Dietrich Bonhoeffer

Dietrich Bonhoeffer mit Schülern (1932), aus Wikipedia

„Dietrich Bonhoeffer“ …so lautet der Titel des Kurseelsorge-Artikels in Ausgabe Nr. 15 der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 18. Juli 2018.  – Gute Lektüre!

Am 20. Juli, vor 74 Jahren, scheiterte der bedeutendste Umsturzversuch gegen Hitler und sein Regime. Mitbeteiligt am Widerstand: Dietrich Bonhoeffer. Der folgende Artikel (gekürzt, aus FOCUS Online), ist seinem Umgang damit, wie auch seinem Leben gewidmet. Meinen Dank an den Autor, Harald Wiederschein, für die Abdruckgenehmigung! Raimund Miller

Am 27. Juli 1945 fand in der „Holy Trinity Church“ in London ein bemerkenswerter Gedenkgottesdienst statt. Bemerkenswert …, weil er einem Deutschen galt… Dass es auch „gute Deutsche“ im Reich der Nazis gegeben hatte, war eine Vorstellung, an die sich die Briten erst gewöhnen mussten. – Der „gute Deutsche“, dessen die Gottesdienst-Besucher gedachten, war der ev. Theologe Dietrich Bonhoeffer. Zusammen mit zahlreichen Mitverschwörern hatte er versucht, das Nazi-Regime zu stürzen…

Allerdings war Bonhoeffer nicht der … unangefochtene „Säulenheilige“, zu dem ihn spätere Erzählungen gerne stilisierten. Suchend, irrend, zweifelnd durchlebte er die dunklen Jahre der NS-Diktatur, aber auch mit großem Mut und dem Willen, sich selbst in Frage zu stellen.

Gegner der Nationalsozialisten von Anfang an
Vermutlich hat persönliches Versagen dazu beigetragen, dass … Bonhoeffer sich so vehement widersetzte, als die ev. Kirche in den Sog des Nationalsozialismus geriet. Noch im Frühjahr 1933 hatte er sich dem Wunsch seiner geliebten Zwillingsschwester verweigert, die Grabrede auf ihren verstorbenen jüdischen Schwiegervater zu halten. Er gehorchte damit … seiner Kirchenleitung. Eine Kapitulation vor der Obrigkeit…, die ihm lange zu schaffen machte. – Doch ein Gegner der Nationalsozialisten war Bonhoeffer von Anfang an. Bereits in den Monaten nach Hitlers Machtübernahme prangerte er … die „Gleichschaltung“ von Staat und Gesellschaft an. Und im Rundfunk sprach er davon, dass ein echter „Führer“ seine Autorität begrenzen müsse…

Eintreten für die Juden
Für die Verfolgten des Nazi-Regimes forderte er kirchliche Unterstützung…, was v.a. die Juden miteinschloss. Aus diesem Zusammenhang stammt auch das berühmte Zitat, dass man „dem Rad in die Speichen fallen“ müsse, wenn der Staat in seiner Recht und Ordnung schaffenden Funktion versage… Mit seinem Eintreten für die Juden fand Bonhoeffer in seiner Kirche wenig Rückhalt. Im Gegenteil – viele Verantwortliche … unterstützten offen den Nationalsozialismus. Als besonders unrühmliches Beispiel ist etwa Reichsbischof Ludwig Müller zu nennen, der bereits 1931 der NSDAP beigetreten war und die ev. Jugendorganisationen in die HJ eingliedern ließ.

Immer stärkere Isolation
Laut eigener Aussage empfand Bonhoeffer, dass er sich gegen alle seine Freunde „in einer radikalen Opposition befände“. Aus diesem Gefühl der … Isolation beschloss er, Deutschland vorübergehend zu verlassen. Ab Oktober 1933 ging er für zwei Jahre nach London, wo er als Pastor deutsche Gemeinden betreute. Aber auch nach seiner Rückkehr änderte sich an seiner Grundsituation wenig… Selbst innerhalb der 1934 gegründeten „Bekennenden Kirche“, die Distanz zum NS-Staat zu halten versuchte, fand Bonhoeffer immer weniger Unterstützung.

Rückkehr aus Verantwortung
Deshalb … plante er erneut, Deutschland zu verlassen. Anfang Juni 1939 brach er nach New York auf. Doch schon einen Monat später machte er sich wieder auf den Rückweg. Zu stark fühlte er sich für seine Heimat verantwortlich, als dass er [sie] im Stich lassen konnte. – Als Rechtfertigung schrieb er in einem Brief:

Eine derartige Entscheidung muss jeder Mensch für sich selbst treffen. Die Christen in Deutschland werden vor der furchtbaren Alternative stehen, entweder die Niederlage ihrer Nation zu wollen, damit die christliche Zivilisation überlebe, oder den Sieg ihrer Nation zu wollen und damit unsere Zivilisation zu zerstören. Ich weiß, welches von beidem ich wählen muß; aber ich kann diese Wahl nicht treffen … in Sicherheit …

Der Weg in den Widerstand
Zurück in Deutschland traf der bisherige „Kirchenkämpfer“ seine Wahl. Über seinen Schwager Hans von Dohnanyi nahm Bonhoeffer Verbindung auf zum … Geheimdienst der Wehrmacht… Hitler [sollte] beseitigt werden, so lautete das Ziel. Ein Attentat auf den Diktator schien dazu die erfolgversprechendste Lösung zu sein. Bonhoeffer selbst war an [den] Planungen nicht direkt beteiligt, sondern hatte die Aufgabe, als Verbindungsmann Kontakte zu ausländischen Regierungen zu knüpfen und sie über den deutschen Widerstand zu informieren. Nach einem Umsturz, so die Hoffnung…, würden jene darauf verzichten, Deutschland militärisch zu überrollen und einem „maßvollen“ Frieden zustimmen.

Widersprüche und Zweifel
Erfolg hatte Bonhoeffer [damit] nicht… Über die persönlichen Deformierungen, die das Leben im Widerstand mit sich brachte, äußerte [er] sich Ende 1943 [so:]

Wir sind stumme Zeugen böser Taten gewesen, wir sind mit vielen Wassern gewaschen, wir haben die Künste der Verstellung und der mehrdeutigen Rede gelernt, wir sind durch Erfahrung mißtrauisch gegen die Menschen geworden und mußten ihnen die Wahrheit und das freie Wort oft schuldig bleiben, wir sind durch unerträgliche Konflikte mürbe oder vielleicht sogar zynisch geworden – sind wir noch brauchbar?

Auch hatte der gläubige Christ und überzeugte Pazifist moralische Skrupel, am geplanten Tyrannenmord mitzuwirken… Er bekannte, dass er damit bewusst gegen das göttliche Gebot „Du sollst nicht töten!“ verstieß und … schuldig wurde…

Verhaftung und Hinrichtung
Doch sämtliche Attentatsversuche scheiterten… am spektakulärsten der … vom 20. Juli 1944… Obwohl [dann] viele Verschwörer verhaftet und hingerichtet wurden, blieb Bonhoeffers Rolle zunächst unentdeckt. Im Herbst allerdings fand die Gestapo zufällig geheime Dokumente, die auch ihn belasteten. Sie inhaftierte ihn und weitere Mitverschwörer… als persönliche Gefangene Hitlers… Am 9. April [1945] wurden Dietrich Bonhoeffer und fünf weitere Widerstandskämpfer… von SS-Schergen ermordet.