Menschwerdung

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 25, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 05. Dezember 2018)!

Menschwerdung – wie soll das gehen?

Die Autorin dieses Artikels – die Journalistin Juliane Bittner aus Berlin – sagt, indem wir anhand unseres Vorbildes Jesus lernen, unsere Herzen zu öffnen. Dann geht das mit dem Menschwerden. (Quelle: www.pfarrbriefservice.de).

» „Mach’s wie Gott, werde Mensch!“, lese ich auf einer Weihnachtskarte und denke: Ein Mensch bin ich doch schon – wie sollte ich erst einer werden?

Gott schafft [den/uns] Menschen aus dem Staub der Erde, erzählt die Bibel in ihrer reichen Bildersprache. Ist das nun etwas Vergangenes, oder geschieht diese Menschwerdung jetzt, jeden Tag? Ich glaube: Auch heute, auch im neuen [Kirchen-Jahr], soll aus dem Staub der Erde ein beseelter Mensch werden, ein Adam oder eine Eva, gebildet nach dem Herzen des Schöpfers, seiner Idee entsprechend, die sich verwirklicht hat, als Gott Mensch wurde. „Dies ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören“ (Mt 3,17), wird der ewige Gott später über Jesus von Nazaret sagen.

Neue Menschen?

Jesus Christus zum Vorbild meiner eigenen Menschwerdung nehmen, ihn nachleben, darauf kommt es an. Denn das „werde Mensch“ allein wäre zu wenig. Menschen sind auch Terroristen, die Andersdenkenden und Anderslebenden die Köpfe abschlagen. Menschen waren auch die Massenmörder des 20. Jahrhunderts, mehr noch: Sie wollten den neuen Menschen schaffen. Aber weder der „Herrenmensch“ der Nazis noch die „allseits entwickelte sozialistische Persönlichkeit“ der Kommunisten waren neue Menschen. Die Welt ist nicht lebensfreundlicher geworden, seit der auf- und abgeklärte Mensch die Angebote Gottes ausschlägt und seine Sache selbst in die Hand nimmt. Die Religionen schätzen das ganz realistisch ein: Sie rechnen mit menschlicher Schuld, die Unfrieden stiftet, Leid bringt und Zukunft blockiert.

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Jesus – Mensch und Gott

Johannes bringt im Prolog seines Evangeliums die Absicht Gottes auf den Punkt: Gottes Sohn, Jesus von Nazaret, wurde einer von uns. Ein Mensch aus Fleisch und Blut. „Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1,18), bezeugt der Evangelist. Jesus Christus ist nicht nur einer unter vielen eindrucksvollen Persönlichkeiten der Religionsgeschichte. Er ist mehr als ein herausragender Prophet, als der er beispielsweise im Islam verehrt wird.

Jesus Christus erhebt den Anspruch, als Sohn Gottes den Vater in menschlichen Worten zur Sprache zu bringen und in menschlichen Gebärden uns nahe zu sein. Spricht Jesus Christus, hören wir Gott in seinem menschlichen Echo. Legt er dem Kranken die Hände auf, berührt Gott sein Geschöpf. Erfüllt er den Willen des Vaters, schlägt er eine Schneise durch das Dickicht, damit der Mensch zu Gott finden kann. Und weil dieser Weg immer weiter nach unten führt, bis in die dunkelsten Winkel, geht der Gottessohn ihn selbst, bevor er andere in seine Nachfolge ruft. Seit Gott ein Mensch wurde, gilt die Aufforderung: „Mach’s wie Gott, werde Mensch.“

Das Glück finden

Die Erfahrung solcher Menschwerdung lehrt: Öffne ich mein Herz für den Menschen neben mir, erschließt sich zugleich eine Quelle für mein eigenes Glück, denn Geben ist tatsächlich seliger als Nehmen. Keiner hat ein besseres Leben, wenn er die anderen flieht, sich versteckt, sich weigert, Anteil zu nehmen und sich in seine Bequemlichkeit einschließt. Doch jedes Mal, wenn ich einem Menschen mit Liebe begegne, kann ich etwas Neues von Gott entdecken. «

In diesem Sinn: Einen glücksstiftenden Advent; eine Zeit sich zu öffnen, zu suchen und Anteil zu nehmen – so, dass Gott in uns ankommen und es geschehen kann, wovon dieser Artikel spricht: Menschwerdung.

Raimund Miller

 

Wissenswert: Wann beginnt der Advent?

Der Advent war eine Fastenzeit, auf die Tage zwischen dem 11.11. (St. Martin) und dem 06.01. (Erscheinung des Herrn, ehemals Weihnachten) festgelegt. Sein Ursprung reicht bis ins 6. Jh. Zurück. D.h.: „Römisch“ gab es zwischen vier und sechs Sonntage im Advent, bis Papst Gregor der Große ihre Zahl auf vier festlegte. Diese 4-Zahl stand für die viertausend Jahre, die die Menschen gemäß damaliger Auffassung nach dem Sündenfall auf den Erlöser warten mussten.

Die verbindliche Festlegung, wann der Advent begangen wird, stammt aus der Schlichtung des sogenannten „Straßburger Adventsstreits“. Bischof Wilhelm von Straßburg vertrat die Ansicht, dass die Adventszeit vier volle Wochen umfassen müsse. Dies setzte sich aber nicht durch. Auf Betreiben Kaiser Konrads II. wurde am 03. Dezember 1038 entschieden, dass es nur vier Adventssonntage geben solle. Ergebnis: Der erste Advent sei deshalb zwischen dem 27.11. und dem 03.12. zu begehen.