Hey Luther

…so lautet der Titel des Kurseelsorge-Artikels in Ausgabe Nr. 22 der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 25. Oktober 2017.  – Gute Lektüre!

Hey Luther, wegen Dir gibt’s dieses Jahr ’nen extra Feiertag: Klasse – drei „like“! Ist der eigentlich Dir zu Ehren oder den Lutheranern? Oder doch eher zu Ehren der ganzen Kirche??? Hm, das wär noch zu
klären… Jedenfalls läuft dieses Reformations-Jubiläum jetzt seinem Höhepunkt zu am 31. Oktober. Doch mir ist zwiespältig zumute: Ausgerechnet der 31. Oktober, der Tag Deines Anschlags –

Mensch Luther, was hast Du da bloß losgetreten?! – Ja ich weiß, es war nur ein Zettel mit 95 Thesen. Wolltest ’ne längst fällige Diskussion über Missbrauch und Missverständnis des Ablass anzetteln. Anstoß zu dringend nötigen Reformen geben. Aber mal ehrlich, Luther, warst Du echt so naiv zu glauben, es würde bei ‘ner gesitteten Debatte unter Theologen und Kirchenoberen bleiben?! Wenn ich Deine Thesen lese und Deine Kommentare dazu – das war der Hammer!

Eine fundamentale Kritik, noch dazu mit dieser Riesen Publicity! Klar, wir wissen, es ging dir um die Wahrheit, die Du aus der Heiligen Schrift erkannt hattest.

Aber kein Wunder, dass die Obrigkeit reagierte wie auf ein Attentat. Die kapierten gleich, dass Deine Thesen und sonstigen Schriften ein Anschlag waren! Nämlich auf das Establishment der „una sancta catholica ecclesia“ samt dem Heiligen Römischen Reich. Zu wunde Punkte hattest Du getroffen. Zu heftig an Machtpositionen – und am großen Geld – gerüttelt… Deshalb, bei allem Respekt vor Deinem Scharfsinn und Deinem tollen Mut: Bei mir herrscht… nicht nur Feierlaune!

Sondern auch Betroffenheit. Die Kirchenspaltung als Folge, von Dir natürlich nicht beabsichtig, sie schmerzt. – Wie es wohl gelaufen wär, wenn man sich damals auf ‘ne faire Diskussion mit Dir und Deinen Anhängern eingelassen hätte? Und geordnet Reformen eingeleitet? Müßiges Gedankenspiel… Schon Jesus sagte, um seine Sache, um die Wahrheit werde es unvermeidlich Streit geben und Entzweiung… Jetzt fragt sich… wo stehen wir 500 Jahre später?

Es hat sich ja ungeheuer viel getan. Längst geht‘s endlich auch „bei Kirchens“ demokratisch zu – naja, mit Einschränkungen an gewissen entscheidenden Punkten. Immerhin haben die Konfessionen sich weit angenähert. In unsrer zunehmend säkularen Gesellschaft ist ihr gemeinsames Zeugnis für den Glauben gefragt, in Wort und Tat. Gut, dass wir bei vielem eng zusammenarbeiten.

Was für Thesen sind heute dran?!
Du, Luther, sagst vermutlich „Leute, Ihr seid frei, Ihr seid mündig: Schaut selber und redet miteinander!“ Ok – unsere aktuellen Probleme und Herausforderungen, wie gehen wir die als engagierte Christen an? Wo besteht Reformbedarf? Trotzdem denk ich, von Dir kann man immer lernen – ja echt! Bist eben doch… irgendwie ein Gigant.

Klar muss man Dich auch ständig von dem Sockel holen, auf den sie Dich schon früh gestellt haben. Du warst halt total medienwirksam! Hast Vermarktungsstrategien klug genutzt. Und das sag ich ohne jeden Neid, weiß ich doch: In dem Maß, wie jemand begabt ist und berufen zu außergewöhnlichen Taten – im selben Maß ist er auch umstritten, angefochten, einsam und gefährdet.

Dazu äußerst Du Dich ja persönlich ganz offen – und bleibst so… menschlich nah und faszinierend, auch mit Deinen Sprüchen! Saftig, teils derb treffen sie einfach ins Schwarze. Z.B. wie Du Deine Anhänger beschwörst, „sie möchten sich doch ja nicht lutherisch/ Lutheraner nennen nach mir altem stinkendem Madensack“! Tja, Du konntest es nicht hindern… Dabei gibt „evangelisch“ das Herzstück der Reformation doch am besten wieder. Wobei es bescheuert war, auf das „katholisch“ zu verzichten! Hast Du, päpstlicher Bann hin oder her, Deiner Lebtag ja nie getan. Drum gehörst Du uns beiden, „evang. + kath.“. Du bleibst für jede Konfession ’ne Aufgabe.

Also sind wir eigentlich… „evangolisch & kathogelisch“, weil Jesus das mit dem Evangelium ja weltweit angelegt hat, hm? Da sind wir weiterhin auf dem Weg – miteinander. Und nötig hat sie, unsere Kirche, ein ständiges Sich-reformieren. Wie eigentlich auch jeder Christenmensch…

Lieber Luther,

das hast Du mal ganz toll in einem Gedicht ausgedrückt, so realistisch wie hoffnungsvoll:

Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden; nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung: Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist der Weg… Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles.

Gut zu wissen, dass Gott mit uns am Werk bleibt. Drum Sie und Ihr alle – Gott befohlen!

Verena Engels

 

Bild, Wikipedia: Erste bildliche Darstellung Luthers (während der Leipziger Disputation 1519); Holzschnitt von Wolfgang Stöckel. Zu sehen ist auch eine Rose, die Luther (ergänzt durch ein Herz mit Kreuz) ab 1530 als Brief-Siegel verwendet.