ich möchte gern so gut wie nur möglich geschützt werden gegen vermeidbare Schäden an Leib und Leben! Aber das flapsige „No risk – no fun!“ trifft hier zu. Total sicher ist todsicher. Jesus zum Thema Angst: „Siehe, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe. Seid klug wie die Schlangen, doch ohne Falsch wie die Tauben. Hütet euch vor den Menschen – aber fürchtet euch nicht vor denen, die euch körperlich töten, aber eurer Seele nichts anhaben können. Fürchtet vielmehr den, der euch mit Leib und Seele ins Verderben bringen kann!“ (Matth 10, 16 ff.28)

Angst ist ein schlechter Ratgeber
…und von Christen sollte man mehr  erwarten dürfen als den Ruf nach Abschottung + Überwachung. Schon besteht real die Gefahr, die Unbefangenheit im Miteinander zu verlieren. Auf Vorurteile statt Kennenlernen zu setzen. Das natürliche Vertrauen im zwischenmenschlichen Umgang – also beim andern erstmal keine schlechten Absichten vorauszusetzen bis zum Erweis des Gegenteils – in Misstrauen zu verkehren. Selbstverständlich ist es nötig, Lage und Leute – auch sich selbst, nüchtern und realistisch einzuschätzen. Aber dann auch mal staunend festzustellen (mit der Losung des Evangelischen Kirchentags 1975 Frankfurt):

In Ängsten – und siehe, wir leben!
Man ist in dieser Welt vor nichts sicher. Doch im Glauben gibt es  Gewissheit und damit guten Grund für Lebensmut & Lebensfreude. Dazu D. Bonhoeffer in bedrohlichster Lage:

Gewiss ist, dass wir immer in der Nähe und unter der Gegenwart Gottes leben dürfen und dass dies für uns ein ganz neues Leben ist; dass es für uns nichts Unmögliches mehr gibt, weil es für Gott nichts Unmögliches gibt; dass keine irdische Macht uns anrühren kann ohne Gottes Willen und dass Not und Gefahr uns nur näher zu Gott treiben. Gewiss ist, dass wir nichts zu beanspruchen haben und doch alles erbitten dürfen; gewiss ist, dass im Leiden unsere Freude, im Sterben unser Leben verborgen ist; gewiss ist, dass wir in dem allen in einer Gemeinschaft stehen, die uns trägt: Geschwister im Glauben.

Es grüßt Sie,
Verena Engels