Ein Schlüssel fürs Zwischenmenschliche

…so lautet der Titel des Kurseelsorge-Artikels in Ausgabe Nr. 14 der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 05. Juli 2017.  – Gute Lektüre!

Liebe Leserin, lieber Leser,

im allgemeinen möchte man sich den anderen möglichst vorteilhaft präsentieren, nicht wahr? Aber das klappt nur am Anfang unserer Beziehungen, sei’s in der Verliebtheit, sei’s unter Kolleginnen und Kollegen, sei’s im Verein. Wenn Menschen länger miteinander zu tun haben, lernt man einander erst wirklich kennen. Und gerade in stressigen Situationen, in Phasen von Druck und Belastung zeigen sich halt bei jedem Ecken und Kanten.

Meinungsverschiedenheiten kommen zum Tragen, manche Mitmenschen sind einem unsympathisch – und man muss sich trotzdem bemühen, bestmöglich miteinander auszukommen. Sobald dann noch wirkliche Interessenkonflikte entstehen, wird’s eine echte Herausforderung, das Zwischenmenschliche… Das fängt schon im Kindergarten an, das ist schon in der Schulklasse so.

…die netteste Seite…

Es gibt da eine Geschichte – meine Freundin, beruflich in der Lehrerausbildung tätig, hat sie mir geschenkt – die möchte ich Ihnen weitergeben:

Ein Schlüssel fürs Zwischenmenschliche

„Eines Tages bat eine Lehrerin ihre Schüler, die Namen aller ihrer Mitschüler in der Klasse auf einen Bogen Papier zu schreiben. Dann sollten sie sich für jeden Klassenkameraden in Ruhe überlegen, was sie das Netteste an ihm fanden. Und das sollten sie neben die Namen schreiben. Die Kinder machten sich an die Arbeit – und: es dauerte, bis jeder fertig war… Schließlich gaben sie ihre Blätter ab. Am Wochenende machte sich dann die Lehrerinan die Arbeit: Sie notierte jeden Namen auf ein extra Blatt und daneben die netten Bemerkungen aller Mitschüler.

Am Montag gab sie jedem Schüler seine oder ihre Liste. Alle lasen still. Doch schon nach kurzer Zeit lächelten viele. „Wirklich?“, hörte man flüstern. „Ich wusste gar nicht, dass ich anderen was bedeute!“ und „Ich hätte nicht gedacht, dass mich jemand überhaupt mag“. Oder „Sowas wusste ich gar nicht von mir“. Natürlich durften die Schüler ihre Listen behalten. Ihre Lehrerin beobachtete, dass auch die sonst oft Schlampigen das Blatt sorgfältig in ihrer Schultasche verstauten. Bald zeigte sich: Die Übung hatte ihren Zweck erfüllt. In der Klasse gingen alle ab da viel offener und freundlicher miteinander um.“

Zeig es rechtzeitig, sag es heute…

„Einige Jahre später verbreitete sich in der Stadt die traurige Nachricht: einer der Schüler, Tobi, war bei einem Unfall gestorben! – Zu der Trauerfeier kam auch die frühere Lehrerin. Und am Ende trat auch sie an Tobis Sarg. Da sprach einer der Freunde sie an: „Waren Sie nicht Tobis Klassenlehrerin?“ Sie bejahte. – „Tobi hat oft von Ihnen gesprochen.“ – Nach der Bestattung standen viele von Tobis früheren Klassenkameraden mit seinen Eltern zusammen. Der Vater ging auf die Lehrerin zu: „Wir wollen Ihnen etwas zeigen“, sagte er und zog seine Brieftasche hervor. „Das wurde gefunden, als man Tobi geborgen hatte. Schauen Sie.“ Er hielt ein stark abgenutztes Blatt hoch, das offensichtlich viele Male auseinander- und wieder zusammengefaltet, ja, sogar schon geklebt worden war. Die Lehrerin erkannte voll Staunen: dies war eines der Blätter mit den netten Dingen, die seine Klassenkameraden über Tobi geschrieben hatten. Tobis Mutter sagte: „Wir danken Ihnen von Herzen, dass Sie das mit den Schülern gemacht haben! Wie Sie sehen, ist es für Tobi ganz ganz wichtig geblieben.““

Eine Wohltat – nachhaltig…

„Da räusperte sich einer der ehemaligen Mitschüler, Charlie – man merkte ihm den Kloß im Hals an: „Ich habe meine Liste auch noch. Sie liegt in meiner Schreibtischschublade!“ Nina erzählte: „Wir haben die Liste in unser Hochzeitsalbum geklebt.“ – „Ich habe meine auch noch“, bemerkte Kirsten. „Sie liegt in meinem Tagebuch.“ Severin griff in seinen Taschenkalender und zog seine abgegriffene Liste hervor. „Ich trage sie immer bei mir. Ich glaube, wir alle haben die Listen aufbewahrt.“

Die Lehrerin war gerührt, sie weinte –   weinte um Mark und alle seine Freunde, die ihn nie mehr sehen würden. Doch zugleich war sie erfüllt von einem ganz tiefen Gefühl: Wie gut, was da gelungen war! Dass ihre Schüler dies gelernt hatten: einander ihre Sympathie und Wertschätzung mitzuteilen. Dass jeder wusste: Es gibt so manch nette Seite an mir… Und dass das ein Schatz fürs Leben geworden war.“

Wertschätzung hilft, fair zu streiten

Liebe Leserin, lieber Leser, Ihr Fazit?

Ich meine: „Zur Nachahmung empfohlen“. Doch weiß ich natürlich: Es gibt auch die anderen, schwierigen Seiten bei den lieben Mitmenschen. Und – bei mir selbst! Muss man sich mit auseinandersetzen. Fair streiten lernen. Aber das gelingt desto konstruktiver, je konsequenter man im täglichen Miteinander die eigene Aufmerksamkeit auf die „netten Seiten“ des bzw. der anderen richtet. Gute Erfahrungen damit wünscht Ihnen,

Verena Engels