Der Wurzacher Gnadenstuhl – ein Vorgeschmack auf den Himmel

…so lautet der Titel des Kurseelsorge-Artikels in Ausgabe Nr. 06 der Bad Wurzacher Bürger- und Gästeinformation vom 15. März 2017.  – Gute Lektüre!

Der Wurzacher Gnadenstuhl

In der Bad Wurzacher Stadtkirche Sankt Verena ist ein wunderbares Kleinod – fast möchte man sagen – verborgen: der Wurzacher Gnadenstuhl. Es wird zwar im Kirchenschiff darauf hingewiesen, aber wer weiß schon was ein Gnadenstuhl ist und so finden sicher nicht alle Besucher zu dieser wunderbaren Darstellung, die man über eine Seitentür und eine Treppe erreicht.

Wer hinaufgeht, wird wirklich belohnt. Jedenfalls war noch keiner meiner Gaste, die ich dorthin geführt habe, enttäuscht.

Was man vorfindet ist eine, vielleicht 70 cm hohe Darstellung eines sogenannten „Gnadenstuhls“, die Darstellung der Trinität also, bei der Gottvater gewöhnlich auf einem Thron sitzt, den toten Jesus in Armen hält und der Heilige Geist als Taube über den beiden schwebt.

In Bad Wurzach sitzt Gottvater nicht, er steht. Sein rechtes Bein ist etwas angewinkelt, wie um dem toten Jesus etwas Halt zu geben und die Last des Körpers damit aufzufangen. Allerdings scheint man von Last kaum reden zu können. Unendlich zart und irgendwie leicht, hält Gott seinen toten Sohn vor sich; hält ihn eigentlich gar nicht; hält ihn zumindest nicht fest. Ganz sanft stützt er ihn und hält ihn mit offenen Händen so, als wolle er ihm einen kleinen Schubs geben und zurück ins Leben schicken.

Jesus ist tot, das ist schon zu sehen, aber in dieser – fast möchte ich sagen – aufmunternden Geste Gottvaters ist schon seine Auferstehung, ist das Leben sichtbar.

Jedes Mal, wenn ich den Gnadenstuhl besuche, berührt mich auch das Antlitz Gottvaters; von Blick möchte ich gar nicht sprechen, denn ja, er blickt schon, aber eigentlich auch nicht. Er blickt niemanden an. Nicht seinen Sohn, nicht mich, die Betrachterin. Konzentriert blickt er vor sich hin und in sich hinein, glaube ich. Und doch ist sein Gesicht unglaublich sanft, unglaublich zärtlich und unglaublich verheißungsvoll und ja, obwohl er nicht blickt, auch zugewandt.

Das ganze Standbild (wobei es man es wirklich kaum „Stand“bild nennen kann, weil es alles andere als statisch ist) strahlt zugleich Ruhe und Dynamik aus. Nichts Aufgeregtes ist dabei,  und doch wirkt es lebendig – nein: strahlt es Leben aus, trotz des Todes. Ernsthaft ist es: der tote Jesus, der konzentrierte Gottvater, aber obwohl der Sohn tot ist, spüre ich keine Trauer, eher Hoffnung.
Es ist, also ob die Welt im Tod einen Moment innehält, aber man weiß schon, dass das Leben weiter geht.

Ein Vorgeschmack auf den Himmel – für mich ist dieses Standbild so ein Vorgeschmack.

Die Ruhe, die Zärtlichkeit, die Verbundenheit zwischen Vater und Sohn (Mensch und Gott), der Tod, der gleich, in einem kleinen Moment, überwunden sein wird, weil Gott uns hält, aber nicht klammert, sondern uns ins Leben schickt.

1 Kor 13,12 fällt mir dazu ein: „Wir sehen jetzt wie durch einen Spiegel, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin“. Dieses Erkennen, wie wir erkannt sind birgt eine unendlich tröstliche Verheißung. Ich finde es in diesem Blick Gottes, der niemanden durchdringt und doch alles zu wissen scheint. Vielleicht weil er mit diesem allwissenden Blick auch um die Bestimmung seines Sohnes, um unsere Bestimmung, um unsere Zukunft weiß.

Ja, so wird es sein – in und nach den vielen Niederlagen und Toden, die wir im Leben so erleiden, stützt er uns sanft und hält uns, aber von ihm kommt auch der Impuls zurück ins Leben. „Neu“ zurück ins Leben – unserer Bestimmung entgegen. Und von ihm kommt die Liebe für das Leben und die Vollkommenheit, auf die wir hoffen.

Wenn Sie in der Fastenzeit ein bisschen Zeit finden, wenn Sie Tröstung suchen oder zur Ruhe kommen wollen, dann besuchen Sie doch einmal den Gnadenstuhl in St. Verena. Ich bin sicher, es wird Ihnen guttun.

Barbara Vollmer, Pfarrerin

 

ps: Danke an Andreas Praefcke für die Abdruckgenehmigung des Bildes.