Liebe, Zeit und Tod

– nachgedacht

…so lautet der Titel des Kurseelsorge-Artikels in Ausgabe Nr. 23 der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 08. November 2017.  – Gute Lektüre!

Liebe Leserin, lieber Leser,

zeitlich von jetzt aus gesehen – wir haben Mitte Oktober – „erst kürzlich“, schaute ich den Film Verborgene Schönheit. Während die meisten Kritiker/innen ihn zerrissen haben, als zu konstruiert und oberflächlich, fand er in der Ausleihe enorm positive Resonanz: interessant im Aufbau und mit Tiefgang. Mich sprach u.a. der Gedanke an, mit Liebe, Zeit und Tod in direktem Kontakt, ja Austausch zu sein. So wie es den vier Filmdarsteller/innen in ihren jeweiligen Lebenssituationen geschieht; wie z.B. Howard, dem New Yorker Werbefachmann, im Umgang mit dem Verlust seiner Tochter.

Ich dachte mir, der November ist genau richtig, um darüber nachzudenken – Liebe, Zeit und Tod – und den Film zu zeigen: Am 17.11., um 19:30, im Kurhotel am Reischberg. Sobald ich meinen Kalender aufschlage, habe ich das Gefühl, diesen drei Begriffen permanent zu begegnen: An Tagen wie Allerheiligen, St. Martin, Volkstrauertag, Toten- oder Ewigkeitssonntag bzw. Christkönig und nicht zuletzt 09. November, ein Tag voller Ereignisse.

Nach meinem Empfinden scheinen hier jeweils Liebe, Zeit und Tod auf. Bspw. beim Heiligen Martin, um es konkret zu machen: Dessen Leben und Handeln ist lange her. Dennoch überdauert seine Liebe zu Gott und den Menschen die Zeit. Ebenso das, was er getan hat – den Bettler vor dem Tod bewahrt.

 

Wie aber ist das mit Zeit, Tod und Liebe? Inspiriert von John Lennons Lied „Love“ ist für mich Liebe Realität, Wirklichkeit. Denn wenn nicht, was wäre (sie) dann? Wenn Liebe real ist und wirklich – also etwas, das wirkt – was heißt das für unser Leben anderes, als dass es von Liebe geprägt sein sollte, ja müsste?! Andernfalls wäre das Leben doch lieblos und die Liebe leblos. –
Weitergedacht bedeutet Liebe demnach auch Fühlen und umgekehrt Fühlen Liebe. Mit anderen Worten: Das eine ohne das andere geht nicht, zumindest nicht wirklich.

Ein weiterer Gedanke John Lennons: Liebe ist Wunsch. Liebe ist Sehnsucht danach geliebt zu sein, Selbstliebe mitinbegriffen. Christlich betrachtet, sagt Jesus, du sollst „deinen Gott lieben“ und „deinen Nächsten, wie dich selbst“ (vgl. Mk 12,29-31). Aber kommt nicht erst jede/r von uns zu sich selbst, durch die Liebe des/der anderen? Martin Buber, der jüdische Religionsphilosoph, sagt sinngemäß: Erst am Du werde ich zum Ich. Christlich gesprochen werde ich durch Gott zum Menschen.

Liebe ist auch Berührung – und Berührung Liebe. Was wäre das eine ohne das andere? So heißt Liebe Gegenüber. Das Gegenüber und ich selbst bilden eine Einheit. Wir existieren, wir lieben, also sind wir.

Wenn ich nun das Wort Liebe in meinen Überlegungen durch Zeit und Tod ersetze – und auf die gleiche Weise durchbuchstabiere, was ergibt sich dann? – Ich wage den Versuch und beginne mit dem Tod.

 

Der Tod ist auch real. Leider. Denn wie sähe das Leben aus ohne ihn? Geht Leben gar nur mit ihm? Zutiefst schmerzlich ist der Tod auf jeden Fall, fühlen wir doch durch ihn, dass Leben endlich ist. – Manchmal ist der Tod auch ein Wunsch, besonders wenn das Leben zu schwer wird, oder zu sein scheint. Selbst dann ist der Tod als solcher jedoch die Grenze, über die ich nicht hinausschauen kann.

Nur glauben kann ich, glauben, dass wir durch ihn hindurch einmal zu Gott kommen, christlich gesprochen zu unserem Ursprung und Ziel. Das berührt mich, weil der Tod so gesehen die Liebe unterstreicht und jene Schönheit, die uns – hinter ihm verborgen – erwartet. Diese Schönheit kann schon hier in Liebe gelebt werden, denn in unserem Leben ist noch viel Raum für Liebe. Und es schmerzt zu merken, wenn uns hier etwas fehlt. Nämlich Zeit.

 

Endlichkeit liegt in der Zeit, nur bei Gott ist Ewigkeit – formulierte ich schon vor Jahren. Ich frage mich, ob ich die Zeit die ich habe, überhaupt erfasse – wahrnehme als real? Zumindest habe ich in einer Begegnung mit ehemaligen Ministranten eine Ahnung davon bekommen, wie sich zehn Jahre anfühlen, zehn Jahre, die ich jetzt schon in Bad Wurzach lebe.

Zeit prägt Leben. Zeit ist der Wunsch, Zeit zu haben – christlich gesprochen, für Gott, unsere Nächsten und uns selbst. Dennoch gilt auch hier: Wir kommen erst dadurch zu uns, dass wir einander Zeit schenken – von Mensch zu Mensch, von Gott zu Mensch, und wieder zurück. So gesehen merke ich, Zeit ist wie Liebe Berührung und ebenso Gegenüber.

Wir haben Zeit, wir bekommen Zeit geschenkt, Zeit „zum Aufstehen, zu gehen; zum Wachsein, zu sehen; zu leben, zu lieben; zu geben, zu sein“ (Kathi Stimmer-Salzeder). Wir brauchen das Gegenüber des Todes nicht zu fürchten, sondern können unser lebendiges Leben in Liebe, Zeit und Tod aus Gottes Hand nehmen.

 

Raimund Miller, Kurseelsorger