Herbst – Zeit für Lebenskunst

…so lautet der Titel des Kurseelsorge-Artikels in Ausgabe Nr. 20 der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 27. September 2017.  – Gute Lektüre!

Liebe Leserin, lieber Leser,

manchen Leuten wird‘s ja schon zur Sommer-Sonnwende wehmütig ums Herz, weil sich ab da das Jahr neigt… Aber diesmal war pünktlich am 1. September zum meteorologischen Herbstanfang der Sommer vorbei: eine scheußliche Kälte  – hu! Dabei hatten wir auf einen schönen milden Altweibersommer gehofft, nicht wahr? Doch das Novemberwetter brachte einen schon ganz auf Novembergedanken, dass alles vergeht, ja, stirbt, in der Natur, im Leben, unaufhaltsam… Wie soll man‘s bloß aushalten  die kommende trübe Zeit?

Grade so fragt Friedrich Hölderlin im Gedicht „Hälfte des Lebens“ voller Schwermut:

Wo nehm‘ ich, wenn es Winter wird, die Blumen, und wo den Sonnenschein und Schatten der Erde? Die Mauern stehn sprachlos und kalt…

Dabei hatte er zuerst in wunderschönen Bildern vom Herbst geschwelgt!

Wer mag, lese nach – und schaue sich um: Noch steht die Natur voll im Saft dank dem reichlichen Regen. Noch blühen die Gärten prächtig. Noch gibt‘s die Fülle zu ernten!

Also ist erstmal Zeit für Erntedank.

Waghalsig nach der Nuss…

… die Eichhörnchen, ständig auf dem Sprung, sich Verstecke anzulegen mit nahrhaften Sachen. Ebenso die Mäuse, emsig am Sammeln vor dem Winter – köstlich erzählt im Bilderbuch von Leo Lionni: Während die Maus-Familie den ganzen Tag fleißig dabei ist, Vorräte einzuheimsen, sitzt Frederick untätig da und scheint das Faulenzen zu genießen. Auf die (wohl ein bisschen ärgerlichen) Fragen seiner Mäuse-Verwandten antwortet er, doch, auch er sei am Ernten. Auch er sammle Gutes, sehr Nötiges für die bevorstehende Zeit von Dunkel und Kälte.

Es ist Zeit sich zu wappnen – „Frederick-Zeit“

Und die dauert … Mäuse sind dann unter die Erde gebannt. Langeweile plagt, Missmut droht, gar Streit in der Enge und Kargheit. Da kommt Fredericks Stunde, nun teilt er seine Vorräte aus – Vorräte der besonderen Art: Er erzählt vom Sonnenschein, dem Glänzen und Strahlen so anschaulich, dass alle meinen, Licht und Wärme zu spüren. Das Grünen und Blühen des Sommers malt er ihnen vor Augen, dass sie die wunderschönen Farben quasi sehen. Er spricht von den Düften, den Tönen der Sommernatur so lebhaft, dass sie diese gleichsam riechen und hören können. All die Herrlichkeit der zurückliegenden Zeit lässt er seine Mäusekameraden geradezu erleben. Und das gelingt kraft der Erinnerung.

„Abschiedlich leben“…

Nicht wahr, das wär’s doch: So leben, dass man gern zurückschaut. So er-leben, dass man all das Gute in der Erinnerung bewahrt. Sein Leben bewusst gestalten, damit es sich lohnt, vieler Erlebnisse und Erfahrungen später zu gedenken. Und zwar dann, wenn es mit dem Älterwerden ruhiger wird im Leben. Vielleicht auch einsam. Wenn gesundheitliche Einschränkungen kommen und so mancher Kummer, so manche Sorge.

…heißt: Ernten mit allen Sinnen…

Wer weiß, ob uns nicht ein goldener Oktober bevorsteht… Zumindest wird es noch schöne lichte Tage geben. Da gilt’s zu genießen mit offenen Augen. Da gilt’s zu ernten mit allen Sinnen. Mit dankbarem Herzen – gut möglich, dass dann die Angst schwindet. Die Angst, weil dies Schöne einmal vorüber sein wird. Die Angst wegen dem unaufhaltsamen Fortschreiten der Zeit. Die Angst vor der Vergänglichkeit.

…und mitteilen, austeilen!

Elisabeth Kübler-Ross, die durch ihre Studien zum Sterben und zum Nahtod-Erleben bekannt wurde und wegweisend bleibt, hat das Wort „Abschiedlich leben“ geprägt. Es meint eigentlich eine Kunst zu leben. Lebenskunst, die Goethe in geradezu goldene Worte gefasst hat:

Auch das ist Kunst, sind Gottesgaben,
aus glückserfüllten Sonnentagen
sich so viel Licht ins Herz zu tragen,
dass, wenn der Sommer dann vergeht,
die Schatten nahen, Kälte weht,
ein Leuchten immer noch besteht.

Miteinander gelingt das nachhaltig, wie man heute so gern sagt. Wer mit allen Sinnen zu „ernten“ versteht, einen guten Vorrat an Erinnerung bewahrt, der findet auch Mittel und Wege, diesen Schatz zu teilen, davon auszuteilen. Das „Leuchten“ auch in die Augen anderer gezaubert, vervielfältigt sich wundersam…

Reiche Ernte und offene Vorratskammern wünscht Ihnen,

Verena Engels