Dunkelbunt – Die Farben des Herbstes

Gute Lektüre mit unserem Kurseelsorge-Artikel (in Ausgabe Nr. 21, der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 09. Oktober 2019)!

Dunkelbunt – Die Farben des Herbstes

Wenn ich im Herbst unterwegs bin, z.B. zu Fuß durch die Natur, dann finde ich spannend, welche Farben mir dort begegnen. Und mir gefällt, wie Christine Busta sie in ihrem Gedicht „Abstrakte Ikone“ in Worte fasst: „Nebelweiß, Steingrau, Wacholdergrün, Sonnenblau, Sanddornrot, Rohrkolbenbraun und Wassersilber. Auch einen Hauch von Schattenpurpur und sehr viel zärtliches Blattgold.“

Vielfarbige Ermutigung

Wie der Herbst, so hat jede Jahreszeit ihre Palette an Farben. In der Stilberatung ist deshalb auch von Jahreszeit-Typen die Rede. D.h. dort wird die Möglichkeit geboten, zu schauen: Welche Jahreszeit hat welche Farben und (wie) orientiere ich mich daran? Am Herbst wiederum freut mich, dass er sich häufig in warmen Farben zeigt. Besonders schön ist, wenn das Herbstlicht das Farbenkleid der Erde noch einmal in einer wunderbaren Fülle erwärmt – bevor der Winter kommt, mit seinen klaren Konturen. Und selbst wenn jetzt die Brauntöne zunehmen und uns an die Vergänglichkeit erinnern, schenken uns die Herbstfarben die Ermutigung, unser Leben trotz mancher Dunkelheit vielfarbig zu sehen.

Lieblingsfarbe·n

Apropos vielfarbig. – Haben Sie eigentlich eine Lieblingsfarbe, oder gar mehrere? Und (wie) zeigen Sie diese? Wählen Sie bspw. Ihre Kleidung danach aus, oder lassen Sie davon eher die Räume prägen, in denen Sie leben? Haben sich die Farben im Laufe Ihres Lebens verändert und erinnern Sie sich zufällig noch daran, wie und als diese Wechsel stattfanden?

„Rot“ antworte ich derzeit, wenn meine Tochter mich danach fragt, welche Farbe ich am liebsten mag. Rot, gerne „tief“ oder auch „leuchtend“, aber Hauptsache „satt“ muss es sein. Ich habe z.B. einen Pulli in dieser Farbe, den ich sehr gerne trage. Wie lange rot bei mir schon Platz 1 hat und ob das so bleiben wird, kann ich nicht sagen. Was ich sagen kann, ist: Als Jugendlicher mochte ich es kunterbunt, viele Farben durcheinander – in einem Stück. Heute mag ich Farbenvielfalt immer noch, aber gerne nacheinander. D.h. mal diese Farbe, dann wieder jene. Am liebsten ein Ton und den gerne satt.

Zwei Taschen voll

In diesem Zusammenhang gefällt mir der folgende jüdische Midrasch. Er heißt „Zwei Taschen“ und lautet so: »Rabbi Bunam sprach zu seinen Schülern: „Jeder von euch muss zwei Taschen haben, um nach Bedarf in die eine oder andere greifen zu können: In der rechten liegt das Wort: ‘Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden’ und in der linken: ‘Ich bin Erde und Asche’.« – Und was bedeutet das jetzt? Für mich: Im bunten Zustand nicht die linke Tasche zu vergessen, sowie in der Einfarbigkeit sich an die rechte zu erinnern.

Auch wenn das jetzt (kirchen)jahreszeitlich ferne liegt, muss ich hier unweigerlich ans Frühjahr denken. An den Übergang von der Fasnet übers Fasten Richtung Ostern. Denn da folgt auf das Bunt des Lebens die Asche der Vergänglichkeit und darauf wiederum das Licht Gottes. Also „Lumen Christ“, Ostern in all seinen Farben! Um jedoch im Herbst zu bleiben: Er ist der Übergang vom bunten Sommer in das Dunkel des Winters. Allerdings nicht mit dem Ziel, uns darin zu belassen. Sondern um uns das Licht von Weihnachten zu eröffnen. Verbunden mit der Botschaft, dass Christ der Retter da ist; dass er die Not wendet, aus Freude am Leben; dass die Tage wieder länger werden – und damit die Farben bunter.

Dunkelbunt

Auch wenn dieses Ziel des Herbstes klar ist und er uns an Sonnentagen ein großes Leuchten schenkt, so steht er jetzt zuerst einmal für die wachsende Dunkelheit im Jahreskreis. Und für unsere Lebenszeit, denke ich, trifft das genauso zu. Entsprechend kommt im Herbst des Lebens ein anderes Farbenspiel zur Geltung, als z.B. im Frühjahr oder Sommer. Wie vorhin schon gesagt: Mir scheint das Herbstlicht vom Farbton her wärmer zu sein als zu den anderen Jahreszeiten. Wärmer, aber auch dunkler. Friedensreich Hundertwasser nennt es „dunkelbunt“. – Doch egal, ob wir im Lebensherbst stehen, oder in einer anderen Jahreszeit, es ist wichtig immer wieder nach der eigenen Färbung zu schauen. Weil wir auf diese Weise einschätzen können, wo wir stehen und wie es um uns steht?

Eingefügt und aufgehoben

Stellen wir uns dazu noch das Leben wie einen Teppich vor, so sehen wir, wie unsere Farben darin eingewoben sind – sich weiter einweben und ein Ganzes ergeben. Dabei können wir den Farben in unseren Lebensabschnitten verschiedene Bedeutungen zusprechen: Z.B. kann ein dunkler Faden für eine Krise stehen, die durchlebt werden musste. Dennoch fügt er sich ins Ganze ein und ist an seiner Stelle der richtige Ton im Gewebe.

Dieses Bild hier (von Tobias Bauer) erinnert mich an solch ein Gewebe. Es zeigt die Front der Taborkirche in der Burg Feuerstein. Wir sehen zunächst den weißgewölbten Altarraum, wie er sich in diesen Farbteppich aus Glas hineinschiebt (von Georg Meistermann). Doch plötzlich wird sichtbar, wie Jesus auf dem Berg Tabor erscheint, als weiße Lichtgestalt. Eine Gestalt die zeigt: Wie Weiß keine Farbe ist, hat auch Gott keine Farbe. Aber er hat alle Farben der Welt angenommen, so, wie sie in diesem Glasfenster aufleuchten. D.h., in der Mitte des Wandlungsraumes strahlt Gottes Fülle auf und wir – seine Farben – sind darin aufgehoben.

PR Raimund Miller