Der Zentral der Juden in Deutschland

…so lautet der Titel des Kurseelsorge-Artikels in Ausgabe Nr. 15 der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 19. Juli 2017.  – Gute Lektüre!

Mit heute, dem 19. Juli, besteht der Zentralrat der Juden in Deutschland auf den Tag genau seit 67 Jahren. Hier ein Einblick in seine Gründung, Geschichte und sein Wirken:

Zusammenschlüsse
Bereits zwei Monate nach der Befreiung Deutschlands durch die Alliierten haben sich die „geretteten Reste“ der deutschen Juden zusammengeschlossen. Am 1. Juli 45 formierte sich das Zentralkomitee der befreiten Juden in der amerikanischen Zone. Ähnliche Zusammenschlüsse folgten in den anderen Besatzungszonen. Und bereits in 1946 gab es wieder jüdische Gemeinden.

Gründung
Am 19. Juli 1950 gründete sich in Frankfurt am Main der Zentralrat der Juden in Deutschland. Zur konstituierenden Sitzung waren Delegierte der wiedererstandenen jüdischen Gemeinden in den vier Besatzungszonen gekommen. Es sollte eine Interessensvertretung während der Übergangszeit bis zur endgültigen Ausreise sein. Zu diesem Zeitpunkt lebten im Nachkriegsdeutschland rund 15.000 Juden.

Zu den Überlebenden stießen in den ersten Nachkriegsjahren die Re-Migranten, die aus dem Exil in ihre alte Heimat zurückgekehrt waren. Dazu kamen rund 200.000 Juden aus Osteuropa, die nicht mehr in ihre alte Heimat zurückkehren konnten oder wollten – sog. Displaced Persons. Deren Zahl stieg noch, als nach Pogromen in Polen viele dort lebende Juden auswanderten.

Lebensperspektive
Die Mehrheit dieser Flüchtlinge begriff Deutschland jedoch nur als eine Zwischenstation auf der Ausreise ins „Land Israel“. Die jüdischen Gemeinden in diesen Jahren wurden als „Gemeinden in Abwicklung“ verstanden. Doch aus dem Übergang wurde für eine nicht unerhebliche Gruppe eine neue Lebensperspektive. Langsam wurden die gepackten Koffer für die Emigration ausgepackt. Und in den Nachkriegsjahren bildeten nun circa 26.000 Gemeindemitglieder rund 50 Gemeinden (in der BRD). – Seit dem 1. April 1999 befindet sich die Verwaltung des Zentralrats in Berlin. Derzeit gehören ihm 108 Gemeinden mit rund 101.300 Mitgliedern an (s. Karte der Landesverbände und jüdischen Gemeinden).

Interessen vertreten
Die Gründungsriege des Zentralrats legte das Hauptaugenmerk auf die Förderung und Pflege religiöser und kultureller Aufgaben der jüdischen Gemeinden, wie auch auf die Vertretung der gemeinsamen politischen Interessen. Dieses gilt bis heute. Die besondere Solidarität der Juden in Deutschland gilt Israel, wo viele Schoa-Überlebende ihre neue Heimat gefunden haben.

Eine weitere Hauptaufgabe war die Durchsetzung einer Entschädigungsgesetzgebung durch die Bundesregierung. Neben der Vertretung jüdischer Interessen ist heute einer der Schwerpunkte die Integration von jüdischen Zuwanderern aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. – Der Zentralrat unterstützt außerdem die jüdischen Landesverbände und Gemeinden darin, Sprachkurse, Bildungsseminare, Religionsunterricht, u.v.m. anzubieten. – Darüber hinaus beteiligt sich der Zentralrat aktiv am politischen und gesellschaftlichen Leben in Deutschland.

Fenster öffnen
Ein wesentlicher Arbeitsschwerpunkt ist die Förderung der Verständigung und der gegenseitigen Achtung zwischen Juden und Nichtjuden.

Wie wichtig das ist, gerade in der heutigen Zeit und nicht nur für diese beiden Seiten – und was es für ein „sich verstehen und sich achten“ braucht, machte vor Jahren der amerikanische Rabbiner Isaac Klein (1905-1979) deutlich: „Die Zeit ist gekommen, dass auch wir unsere Fenster zur Zukunft hin öffnen und für das Morgen zu planen beginnen, das sicherlich kommen wird.“

Mit anderen Worten: „Fenster öffnen“, durch mich selbst und zugleich durch mein Gegenüber, das ermöglicht Verständigung und Achtung – und heißt „Zukunft haben“.

Raimund Miller, Kurseelsorger

ps: Besten Dank an Jutta Wagemann, die Pressesprecherin des Zentralrats der Juden in Deutschland, für die Erlaubnis „Material“ aus der Homepage nehmen und für diesen Artikel verwenden zu dürfen!