Katharina von Bora

– Frau ohne Eigenschaften?

…so lautet der Titel des Kurseelsorge-Artikels in Ausgabe Nr. 21 der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 11. Oktober 2017.  – Gute Lektüre!

In drei Wochen endet für Protestanten das Jubiläumsjahr; und damit evtl. auch das Marketing, welches die Feierlichkeiten zu 500 Jahren Reformation begleitete. Eine Maschinerie, in der auch Katharina von Bora steckte; und dank der sie u.a. auf Tassen, Kerzen oder Keksen zu finden war. Und diesen Freitag (den 13. Oktober, um 19:00 Uhr) taucht sie in der Ev. Kirche Bad Wurzach auf, gespielt von Heike Bauer-Banzhaf. – Doch wer war die Frau, deren Namen z.B. Kirchen oder Heime tragen?

» Die Quellen sind spärlich: 1499 wird sie im sächsischen Lippendorf als Tochter einer Landadelsfamilie geboren, vermutlich am 29. Januar. Mit sechs Jahren gibt ihr Vater sie zur Erziehung ins Kloster der Augustiner-Chorfrauen in Brehna im heutigen Sachsen-Anhalt; 1515 legt sie ihr Gelübde als Nonne im Zisterzienserinnenkloster Marienthron in Nimbschen ab. 1523… flieht sie von dort, zusammen mit elf weiteren Nonnen. Am 13. Juni 1525 heiratet sie den Reformator, mit ihm hat sie sechs Kinder. Sie stirbt am 20. Dezember 1552 in Torgau.

Dürre Fakten – die im eklatanten Widerspruch stehen zu der Überfülle von Texten und Bildern aus 500 Jahren… (Denn mit) Katharina von Bora als realer Person (haben) die zahlreichen Abbildungen und Texte,… nicht viel zu tun… Aber einiges damit, wie von Bora zu bestimmten Zeiten gesehen worden (ist).

Ausgangspunkt für das öffentliche Interesse an ihr ist die Hochzeit mit Martin Luther: Eine geflohene Nonne heiratet einen ehemaligen Mönch. Die skandalöse Verbindung wurde… als epochales Ereignis angesehen, das neue Verhältnisse begründete. –  Seitdem sind Gemälde, Grafiken, Plastiken, Flugblätter, biografische Texte, Gedichte, Schmähschriften und regalmeterweise Pfarrhausliteratur entstanden. Bis heute. 500 Jahre Katharina von Bora in Bild und Schrift. Trotzdem bleibt sie eine Unbekannte. Denn zu keiner Zeit (ist) es in diesen Darstellungen um eine Ähnlichkeit mit der lebenden Figur gegangen…

Die Frage muss also umformuliert werden: Welches Bild machte man sich von ihr zu welcher Zeit? Das wiederum hat viel damit zu tun, wer Luthers Gattin aus welchen Gründen für sich vereinnahmen wollte… In zahlreichen polemischen Schriften aus dem 16. Jh. werfen Katholiken Katharina von Bora Hochmut, Stolz und Verschwendungssucht vor, Liederlichkeit und Trunksucht. Man unterstellt der Ehefrau des Reformators voreheliche Beziehungen … auch mit Luther, mit dem sie schon vor der Hochzeit ein Kind gezeugt haben soll.

Derartige Anschuldigungen finden sich Mitte des 16. Jh. auch in Johannes Cochläus’ Werk „Kommentare des Johannes Cochläus über die Handlungen und Schriften des Sachsen Martin Luther, chronographisch zusammengestellt“. Das Bild, das der kath. Reformationskritiker (dort) von Katharina von Bora entwirft, hat zwar nichts mit der wirklichen Person zu tun. Dennoch zeigt das … immer wieder neu aufgelegte Werk… die beabsichtigte Wirkung: Durch die Anwürfe gegen seine Frau wird Luther beschädigt. Und über ihn die Reformation. Denn das haben seine Gegner begriffen: Katharina von Bora ist Luthers Achillesferse.

Es ist der Beginn einer jahrhundertelangen konfessionspolitischen Debatte, die über (diese) zentrale Figur… geführt wird. Die Polemiken der Katholiken rufen die Protestanten auf den Plan: Sie wehren sich, verteidigen die Reformation – indem sie Katharina von Boras Ruf wiederherzustellen versuchen. Sie sei eine gehorsame Ehefrau gewesen, habe gut für ihren Mann und ihre Kinder gesorgt, sei fleißig, anspruchslos und tugendhaft gewesen und überhaupt vorbildlich in ihrer Lebensweise, heißt es in den apologetischen Texten noch im 18. und 19. Jh. Minutiös rekonstruieren protestantische Wissenschaftler auch 200 Jahre nach dem Tod des Ehepaares die Zahl seiner Kinder – um auf diese Weise den Vorwurf des vorehelichen Geschlechtsverkehrs zu widerlegen.

(Und) auch die Gesellschaft beansprucht Katharina von Bora als willkommene Projektionsfläche. So zeigen Ölgemälde und Kupferstiche aus dem 19. Jh. von Bora im Kreise ihrer Familie, musizierend, beim Weihnachtsfest im Luther-Haushalt. Über die Pfarrhausliteratur… wird sie… zum Inbegriff der protestantischen Pfarrfrau. Was sie tatsächlich nicht war, denn… Luther… war (nicht) Wittenberger Stadtpfarrer. Schließlich stilisiert man sie zum Leitbild für protestantische Ehe- und Hausfrauen – passend zu einer Epoche, die die bürgerliche Familie zum Ideal erhebt. In den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jh. wiederum wird Katharina von Bora ganz zeitgemäß zur „starken“ Frau…

(Heute geht die Forschung) davon aus, dass Katharina von Bora sehr wohl klare Vorstellungen von der Organisation des lutherschen Professorenhaushaltes hatte. (Und, sie hat) das Schwarze Kloster… zum geistig-sozialen Zentrum in Wittenberg gemacht, (sowie) den Reformatoren-Haushalt als mittelständischen Betrieb geführt, wie man es heute wohl nennen würde. Wo sie Haus- und Landwirtschaft gelernt hat, ist nicht bekannt.

(Klar ist aber,) wer sich ihr als Mensch nähern will, muss alle historischen Bilder dekonstruieren. «

Herzlichen Dank an Christine Boldt (Freie Universität Berlin), die Autorin des Artikels für die Abdruckgenehmigung. In voller Länge finden Sie diesen unter: www.fu-berlin.de/presse/publikationen/tsp/2016/tsp-dezember-2016/forschung/frau-ohne-eigenschaften/index.html (vom 01.12.2016). Das Bild (gemeinfrei) ist ein Ausschnitt aus einem Gemälde Lucas Cranachs des Älteren, von 1526.

Gute Lektüre wünscht,
Raimund Miller, Kurseelsorger