Der Weihnachts-Augenblick

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 26, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 19. Dezember 2018)!

Der Weihnachts-Augenblick

„Lass dich mal anschauen!“ Prüfend wandert Mutters Blick über meine Frisur. Eben hat sie mir die Zöpfe straff geflochten, steckt noch ein paar lose Strähnchen fest – „So, jetzt kann man dich springen lassen“ – Uff! Mit 13 ließ ich mir das dann nimmer gefallen: Start in manch heftige Auseinandersetzung um Kleidung + Haartracht.
Eigenwillen beim Outfit – Schimpfen ihrerseits, dass man mich s o  ja unmöglich anschauen könne…!

Angesehen sein – angesehen werden

…das hat’s in sich! Schon beim Spiel „Wer hält‘s länger aus?“, wo zwei einander unausgesetzt in die Augen blicken: Wer zuerst den Blick abwendet, hat verloren. Das wird nämlich mit der Zeit schwierig, sich lange anzusehen. Manche halten’s kaum ein paar ‘ aus!

In einem ‚AUGEN – BLICK‘…

…kann ja so viel drinliegen – ganz Unterschiedliches. Und wenn man jemanden gar nicht ansieht, ihm „keinen Blick gönnt“, ist das kränkend. Da gibt es den geradezu vernichtenden Blick („Wenn Blicke töten könnten…!“), den kritischen/ fragenden/ forschenden Blick. Oder kalt kann er sein, misstrauischen, verächtlich, der Blick. Gottlob gucken die Leute sich aber auch freundlich an, interessiert, voll Wärme, aufmunternd, mit Anteilnahme – tja,

die Chance des AUGEN – BLICK’s

kannst du so oder so nutzen… Ohne Worte wird da eine Menge gesagt, manchmal mehr oder anderes als das Ausgesprochene. Wie viel bewirken unsre Augen, wie verschieden kann man sich fühlen unter dem Blick des Andern: wohl oder unbehaglich, angenommen/ abgelehnt, verstanden oder taxiert, angemacht, gar bloßgestellt…

JESUS – seinen AUGEN – BLICK…

…den könnten laut Hermann Hesse Erwachsene gar nicht aushalten! So sagt er in seinem Weihnachts-Gedicht. Und das hat mich doll beschäftigt, das find ich erschütternd, da möcht ich ihm widersprechen – aber lesen Sie selbst:

Der Heiland

Immer wieder wird der Mensch geboren/ Spricht zu frommen, spricht zu tauben Ohren/ Kommt uns nah und geht uns neu verloren.

Immer wieder muss er einsam ragen/ Aller Brüder Not und Sehnsucht tragen Immer wird er neu ans Kreuz geschlagen.

Immer wieder will sich Gott verkünden/ Will das Himmlische ins Tal der Sünden/ Will ins Fleisch der Geist, der ewige, münden.

Immer wieder, auch in diesen Tagen/ Ist der Heiland unterwegs, zu segnen/ Unsern Ängsten, Tränen, Fragen, Klagen/ Mit dem stillen Blicke zu begegnen/ Den wir doch nicht zu erwidern wagen,
weil nur Kinderaugen ihn ertragen.

Was passiert in diesem AUGENBLICK

?? Musst du als erwachsener Mensch dich unangenehm durchschaut fühlen? Dass die Augen des Heilands dir ein schlechtes Gewissen machen?
Tatsächlich gibt es ja Begegnungen, die einen mit sich selbst konfrontieren. Wo man sich im Blick des andern erkannt fühlt. Und je nachdem, was da sonst mitschwingt: kühle Einschätzung oder warmes Verstehen…

…der AUGEN – BLICK entscheidet,

ob man in solcher Begegnung niedergeschlagen wird oder Mut schöpft. Ob man sich ins Beschönigen und Rechtfertigen nicht zu vertuschender Fehlerflüchtet – oder dazu stehen kann, weil man sich vom Andern angesehen fühlt als ganzer Mensch, der viele positive Seiten hat und immer neu die Chance, immer mehr Mensch zu werden.

Die AUGEN – BLICKE der Kinder

Die sind, das meint H. Hesse wohl, tatsächlich unbefangen, offen, harmlos, zumindest bei den Kleinen. Vor denen muss man sich nicht abwenden. Denn von den Kindern geht noch das Zutrauen aus, dass Du einfach ein Mensch bis, von dem auch Gutes zu erwarten ist. Zumal Du innen drin ebenfalls immer auch Kind bist. Und wenn dann fröhlich zum Christfest erklingt „Der Heiland ist geboren, freu dich, o Christenheit“, dann sind alle eingeladen, nicht einem Richter, sondernd wirklich einem HEILAND zu begegnen: Da blickt ein Kind uns an – ja, aus Kinderaugen blickt GOTT uns an

Ich halte es mit R.A. Schröder, der so dichtet: „Es geht uns nicht um bunten Traum/ Geschenke-Lust und Lichterbaum – wir bitten, blick uns an, o Gott, und lass uns schau‘n dein Angesicht, drin jeder, was ihm fehlt, gebricht, gar leicht verschmerzen kann.“

Frohe, gesegnete Weihnachten!

Verena Engels-Reiniger